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Thema des Tages Gefahr aus dem Süden
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19:50 13.07.2014

Am 11. März 2011 kommt es im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi infolge zweier Erdbeben zu einem Reaktorunglück: Kernschmelze in den Blöcken 1 bis 3. Auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) ist der Unfall seither unter der höchsten Stufe 7 eingeordnet, vergleichbar nur mit der Katastrophe von Tschernobyl 1986. Seit dieser Zeit ist das Gebiet um das Atomkraftwerk eine Sperrzone.

Die Auswirkungen waren bis Deutschland zu spüren. Die Bundesregierung machte den kurz zuvor beschlossenen Ausstieg aus dem Atomausstieg rückgängig, und die deutschen Atomkraftwerke wurden einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Das wirkt sich jetzt auch auf den Landkreis Schaumburg aus. Denn für das gerade einmal 35 Kilometer Luftlinie entfernte Kraftwerk Grohnde sollen künftig neue Sicherheitszonen gelten. Hintergrund ist eine Empfehlung der Innenministerkonferenz der Länder, die Katastrophenschutzzonen rund um Atomkraftwerke auszuweiten.

Der Kraftwerksschutz sei in der Vergangenheit immer auf die Wahrscheinlichkeit eines Großunfalls ausgerichtet gewesen, sagt Professor Rolf Michel vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz in Hannover. Das habe sich nach dem Unfall in Fukushima geändert. Bereits 2010 habe die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit errechnet, wie sich Radioaktivität wetterbedingt ausbreitet. Die jetzt geplanten Zonen seien das Ergebnis dieser Modellrechnungen.

Im Fall des 1985 in Betrieb genommenen AKW Grohnde ist der Landkreis Hameln-Pyrmont zuständig. Dort liegt – wie bei allen für Kraftwerke zuständigen Kreisen – ein Katastrophenschutzsonderplan vor, der genau festlegt, was im Fall der Fälle passiert. In ihrer aktuellen Fassung sind diese Pläne auf ein Unglück in der Größenordnung von Fukushima ausgerichtet. Man rechnet also mit dem Schlimmsten, auch wenn das höchst unwahrscheinlich ist.

„Für besondere Gefahrenlagen gibt es Sonderpläne“, formuliert es Schaumburgs Kreisverwaltungsdirektorin Ursula Müller-Krahtz. Der Landkreis hat für den Hamelner Katastrophenschutz einen Anschlussplan in der Schublade, der die Vorgänge hier regelt. Dabei geht es vor allem darum, den Landkreis Hameln-Pyrmont zu unterstützen und Flüchtlinge aufzunehmen, aber auch darum, die Schaumburger Bevölkerung zu schützen. Soll heißen: Der Landkreis wird zwar nicht evakuiert, er nimmt aber eventuell Flüchtlinge auf. Die Bürger erhalten Jodtabletten.

Umweltschützern und Atomkraftgegnern reichen die jetzt geplanten Änderungen nicht aus. „Auch die Ausweitung der Schutzzonen entspricht nicht der Fläche, die bei schweren Reaktorunfällen betroffen sein können“, teilt Diplomphysiker Heinz Smital von Greenpeace Hannover auf Anfrage mit. Nach dem Unglück in Fukushima hätte die japanische Regierung bei einem etwas anderen Verlauf auch die Evakuierung des 250 Kilometer entfernten Großraums Tokio rund mit 30 Millionen Menschen in Betracht ziehen müssen, so Smital, außerdem habe man auch in Tschernobyl noch Gebiete in einigen 100 Kilometern Entfernung umsiedeln müssen. „Die Ausweitung der Schutzzonen in Deutschland richtet sich mehr nach dem Machbaren“, meint der Umweltschützer.

Eine Schwierigkeit sieht Smital in der Größe der Zonen. „Die Problematik, große Gebiete in wenigen Stunden zu evakuieren, ist offensichtlich.“ Und: „Das radioaktive Jod, hauptsächlich J-131, aber auch andere Isotope, ist in den ersten Wochen eine wesentliche Ursache für Strahlendosen.“ Die rechtzeitige Einnahme von Jodtabletten könne zwar eine deutliche Schutzfunktion haben. Doch wie dies tatsächlich in einem Radius von 100 Kilometern um das Kraftwerk und für spezielle Personengruppen möglicherweise bundesweit gelingen solle, sei fraglich. Außerdem verweist Smital auf die Folgen der Umsiedlung, wenn beispielsweise Wohnhäuser wegen einer großen Strahlenbelastung als Atommüll eingestuft werden müssen.

„Letztlich kann ein großer Reaktorunfall nicht beherrscht werden“, so Smitals Fazit, „zu einer schnellen Abschaltung und einem generellen Atomausstieg gibt es keine Alternative.“

Das passiert bei einem Reaktorunglück in Grohnde

Der Katastrophenschutzplan geht in seiner neuen Fassung von einem Großunfall der höchsten Stufe auf der Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) aus: Stufe 7.
Nach dem Unfall: Der Betreiber E.on informiert den Landkreis Hameln-Pyrmont. Dort wird über Maßnahmen, Vorabwarnungen und Aufrufe zur Selbstevakuierung im Radio (NDR) entschieden, ob eine Jodblockade aufgebaut und evakuiert wird. Der Landkreis informiert die Nachbarkreise.
Zentralzone: Im Umkreis von etwa fünf Kilometern um das Kraftwerk wird die Bevölkerung innerhalb von sechs Stunden nach dem Unglück evakuiert. Wo genau evakuiert wird, hängt vom Wetter ab. Gleichzeitig soll die Bevölkerung mit hochdosierten Jodtabletten versorgt werden. Diese Zone umfasst die Gemeinde Emmerthal, zu der auch der Ortsteil Grohnde gehört.

Mittelzone: Sie umfasst den Bereich bis etwa 20 Kilometer rund um die Anlage, darunter auch den Rintelner Ortsteil Goldbeck, Hessisch-Oldendorf und Extertal im NRW-Kreis Lippe. Hier sollen innerhalb von zwölf Stunden ebenfalls Jodtabletten verteilt werden, außerdem sieht der neue Katastrophenschutzsonderplan auch eine Evakuierung vor. Untergebracht würden die Bürger, auch aus der Zentralzone, in Turnhallen und anderen Großeinrichtungen. Die bisherigen Aufnahmezahlen für den Landkreis Schaumburg lagen bei 12 000 Flüchtlingen, neue Berechnungen sind noch nicht abgeschlossen. In den Aufnahmestellen findet eine erste medizinische Versorgung statt, danach werden die betroffenen Bürger an auf Strahlenopfer spezialisierte Fachärzte weiterverwiesen. Nach Angaben der Kreisverwaltung haben in Niedersachsen derzeit 190 Ärzte eine entsprechende Ausbildung.
Verkehrswege: Wichtig ist im Falle einer Evakuierung aus Hameln-Pyrmont, welche Verkehrswege in Richtung Schaumburg genutzt werden. Wer kommt auf welcher Straße nach Schaumburg, in welche Windrichtung bewegt sich der Fallout, der radioaktive Niederschlag? Die Katastrophenschützer gehen davon aus, dass sich 50 Prozent der Bevölkerung aus der Zentralzone selbst evakuieren. Für sämtliche Evakuierungen sollen „verkehrsregelnde Maßnahmen“ greifen, das heißt, dass also beispielsweise Straßen zu Einbahnstraßen umfunktioniert werden. Ein Beispiel: die Bundesstraße 83.„Bei einer Evakuierung ist es das Ziel, die Menschen so schnell wie möglich aus der Evakuierungszone zu bringen“, so Kreisverwaltungsdirektorin Ursula Müller-Krahtz.
Außenzone: Sie gilt in 100 Kilometern Umkreis und umfasst im Fall Grohnde ein riesiges Gebiet, in dem auch der Landkreis Schaumburg liegt. Von Osnabrück bis Wolfenbüttel und von Walsrode bis Kassel verläuft diese neue Außenzone, in der – abhängig vom konkreten Unfall und von den Wetterbedingungen – besondere Maßnahmen durchgeführt werden. Die Versorgung der Bevölkerung bis 45 Jahren mit Jodtabletten ist in Schaumburg entsprechend vorbereitet.

Jodblockade: Für Rinteln liegen in den Rathäusern hochdosierte Jodtabletten bereit, für den restlichen Landkreis lagert die Kreisverwaltung Tabletten ein. Solche Jodtabletten – wissenschaftlich korrekt: Kaliumiodid-Tabletten – sättigen die Schilddrüse mit nicht radioaktivem Jod. Sie verhindern, sofern sie rechtzeitig eingenommen werden, dass sich radioaktives Jod in der Schilddrüse ansammelt. Eine Tablette enthält 65 Milligramm Kaliumiodid. Wer sich damit selbst bevorraten möchte, kann diese Tabletten auch rezeptfrei in der Apotheke kaufen. Zur Dosierung empfiehlt Michel, Kindern bis 1 Monat eine Vierteltablette zu geben, Säuglingen eine halbe und Kindern von 3 bis 12 Jahren eine ganze Tablette. Jugendliche, Erwachsene und – unabhängig vom Lebensalter – Schwangere sollten zwei Jodtabletten einnehmen. Menschen, die älter als 45 Jahre sind, rät Michel von der Einnahme ab. Hier gelte es, das Risiko einer Strahlenerkrankung und der Nebenwirkungen abzuwägen, denn mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf, was die Gefahr von Nebenwirkungen erhöht. Zudem nimmt mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit ab, an durch ionisierende Strahlung verursachtem Schilddrüsenkrebs zu erkranken. Michel: „Es kommt vor allem darauf an, die Kinder und die Schwangeren zu schützen.“ Informationen und Hinweise dazu gibt es auch im Internet unter www.jodblockade.de.
Selbstschutz ist nach den Worten Michels zumindest unmittelbar nach einem Großunfall kaum möglich. Wer nicht evakuiert wird oder selbst das Gebiet verlässt, sollte im Haus bleiben, Außenbelüftungen abstellen und ansonsten den Anweisungen der Verwaltung folgen.

Langfristige Folgen eines Reaktorunglücks stehen nicht im Fokus des Katastrophenschutzsonderplans. Wie weiter vorgegangen wird, kann erst nach Strahlenmessungen entschieden werden. Auch ist völlig unklar, wie groß das Gebiet sein würde, dass nach einem solchen Unfall auf lange Sicht nicht mehr nutzbar wäre. Laut Michel gilt es zu diesem Zeitpunkt, die Bevölkerung in die Selbstverantwortung zu überführen. Dazu gehört unter anderem, auf spezielle Nahrungsmittel wie Milch oder Blattgemüse zu verzichten. Ein wichtiger Faktor für Michel, der nach seiner Ansicht beim Katastrophenschutz noch unterschätzt wird: die Angst in der Bevölkerung. „Darauf müssen wir Antworten geben.