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Thema des Tages Reiche Braut, armer Bräutigam
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08:32 09.10.2018
Bückeburg

Die Eingemeindung des unmittelbar angrenzenden Nachbardorfs bedeutete einen Durchbruch in puncto Siedlungsentwicklung und Infrastruktur. Viele dringliche Vorhaben wie der Bau einer neuen Volksschule (die spätere Graf-Wilhelm-Schule) lagen auf Eis. Grund: Die Bückeburger hatten kein Land. Stadtgrenze in Richtung Nordosten war immer noch der historische Festungswall. Das Gros der Flächen, die sich darüber hinaus nach Scheie, Müsingen und Achum hin ausdehnten, gehörte zum Gemeindebezirk Jetenburg. Während der Fürstenära hatte man das noch nicht so deutlich zu spüren bekommen. Ein Machtwort aus dem Schloss hatte genügt, um Einrichtungen wie Bahnhof, Friedhof und Gasanstalt nach Jetenburg „auszulagern“. Doch damit war es seit der Einführung demokratischer Gemeindestrukturen vorbei.

Die Leute in „Geteneburg“ (Ortsbezeichnung vor 800 Jahren) waren von dieser Idee allerdings überhaupt nicht begeistert. Das größte Missvergnügen bereitete ihnen der Gedanke, dass die Bückeburger Fremdlinge Zugriff auf ihre Gemeindekasse bekommen sollten. Großbetriebe wie Gemag, Kronen-Margarinefabrik, Isolierwerke Rust und Karosseriebaubetrieb Harmening sorgten für sprudelnde Gewerbesteuereinnahmen. Davon konnten die Ex-Residenzstädter nur träumen. Das sei „wie bei einer reichen Braut, die sich einem armen Bräutigam hingeben soll“, hieß es im Jetenburger Gemeinderat.

Großes Selbstbewusstsein

Zur finanziellen Überlegenheit kam eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Man dürfe nicht vergessen, dass Jetenburg eine ganze Ecke älter als Bückeburg sei, war zu hören. In der Tat ist der Ort aus Sicht der Historiker eine der ältesten heimischen Siedlungen. Darüber hinaus weise der Namensbestandteil (Jeten-) „Burg“ auf eine einst bedeutsame Stellung hin. Die Vermutungen gehen in Richtung frühzeitlicher Gerichtsstandort und/oder Versammlungsplatz.

Auch beim Punkt Bildung wähnten sich die Jetenburger um Längen voraus. Die Schule sei die erste weit und breit gewesen, hatten Heimatforscher herausgefunden. Und an den Dorfstammtischen wurde schon immer gern die Sage von der Entstehungsgeschichte der Dorfkapelle zum Besten gegeben. Sie soll bereits in grauer Vorzeit von der frommen Frau eines Raubritters erbaut worden sein.

Dass sich die reiche Jetenburger Braut dem armen Bückeburger Bräutigam am Ende doch noch ergab, hatte mit dessen stattlicher „Mitgift“ zu tun. So brauchten die Jetenburger sechs Jahre lang nur 40 Prozent der für Bückeburg geltenden Steuern zu zahlen. Darüber hinaus mussten sich die Bückeburger verpflichten, das ganze Dorf kurzfristig mit Licht, Wasser, Gas und Kanalisation zu versorgen. Und last, but not least gab der Bückeburger Bürgermeister Karl Wiehe eine Bestandsgarantie für den Jetenburger Meierhof ab. Das größte und älteste Anwesen des Ortes war im Zuge der Fürsten-Enteignungen auf den Freistaat Schaumburg-Lippe übergegangen. Seine Zukunft als dorfbildprägendes Ensemble war ungewiss. Wiehe sagte die Einrichtung und Nutzung als Haushaltsschule und Jugendherberge zu.

Tränen fließen

Trotzdem, als der Hochzeitstag nahte, flossen bei der Braut heftige Tränen. Am Abend vor dem Inkrafttreten des Eingemeindungsgesetzes zog ein langer Fackelumzug durchs Dorf. An der Spitze marschierten Bürgermeister Karl Rinne und die anderen Mitglieder des Gemeinderats. Die Mehrzahl der Jetenburger dachte und wählte damals bürgerlich-konservativ. Die Kinder gingen bis zur Eingemeindung in die Scheier Schule. Um die Dorfgemeinschaft kümmerten sich vor allem der Schützen- und der Kriegerverein.

Daneben gab es einen Gemischten Chor und den „roten“ Radsportverein „Solidarität“. Haupttreffpunkte waren die beiden Dorfkneipen „Zur Hoffnung“ („Jetenburger Hof“) und „Goldener Stern“ („Seniorenresidenz Am Kirschgarten“). Bekanntester und angesehenster Jetenburger weit und breit war der knorrig-bedächtige Altbürgermeister Heinrich Brinkmann. Er stammte aus einer Schafzüchter-Familie und wurde landauf, landab nur „Schopmester“ genannt. Der 77-Jährige beruhigte die große Aufgeregtheit im Dorfe mit einer Art Hirtenwort: „Ich denke, wenn wir eines Tages tot sind, ist es ganz egal, ob wir als Jetenburger oder als Bückeburger unter der Erde liegen.“

Von Wilhelm Gerntrup