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Thema des Tages Eine Tasche voller Leben
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19:29 08.08.2014
Da steckt Leben drin: Das Steuergerät überwacht und regelt die Pumpe des Herzunterstützungssystems. Quelle: nah

Eigentlich war Frank Droste kerngesund. Kindheit, Schulzeit, Ausbildung und Beruf erlebte er wie jeder andere Gleichaltrige auch. Doch 1999, da war er gerade 33, blieb ihm zum ersten Mal buchstäblich „die Luft weg“. Zwar hatte er vorher immer schon einmal über Atemnot und anstrengendes Treppensteigen geklagt. Bis auf die Diagnose Asthma wussten sich zunächst die Ärzte keinen Rat. Erst im Krankenhaus wurde klar: Die Pumpleistung des Herzens betrug nur noch neun Prozent. Droste war regelrecht aufgequollen: Das Wasser in seinem Körper ließ sogar die Haut platzen.

Über die Gründe für seine Krankheit kann der Patient selbst nur rätseln. Mögliche Ursache dürfte ein Autounfall sein, bei dem er ein Bein verlor: „Vielleicht ist da ein Entzündungsherd geblieben, der sich auf das Herz auswirkte.“

Frank Droste kam auf die Transplantationsliste und erhielt Medikamente, die die Herzleistung allmählich wieder erhöhte. „Doch Arbeiten und Anstrengungen waren nicht mehr drin“, erinnert er sich, „vor allem bei Hitze ließ die Leistung immens nach“.

Angst vor einem frühen Tod kannte er nicht: „Selbst wenn es mir ganz dreckig ging, war der Lebenswille immer da.“ Seine „panische Angst“ galt nur dem Umstand, dass bei einer Herzoperation „der ganze Brustkorb aufgeschnitten wird“.

Rund zehn Jahre später stand Droste wieder vor dem Abgrund. 2011 wurde ihm bereits ein Defibrillator (Schockgeber) implantiert. Im Oktober und im November 2012 brach er zweimal zusammen. Beim zweiten Ereignis retteten ihn nur noch Herzmassage und Intensivstation in letzter Minute. Lebensgefährtin Anja Struckmann, die damals selbst im Krankenhaus lag, erinnert sich mit Schaudern an jene Tage.

Der behandelnde Arzt im Stadthäger Krankenhaus zeigte dem Paar die verbleibenden Zukunftsperspektiven auf: der baldige Tod, die zeitliche Ungewissheit einer Transplantation – oder ein „Kunstherz“, das mit Erfolg an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bereits etlichen Betroffenen zu neuem Leben verhalf.

Droste entschied sich für Letztgenanntes. Doch der schwerstkranke Mann musste sich gedulden. Sein Zustand ließ eine Operation nicht zu. Struckmann befürchtete bereits das Schlimmste. Die Ärzte versuchten jedoch alles medizinisch Mögliche. Später gestanden sie ein, ihr Patient sei „schon zu 99 Prozent tot“ gewesen.

Doch am 13. Dezember 2012 wagten die auf diesem Gebiet spezialisierten Mediziner Jan Schmitto und Murat Avsar den Schritt und schlossen Drostes Herz an eine Pumpe an. Diese ist direkt an der linken Herzkammer angeschlossen und lässt das Blut über einen Rotor in den Körperkreislauf fließen. Betrieben wird die Pumpe mittels Strom aus zwei Batterien, die sich zusammen mit einer Steuereinheit außerhalb des Körpers befinden. Ein kritischer Punkt ist das durch die Bauchdecke verlegte Verbindungskabel. Die Austrittsstelle muss absolut sauber und keimfrei gehalten werden.

Der Leidensweg des Patienten war indes noch nicht zu Ende. Zwar funktionierte das neue System reibungslos, aber Drostes Gesamtzustand war so schlecht, dass er im künstlichen Koma blieb. Am 24. Dezember drückte er seiner Lebensgefährtin zum ersten Mal die Hand. Am Silvestertag schlug er endgültig die Augen auf. Die ersten eigenen Schritte setzte er während der Reha-Behandlung im März 2013. Erst im August war ein Spaziergang ohne jedes Hilfsmittel möglich. Doch schon im September, beim ersten Urlaub, fühlte sich Droste fit für längere Anstrengungen: „Vom Herzen her hätte ich eine lange Wanderung machen können.“ Doch daraus wurde nichts: Die frühere Beinamputation und Spätfolgen von Durchblutungsstörungen am zweiten Fuß lassen große Touren einfach nicht zu.

Doch der heute 48-Jährige ist zufrieden mit seiner Lebenssituation. Alle drei Monate muss er „zu meinem TÜV nach Hannover“ und alle vier Wochen zur Kontrolle zum Hausarzt. Aber ansonsten läuft der Alltag nach seinen persönlichen Wünschen ab. Nur die schwarze Umhängetasche ist immer dabei, in der sich „mein Leben“ befindet, wie er beschreibt. Nachts übernimmt eine stationäre Anlage direkt neben seinem Bett die Funktion, während die Akkus neu geladen werden.

Körperliche Anstrengungen und der all zu nahe Umgang mit elektrischen Geräten muss er vermeiden. Bastelarbeiten enden dort, wo Bohrhammer oder Schweißgerät erforderlich werden. Auch das Rasenmähen überlässt er anderen Hausbewohnern – zum Leidwesen seiner Frau hält er sich auch beim Staubsaugen zurück.

Dafür nimmt er sich Zeit, „wieder unter Menschen zu kommen“, was ihm während seiner langen Krankheit und den vielen stationären Aufenthalten verwehrt war. Eine Rückkehr in den Beruf war aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich, dafür aber füllt ihn ein Ehrenamt aus. Aufgrund seiner geliebten Geflügelzucht ist er stellvertretender Kreisvorsitzender des Zuchtvereins.

Ein zweites Hobby steht in der Garage. Eigentlich hätte sich der bekennende Autofan ja lieber ein Quad gekauft, es aber aus Gründen der Vernunft und seines Handicaps gelassen. Dafür aber ist es jetzt ein Cabrio, in dem er sich auch den Wind um die Nase wehen lassen und seine neue Freiheit genießen kann.

Von Bernd Althammer

Fakten: Patienten helfen Patienten

Betroffene mit einem ähnlichen Leidensweg wie Frank Droste können Hilfe erfahren. Im Bundesverband der Organtransplantierten (BDO) gibt es einen speziellen Fachbereich für Patienten mit Herzunterstützungssystemen und deren Angehörige. Adressen werden genannt, bei denen Betroffene sich Rat und auch Mut holen. Das gilt auch und besonders für Familienangehörige, die sich mit der gesundheitlichen Situation überfordert fühlen. Eine Kontaktaufnahme ist über www.bdo-ev.de oder direkt über pulslos-a@bdo-ev.de möglich.

Ähnliche Ziele verfolgt der Verein „Pulslos-Leben“, der über Kunstherzen informieren, Patienten beraten und diese für gegenseitige Untersetzung gewinnen will. Vorsitzender ist der Herzspezialist an der Medizinischen Hochschule Hannover, Jan Schmitto. Informationen sind unter www.pulslos-leben.de zu finden.

Auskunft zum Thema Organspende sowie die Anforderung eines Organspendeausweises bieten die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die kostenlose Rufnummer 0800-90 40 400.  nah

Fragen an: Jan Schmitto

Dokument tdt_herz04_0608

Experte für Herztransplantationen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH)

Wie viele Herzunterstützungssysteme sind bereits an der MHH eingesetzt worden?

Im letzten Jahr waren es knapp 100 Implantationen in Hannover. Insgesamt sind es seit 2004 bereits mehr als 500 Herzunterstützungssysteme an der MHH gewesen.
Welche Vorteile bietet ein solches Kunstherz gegenüber einem Spenderherz?

Angesichts rückläufiger Organspende-Zahlen werden Kunstherzsysteme immer wichtiger. Sie stehen zu jeder Tag- und Nachtzeit und im Gegensatz zu Spenderorganen auch in unendlicher Menge zur Verfügung.
Welche Risiken sind mit einem Kunstherz verbunden?

Die noch bestehenden Problembereiche Gerinnselbildung Blutungskomplikationen und Driveline-Infektionen werden an der MHH sehr intensiv erforscht, um die Ergebnisse langfristig zu verbessern.
Wie lange ist die Lebenserwartung für Patienten mit einem Herzunterstützungssystem?

Das ist wegen fehlender Langzeitergebnisse schwer zu sagen, weil es die derzeit verfügbaren Systeme noch nicht so lange gibt. Die „Europarekordler“ an der MHH tragen seit mittlerweile neun Jahren ein Kunstherz.
Welchen Rat geben Sie Patienten, die sich in einer ähnlichen Ausgangssituation wie Frank Droste befinden?

Wer sich schwach fühlt, einen deutlichen Leistungsknick innerhalb nur weniger Wochen erlebt oder bereits bei kleinster körperlicher Belastung kurzatmig ist, sollte sich an seinen Arzt wenden. Eine Zweitmeinung kann man sich in der „Interdisziplinären Herzinsuffizienz-Ambulanz der MHH“, Telefon (05 11) 5 32 25 32 einholen.

Ein Interview von Bernd Althammer