Soziale Herkunft erschwert den Zugang zu universitärer Bildung

Von wegen Chancengleichheit: Warum Arbeiterkinder so selten studieren

BWL führt regelmäßig die Hitliste der Studienfächer an. Absolventen müssen dann erstmal ihre Nische finden.

Kinder aus Familien ohne akademische Tradition haben auch nach dem Studium mit Nachteilen zu kämpfen.

Berlin. Wo mache ich mein Praktikum? Was möchte ich studieren? Was passt zu mir? „Schon während des Abis wussten viele aus meinem Jahrgang genau, wo es hingehen soll“, erinnert sich Alexandra Kammer. Dabei standen der jungen Frau aus dem Saarland, die ihren Abschluss mit 1,0 gemacht hatte, alle Türen offen – eigentlich.

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Doch Kammer fehlte es an Orientierung. Ihre Eltern hatten keinerlei Erfahrungen in Sachen Studium, konnten sie deshalb wenig unterstützen. „Natürlich war meine Familie stolz auf meinen Abschluss, aber bei meiner beruflichen Entscheidung konnten sie mir nicht weiterhelfen“, erzählt Kammer rückblickend. „Durch Informationsgespräche auf verschiedenen Berufsmessen dachte ich, ich müsste unbedingt an der WHU studieren (an der privaten Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung – die Red.), um erfolgreich in BWL zu werden. Dafür hätte ich aber einen Kredit aufnehmen und mich verschulden müssen.“

Durch Zufall hat die junge Frau dann aber für sich die Uni Mannheim entdeckt und schließlich entschieden, dort Kultur und Wirtschaft mit Linguistik und BWL zu studieren. Heute ist die 26-Jährige Head of Diversity Management bei Aivy. Das Start-up will Unternehmen und Bewerbenden dabei helfen, weniger Fehlentscheidungen zu treffen. „Dabei spielen die Themen Chancengleichheit im Recruiting und individuelle Stärken eine große Rolle“, sagt Kammer.

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Nachteile im Bildungssystem

Kinder aus Familien ohne akademische Tradition haben mit vielen Nachteilen im Bildungssystem zu kämpfen. Das belegen die Zahlen, die das Statistische Bundesamt 2021 erhoben hat: Demnach nehmen von 100 Kindern, deren Eltern studiert haben, 79 ein Studium auf. Von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, sind es lediglich 27.

Warum ist das so? „Es geht vor allem um Ängste und Unsicherheiten, die sich aus der Herkunft ergeben und häufig ein Studium verhindern“, erklärt Katja Urbatsch, Gründerin der Organisation ArbeiterKind.de. „Wenn in der eigenen Familie noch niemand studiert hat, muss man erst einmal auf die Idee kommen, an die Uni zu gehen. Es gibt ja zu Hause niemanden, der ein Vorbild wäre und den man fragen könnte. Im Gegenteil: Häufig reagieren die Eltern auf einen Studienwunsch mit Unverständnis oder sogar Ablehnung.“

Angst vor Ungewissem

Das habe unterschiedliche Gründe: „Manche fühlen sich nicht wohl, weil sie nicht mit eigenen Erfahrungen helfen können. Andere haben Angst vor dem Ungewissen oder sie wollen einfach nicht, dass ihr Kind an einen anderen Ort zieht. Und schließlich ist da noch die Frage der Finanzierung. Man hat Angst vor Schulden, kennt sich mit Bafög nicht aus.“

Urbatsch, die selbst auch als Erste in ihrer Familie studiert hat, kennt diese Probleme. Ihre Erfahrungen haben sie 2008 motiviert, das Portal ArbeiterKind.de zu gründen. Die gemeinnützige Organisation unterstützt Schülerinnen und Schüler sowie Studentinnen und Studenten aus nicht akademischen Elternhäusern bei ihrem Weg zum, im und nach dem Studium. Mittlerweile arbeitet die Organisation in Deutschland mit 31 hauptamtlichen und mehr als 6000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

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Leistung nicht gleich sichtbar

Die Nachteile einer bestimmten Herkunft lassen sich auch nach dem Abitur nicht einfach abschütteln – das bestätigt eine aktuelle Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). „Beim Berufseinstieg ist Leistung noch nicht so sichtbar, zugleich zählen Auslandsaufenthalte und Praktika, die sozial selektiv sind, sowie das Netzwerk der Eltern“, sagt LMU-Soziologe Dr. Fabian Kratz.

„Junge Akademikerinnen und Akademiker, deren Eltern über wenige Ressourcen verfügen, haben daher eher Probleme beim Jobstart.“ Einen „Happy Start“ hätten hingegen Kinder aus hochgebildetem Elternhaus, so das Forschungsteam.

Corona hat Situation verschärft

Die Situation habe sich durch die Corona-Krise noch mal verschärft, meint Katja Urbatsch. „Kinder aus nicht akademischen Elternhäusern hatten besonders stark mit den Folgen der Pandemie zu tun. Sie waren eher vom Wegfall einfacher Studierendenjobs etwa in der Gastronomie betroffen und hatten im Onlinestudium viel weniger Kontakte mit Kommilitonen, die sie im Studium bestärken“, erklärt die ArbeiterKind.de-Gründerin.

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„Das hat bis zum heutigen Tag Auswirkungen. Denn bis in den Berufseinstieg hinein fehlen Arbeiterkindern der aktuellen Studierendengeneration nun Erfahrungen aus der akademischen Welt wie Praktika, Werkstudierendentätigkeiten oder Auslandsaufenthalte. Dies schlägt sich bei der Jobsuche nieder und bereitet ihnen oftmals Schwierigkeiten. Eltern ohne akademische Erfahrung können nicht nur im Studium wenig Unterstützung bieten, sondern auch bei der Bewerbung auf einen akademischen Job.“

Kein gutes Netzwerk

Blickt Alexandra Kammer heute auf ihre Studienzeit zurück, erinnert sie sich vor allem an das defizitäre Gefühl, kein gutes Netzwerk zu haben. „Viele um mich herum hatten Eltern in irgendwelchen Führungspositionen. Lange Zeit habe ich geglaubt, mein berufliches Ziel sollte es auch sein, ganz nach oben zu kommen.“ Start-up oder promovieren – das war dann eine Entscheidung, bei der ihr am Ende eine Mentorin von ArbeiterKind.de geholfen hat.

Im Rahmen dieses Mentoring-Programms unterstützen Berufserfahrene die Erstakademikerinnen und -akademiker bei ihrem Start in den Job. Das Programm reicht von praktischen Tipps über Informationen über eigene Erfahrungen bis zu speziellen Workshops. „Schon allein das Gespräch auf Augenhöhe hat mir gezeigt, dass sie mich versteht“, erinnert sich Kammer an die erste Begegnung mit ihrer Mentorin. „Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben.“

Durchsetzen und gestalten

Heute zieht die Wahlberlinerin aus ihrer Herkunft und dem Weg, den sie gegangen ist, auch Kraft. „Ich musste mehr investieren als andere, mich mehr durchsetzen“, sagt sie rückblickend. Darauf könne sie stolz sein, sagt Kammer, die ihre Herkunft aus einer nicht akademischen Familie nicht nur als hinderlich abstempeln möchte: „Klar hatte ich es oft nicht leicht, andererseits aber auch keinen Druck zu Hause, was ich Tolles werden soll.“

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Gestaltungsfreiheit nennt es die 26-Jährige. „Keinen festgelegten Weg zu gehen, das bedeutet auch Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten, zum Beispiel Resilienz aufzubauen. Oder mit besonderem Ansporn die eigene Karriere zu gestalten. Das sind Stärken, die auch für Unternehmen wertvoll sind.“

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