Wer rettet den Gasthof im Ort?

04.01.2022, Berlin: Stühle stehen hinter einem Gitter vor einer geschlossenen Bar. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Die Corona-Pandemie erschwert derzeit viele Begegnungen. Aber auch schon in den Jahren zuvor wurde es für Menschen in ländlichen Regionen immer schwieriger, in einer großen Gruppe zu feiern. Denn viele traditionelle Gaststätten und Wirtschaften haben für immer ihre Türen geschlossen. Was blieb, sind leer stehende Gebäude mit verblassenden Speisekarten in Schaukästen und abblätternden Schildern. Laut dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) sank die Zahl der Gaststätten zwischen 2012 und 2019 bundesweit von gut 16.000 auf rund 11.400. Einen ähnlichen Aderlass erlebten Schankwirtschaften und Kneipen.

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Die Gründe dafür sind vielfältig: „Die Bevölkerung in ländlichen Regionen schrumpft. Die Mobilität der Menschen steigt. Das Freizeitverhalten hat sich gewandelt. Rituale wie der Frühshoppen oder das Feierabendbier fallen weg“, erklärt Dehoga-Sprecherin Stefanie Heckel. Zudem steige die Konkurrenz – etwa durch Lieferdienste oder gastronomische Angebote des Einzelhandels. Hinzu komme der Fachkräftemangel, ergänzt Jan Strehmann, Referatsleiter Mobilität und Wirtschaft des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Außerdem gebe es häufig Probleme bei der Übergabe von Unternehmen: „Nur etwa 25 Prozent der Betriebe verfügen über potenzielle Nachfolger.“

Oft sind große Investitionen nötig

Das liege nicht zuletzt daran, dass an die Neuvergabe von Konzessionen häufig wesentlich höhere Auflagen etwa an den Brandschutz oder die Hygiene geknüpft seien, sagt Birgit Fengler vom Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen: „Oft gibt es einen großen Modernisierungsstau und sind riesige Investitionen erforderlich.“ Mit dem Verschwinden der Wirtschaften und Gaststätten sinkt nicht nur das gastronomische Angebot. Auch das Gemeinschaftsleben in den Dörfern leide, wenn das „öffentliche Wohnzimmer“ schließe, betont Heckel: „Stirbt das Wirtshaus, dann stirbt ein Stück der Gemeinde.“ Mitunter stehen dann keine Orte der Begegnung mehr zur Verfügung. Mit anderen Worten: Wo Säle fehlen, kann die Seele des Ortes Schaden nehmen.

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Laut Strehmann kann dann „eine Spirale nach unten“ einsetzen, weil auch andere Einrichtungen vor Ort schließen. Darunter könnten vor allem Gemeinden leiden, die auf Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen sind. Es gehe aber nicht nur um die Sicherung von Arbeitsplätzen und Lebensqualität, sondern auch um den Erhalt eines heimischen Kulturgutes, unterstreicht Heckel: „Das Gastgewerbe trägt maßgeblich zur Standortattraktivität bei, ist ein unverzichtbarer Teil des öffentlichen Lebens und leistet einen wertvollen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft.“

Förderprogramme sollen Erhalt von Dorfgaststätten sichern

Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister schlagen deshalb Alarm und stoßen bei der Landes- und Bundespolitik auf offene Ohren. In Baden-Württemberg zum Beispiel soll ein spezielles Förderprogramm unter anderem den Erhalt von Dorfgaststätten sichern. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bietet Anreize, Landgasthöfe als Kleinstunternehmen der Grundversorgung zu fördern.

Andere Förderprogramme sollen alternative Begegnungsstätten wie Dorfgemeinschaftshäuser unterstützen. Das Problem dabei: „Diese Einrichtungen haben es in der Vergangenheit der einen oder anderen Gaststätte schwer gemacht“, sagt Fengler. Jetzt werde bei den Förderungen genauer geschaut, ob unerwünschte Konkurrenz entstehen könne.

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Pächter lassen sich leichter finden

Manche Kommunen kaufen Gaststätten und Wirtschaften auf, modernisieren diese und verpachten sie anschließend. „Einen Pächter zu finden, ist vielerorts gut möglich. Aber die Kommune muss das Geld für die Investition aufbringen“, sagt Fengler. Vereinzelt gibt es auch genossenschaftliche Modelle: Dann schließen sich Bürgerinnen und Bürger zusammen und finanzieren gemeinsam eine Gaststätte oder Wirtschaft. Dafür ist in der Regel viel ehrenamtliches Engagement erforderlich.

Grund zur Resignation bestehe vielerorts aber nicht, gibt sich Heckel optimistisch. Für den boomenden Fahrrad- und Wandertourismus etwa seien Gaststätten und Wirtschaften beliebte Ausflugsziele. Voraussetzung sei jedoch, dass Konzept und kulinarisches Angebot stimmten.

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