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SNack Zwischen Plastikautos und Weihnachtsbaum
Thema Specials Spezial SNack Zwischen Plastikautos und Weihnachtsbaum
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18:05 13.12.2018
Quelle: dpa
Landkreis

Ich habe zwei jüngere Brüder. Traditionell hatte die Bescherung in meiner Familie stets einen hohen Stellenwert. Die meisten meiner Wünsche im Kindesalter erfüllte der Weihnachtsmann mit exemplarischer Sorgfalt. Auch meine Brüder hatten eigentlich nie Grund, sich zu beklagen. Von Haarspangen, Nintendospielen oder Kettcars bis zu sprechenden Schminkpuppen, ferngesteuerten Plastikautos und anderen Spielereien. Leider war die Lebenserwartung vieler Geschenke nicht allzu hoch, manche überlebten nicht einmal den Heiligen Abend.

Vor einigen Jahren entpackte mein jüngster Bruder ein ferngesteuertes Auto. Natürlich musste das Gefährt noch am selben Abend ausprobiert werden. Auf der Diele startete mein Bruder das Spielzeug und schien sichtlich seine Freude daran zu haben. Das sahen mein anderer Bruder und ich nicht ganz ohne Neid.

Jagd um den Baum herum

Also beriefen wir uns auf das Recht des Älteren, nutzten die Geschwisterhierarchie aus und annektierten das Fahrzeug kurzerhand. Mein mittlerer Bruder und ich waren Komplizen in der Unterdrückung des Jüngsten. Einem, wie ich mir einrede, kindlichen Sadismus geschuldet, wurde es mein liebstes Spiel, den Anderen mit dem gesteuerten Auto zu verfolgen.

Unter meiner Bedienung bretterte das Gefährt immer wieder gegen Wand, Tür und Stuhlbeine und jagte meinen mittleren Bruder um den Weihnachtsbaum. Der beraubte Eigentümer stand in der Ecke und beobachtete das Geschehen mit Sorge. Und das nicht ohne Grund.

Bei einem besonders listigen Überraschungsangriff torpedierte das Auto die Beine meines Bruders erneut. Dieser hatte den Hinterhalt nicht kommen sehen und verlor unglücklicherweise das Gleichgewicht. Mein jüngster Bruder und ich sahen mit vor Bestürzung aufgerissenen Augen, wie der Gejagte hilflos mit den Armen ruderte, in den Knien einknickte und schließlich wie in Zeitlupe durch die Luft segelte, auf den Boden niederging und das nagelneue Auto restlos unter sich zerschmetterte.

Ein ungleicher Kampf

Dieses gab noch ein letztes protestierendes Knacken gegen die Ungerechtigkeit seines verfrühten Ablebens von sich, konnte aber gegen das unnachgiebige, auf ihm lastende Gewicht nichts mehr ausrichten. Das Erlöschen der Lampe und der gequälte Ausdruck auf dem Gesicht meines jüngsten Bruders besiegelten den ungleichen Kampf.

Über dieses vergangene Ereignis denke ich nach, während ich durch die Stadt schlendere und die Schaufenster mit Feuerwehrstationen aus Playmobil, Thermoskannen-Sets und Augenbrauenbürsten zum weihnachtlichen Sonderpreis auf potenzielle Weihnachtsgeschenke absuche. Und so langsam beschleicht mich die Frage: Muss das wirklich sein?

Schenken mit gutem Gewissen

Wir wissen doch eigentlich alle, dass ein Großteil der Geschenke überflüssig, unpersönlich und die Produktion umweltschädlich und menschenunwürdig ist. Wer weiß, womöglich schaffe ich es ja in diesem Jahr, mit gutem Gewissen zu schenken.

Also kehre ich den Waffeleisen in Sternenform und den Pralinen mit Chilifüllung den Rücken zu. Vielleicht werde ich in diesem Jahr ja meine Liebe ausdrücken, in dem ich auf den Dachboden klettere, das zerquetschte, ferngesteuerte Auto, das bestimmt noch in irgendeinem Karton von seiner Wiederbelebung träumt, herauskrame und liebevoll anmale oder so – und mich auf diesem Weg entschuldige. asm