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Thema des Tages Die Invidia – ein rätselhaftes Wesen
Thema Specials T Thema des Tages Die Invidia – ein rätselhaftes Wesen
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18:39 09.11.2016
Zunächst waren Gelehrte davon ausgegangen, dass es sich bei der Figur auf dem Bückeburger Schlosstor um ein Herkules-Abbild handelte. Bis heute gibt die Invidia Rätsel auf. Quelle: gp

Den ersten Beitrag zum Verwirrspiel lieferte der Kunsthistoriker Gustav Schönermark. Der als kompetent und sachkundig geltende Fachmann brachte 1897 „Eine beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Fürstenthums Schaumburg-Lippe“ auf den Markt. Das 1605 errichtete Schlosstor sei „ein barockes Architekturstück“ aus der Zeit des Grafen und Fürsten Ernst (1569 bis 1622), ist in dem aufwendig gestalteten Bildband zu lesen. „Als Schmuck trägt es eine Herculesstatue mit jederseits emporkriechenden Drachen“.

Wie Schönermark auf den antiken Sagenheld Herkules gekommen war, ist unbekannt. Bei genauerem Hinsehen hätten ihm eigentlich einige „anatomische Ungereimtheiten“ auffallen müssen. Herkules war bekanntlich ein gut gebauter, kraftstrotzender Muskelprotz. Die Figur auf dem Schlosstor dagegen wirkt eher schmalbrüstig und heruntergekommen.

Pflichtlektüre an den Schulen

Wie dem auch sei – Schönermarks Herkules-Version tauchte fortan in zahlreichen Veröffentlichungen auf. Eine davon ist die 1905 erschienene schaumburg-lippische „Heimatkunde“. Das Werk des angesehenen Lehrers, Politikers und Regionalgeschichtsschreibers Wilhelm Wiegmann wurde zur Pflichtlektüre an den hiesigen Schulen erklärt. Die Folge: Die „Herkules-Saga“ setzte sich in Generationen von Schülerinnen- und Schülerköpfenfest.Erste Zweifel meldete 1927 ein zu seiner Zeit recht bekannter Laienhistoriker namens Paul Hund an. Er fühle sich beim Anblick der Schlosstorfigur nicht an Herkules, sondern eher an den biblischen Propheten Daniel erinnert, ließ Hund in den „Schaumburg-Lippischen Heimat-Blättern“ wissen. Die in Stein gemeißelte Skulptur zeige den im Alten Testament beschriebenen Kampf Daniels gegen den Drachen von Babylon.

Einen weiteren Interpretationsversuch gab es 20 Jahre später durch den Bückeburger Pastor und Heimatforscher Hermann Heidkämper. Das Besondere daran: Heidkämper brachte als Erster eine Weibsperson ins Gespräch. Der Torbogen werde „von der Kriegsgöttin Enyo zwischen zwei Drachen gekrönt“, schrieb er in seiner 1949 gedruckten „Kleinen Bückeburger Stadtgeschichte“. Mythologisch-historischer Hintergrund: Enyo war eine altgriechische, gemeinhin als „schönwangige Greisin“ beschriebene (Meer-) Gottheit. Sie soll eine äußerst streitsüchtige Gefährtin des Kriegsgottes Ares gewesen sein.

"Kolossale Vettel mit Eselsohren"

Die vierte und bislang plausibelste Erklärung steuerte 1966 der Kunsthistoriker Johannes Habich bei. Habich hatte sich die Szenerie auf dem 11 Meter breiten und 8 ½ Meter hohen Portal – offensichtlich als einer der Ersten – aus unmittelbarer Nähe betrachtet. Die Überraschung war groß. Die zweieinhalb Meter große Figur entpuppte sich als „nackte und abgezehrte kolossale Vettel mit Eselsohren“. Der Mund der Alten sei schreiend aufgerissen. „Mit entschlossenem Schritt wendet sie sich dem Rathaus zu. Die linke Hand hält das von den Schultern herabgleitende Gewand. Mit der Rechten wirft sie den Leuten auf dem Marktplatz einen runden Gegenstand vor die Füße.“Die Figur galt alsVerkörperung des Bösen

Beim Studium der im Staatsarchiv lagernden Originalakten kam Habich auch dem Künstler und dem Namen des Kunstwerks auf die Spur. Als Bildhauer ist der Hildesheimer Meister Hans Wulff ausgewiesen. „Eodem die Invidiam nebst 2 Wurmern Auf Ostern 1607 fertigk zu liefern und zu versetzen für 160 Th.“, steht in einem von Schlossherr Ernst eigenhändig geführten Abrechnungsbuch. Die von diesem in Auftrag gegebene „Invidia“ (lat. „Neid, Missgunst“) galt zu jener Zeit als Verkörperung des Bösen schlechthin. Ihr Ebenbild war die altgriechische Göttin Eris – ein Ausbund an Missgunst und Boshaftigkeit.

Legendäre Berühmtheit erlangte ihr „Apfelwurf“ während eines Hochzeitsmahls. Voller Zorn darüber, dass sie nicht zur Trauung des Peleus mit seiner Tetis eingeladen worden war, tauchte sie plötzlich in der Festgesellschaft auf und warf einen goldenen Apfel mit der Widmung „der Schönsten“ in den Saal. Prompt kam es unter den anwesenden Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite zu einem folgenschweren Streit. Die Eifersucht der drei führte bekanntlich zum Ausbruch des Trojanischen Krieges.

Nur Teilstück einer Figurengruppe?

Nach Einschätzung von Habich wollte Ernst seinen Untertanen mit dem Invidia-Abbild die ständige Bedrohung durch das Böse vor Augen führen. Die beiden Drachen („Wurmer“) an ihrer Seite stellten die Wächter des Guten und die Entschlossenheit des Landesherrn zur Abwehr der „Untugenden“ dar. Allerdings scheint auch diese Interpretation bereits überholt. 1994 stellte Habichs Berufskollege Heiner Borggrefe als Ergebnis seiner Forschungstätigkeit die These in den Raum, dass die Invidia-Skulptur nur ein Teilstück einer wesentlich größeren, später nicht mehr ganz fertiggestellten Figurengruppe sei.

Zu dem geplanten Gesamtensemble habe unter anderem auch eine große „Tugend-Figur“ gehört. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, scheint aufgrund der bisherigen Erfahrungen ungewiss. Anders gesagt: Über Sinn und Zweck der Schlosstor-Skulpturen darf auch künftig spekuliert und nachgedacht werden. gp