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SNack Anreize statt Zwang
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17:10 16.08.2018
Ein Freiwilligendienst, zum Beispiel in einer Kindertagesstätte, kann sinnvoll sein, sollte aber nicht zur Pflicht werden. Quelle: dpa
Landkreis

Ist den Politikern die Sommerhitze zu Kopf gestiegen?

Fast scheint es, als bräuchte die Politik nur mal eine kurze Ablenkung vom politischen Geschehen. Eine kurze Auszeit von den alltäglichen Lappalien. Grundsätzlich kann ich das verstehen. Auch ich würde mich freuen, wenn sich die Neuigkeiten auf Seite Zwei in der Tageszeitung mal nicht um selbstverliebte Politiker in Übersee oder den Verfall der Demokratie 2000 Kilometer südöstlich von uns drehen würden. Aber diese Diskussion war nicht von Nöten.

 

Die Politik diskutiert

CDU–Generalsekräterin Annegret Kramp-Karrenbauer gibt den Startschuss zu einer hitzigen Debatte. Während ihrer „Zuhörertour“ hätten einige ihrer Parteikollegen ihr Bedauern über den Wegfall der Wehrpflicht geäußert. Vielfach sei eine ersatzweise Dienstpflicht bei der Bundeswehr sowie im sozialen Bereich gefordert worden. Die Wehrpflicht war 2011 nach rund 55 Jahren ausgesetzt worden. An sozialem Engagement der Jugend mangelt es seitdem aber keineswegs. Jedes Jahr nutzen tausende die Chance, einen Freiwilligendienst abzuleisten, meistens für ein Jahr und direkt nach der Schule.

 

Mehr Zeit zur Orientierung  

Grundsätzlich ist ein Freiwilligendienst eine super Sache. Er hilft dem, der die Hilfe benötigt, und lehrt dem, der die Hilfe erbringt, viel Nützliches für sein späteres Leben. Aber ihn zur Pflicht machen? Ein verpflichtender Freiwilligendienst? Das macht Sinn. Widerspricht ja auch nur sich selbst. Ich habe selbst einen Bundesfreiwilligendienst (BFD) abgeleistet, und zwar in einer Kindertagesstätte in Stadthagen. Tatsächlich freiwillig, wenn auch nicht ganz ohne Hintergedanken. Ich wollte mir noch ein Jahr Zeit geben, um meine Zukunft zu überdenken.

 

Mut, sein sicheres Nest zu verlassen

 In der heutigen Zeit ein junger Mensch zu sein, der seinen Platz in der Welt finden muss, finde ich ungeheuer schwer, und über die Tatsache, dass mir G8 ein Jahr genommen hat, um genau das herauszufinden, ärgere ich mich immer noch. Mir fehlte – und fehlt immer noch – die emotionale Reife und der Mut, mein sicheres Nest zu verlassen. Mein freiwilliger Dienst sollte mir weiterhelfen.

 

Im Dienst viel gelernt

Ich habe in meinem BFD einiges gelernt. Hauptsächlich aufmerksam auf den Verkehr zu achten, die Küche sauber zu halten und mich zu behaupten, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass ich das in meiner Position nicht machen sollte. Ich habe aber auch viele wunderbare Stunden mit Kindern verbracht, die zwar ordentlich an meinen Nerven zerrten, mir aber gleichzeitig das schöne Gefühl gaben, wirklich gebraucht zu werden. Die Selbstverständlichkeit der Kinder, mir alles, was sie bewegte, zu erzählen, konnte mich zwar verunsichern, hat mich aber auch sehr glücklich gemacht. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, Gutes zu tun.

 

Junge Menschen mit Plänen nicht ausbremsen

Doch wer diese Erfahrungen nicht braucht, der wird in einem freiwilligen Jahr nicht glücklich – egal, in welchem Berufsfeld. Vor allem dann nicht, wenn man schon lange weiß, was man mit seinem Leben machen möchte. Junge Erwachsene mit konkreten Vorstellungen für ihre Zukunft sollte man nicht ausbremsen. Wer nach dem Abschluss gleich mit einer Ausbildung oder dem Studium starten möchte, der sollte dies tun.

 

Zwang nimmt Freude an der Arbeit

Zur Arbeit, gerade wenn sie freiwillig sein soll, darf man niemanden zwingen. Wer gezwungen ist, der wird seine Arbeit nicht mit Freude und wohl auch nicht ausreichend erledigen. Dann wartet man nur darauf, dass der Tag und irgendwann auch das Jahr vorbei sind, und gibt sich dementsprechend. Ging mir in Chemie auch immer so.

 

Anreize schaffen, aber wie?

Doch wie können soziale Verbände, pädagogische Einrichtungen und die Bundeswehr Jugendliche von ihrem Dienstangebot überzeugen? Ein sicheres Arbeitsklima und ein nettes Team sind das A und O in einem Freiwilligenjahr. Nur dann kann der gute Start in das noch fremden Arbeitsfeld gelingen und eine vorzeitige Kündigung nicht zur Option werden. Niemand tut freiwillig etwas, was ihm unangenehm werden könnte.

Wer dem Wehrdienst nachweint und sich wünscht, dass wieder mehr junge Menschen der Bundeswehr beitreten, sollte sich zunächst einmal die Frage stellen, warum immer weniger zur Bundeswehr wollen. Das ist eine blöde Frage, weil man zur Lösung dieser Frage seine eigenen Fehler einsehen muss, aber die Politik beschwert sich ja – mit Verweis auf fehlende Ausrüstung, nicht funktionstüchtige Panzer, nicht einsatzfähige U-Boote und treffunsichere Sturmgewehre – nicht ohne Grund über den schlechten Zustand der Armee.

Zwang ist keine Lösung. Anreiz ist das Zauberwort. Wer den nicht schafft, kann sich eigentlich nicht beschweren.  Von Juliane Schwarz