Hinter den Musical-Kulissen

„Der Medicus“: Junge Schauspieler zwischen Schule und großer Bühne

Seit 2016 läuft „Der Medicus“: Die Rollen des jungen Rob Cole (von rechts) und seiner beiden Schwestern teilen sich 13 Kinder.

Seit 2016 läuft „Der Medicus“: Die Rollen des jungen Rob Cole (von rechts) und seiner beiden Schwestern teilen sich 13 Kinder.

Hameln. Es dauert einen Moment, dann fällt von Laurin Bode alle Aufgeregtheit ab, und er strahlt über das ganze Gesicht. Vor ihm stehen gut 600 jubelnde Menschen im ausverkauften Theater Hameln. In der Musicalfassung von Noah Gordons Bestseller „Der Medicus“ spielt Laurin den jungen Rob Cole, der am Anfang des Stücks nach dem Tod der Mutter für seine beiden kleinen Schwestern sorgt und sich dann einem fahrenden Bader anschließt. In einer Rahmenhandlung spielt er zudem Robs Sohn, dem der weit gereiste Medicus nach seiner Rückkehr seine Geschichte erzählt.

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Zwischendurch saß der Zwölfjährige mit seinen beiden Bühnenschwestern in einem Aufenthaltsraum hinter der Bühne, wo er seine Nervosität mit Knäckebrot bekämpfte und das Stück auf einem kleinen Bildschirm verfolgte. Am Ende stehen alle drei mit dem Ensemble am Bühnenrand und lassen sich feiern. Und endlich kann auch Laurin lachen. „Das hat total Spaß gemacht“, sagt er hinterher.

Neun Schwestern, vier Robs

Konzentration im Workshop: Laurin (am Tisch) übt eine Szene, Kindercoach Christoph Bier (rechts) schaut genau zu.

Konzentration im Workshop: Laurin (am Tisch) übt eine Szene, Kindercoach Christoph Bier (rechts) schaut genau zu.

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Für die Musicalschmiede ist es aber keine Option, Kinderrollen durch junge Erwachsene spielen zu lassen. „Kinder sind gnadenlos authentisch“, sagt Scholz. Laurin ist trotz Nervosität dazu noch erstaunlich souverän. Er besucht wie einige andere der mitspielenden Kinder die Stage Perform School in Hannover. „Schon mit zweieinhalb Jahren wollte er jedes Kaspertheaterstück auf dem Weihnachtsmarkt auf der Lister Meile sehen, auch dreimal am Tag“, sagt Vater Manuel. Aus der Landeshauptstadt kommen die meisten Kinder. Die Eltern sind längst zur Whats­app-Gruppe geworden und organisieren Fahrgemeinschaften nach Hameln. Eltern dürfen das Stück nur einmal gratis sehen. Beata Tedja, deren zwölfjährige Tochter Tracy Lynn mitspielt, hat sich das für den ersten Weihnachtstag aufgehoben. Bei Tracys Premiere sitzt sie mit den Kindern vor dem kleinen Bildschirm im Aufenthaltsraum.

Casting in Hannover

In Hannover hat im Sommer auch die Suche nach dem jungen Rob und den beiden Schwestern begonnen. Rund 40 Kinder zwischen neun und 14 Jahren mussten in den Katakomben eines Hotels einen kurzen Text lernen und dann mit einem Schauspieler eine kurze Szene spielen. „Bei Kindern entscheidet oft die Intuition. Sie haben ja noch kein schauspielerisches Handwerkszeug, sie bringen sich selber mit“, sagt Dramaturg Christoph Jilo, der die jungen Mimen persönlich unter die Lupe nimmt. Was er brauche, sei eine „spürbare emotionale Wahrheit. Und Reaktionsvermögen“. Erfahrung am Schultheater oder Stage-Schools könnten hilfreich sein, von einer Vorbereitung durch die Eltern auf solche Castings halte er dagegen wenig. „Da entstehen dann oft falsche Vorlagen, von denen sich die Kinder nicht mehr lösen können.“

Dass deutlich mehr Mädchen zu Castings kommen, ist für Jilo keine Überraschung. „Mädchen sind viel mehr bereit, sich zu öffnen, sind extrovertierter. Jungen haben schon ziemlich früh mit ihrer Coolness zu kämpfen. Die wollen Cowboys sein.“ Unter den vier Robs, die schließlich ausgesucht wurden, ist deshalb auch ein Mädchen, die 15-jährige Jette Klein aus Stadthagen. Sie kennt die Hamelner Bühne bereits vom Musical „Die Schatzinsel“.

Tipps für die richtige Betonung

In Fulda haben sich die Kinder den „Medicus“ angesehen, in mehreren Workshops sind sie dann auf ihre Rollen vorbereitet worden. Nicht nur Texte, auch Posen wollen geübt sein, sie müssen der Zeit entsprechen, Hip-Hop-Style passt für das Mittelalter nicht. „Man muss richtige Bilder finden“, sagt Kindercoach Christoph Bier. Das Bild eines startenden Flugzeugs hat Laurin im Workshop geholfen, die richtige Betonung bei zwei aufeinanderfolgenden Sätzen zu finden. Bier versucht, mit einer Mischung aus Motivation und Lockerheit mit den Kindern zu arbeiten – und nicht „von oben herab“. Sie sollen verstehen, warum sie etwas tun. Zudem muss der Kindercoach ihnen die Scheu nehmen, auch vor Körperlichkeit. „Sie müssen plötzlich eine eigentlich wildfremde Frau vertraut umarmen, die ihre Mutter spielt. Deshalb duzen die Kinder auch alle Erwachsenen.“

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Johanna Westphal ist die einzige Kinderdarstellerin aus dem Raum Hameln. „Ich habe schon in einem Luther-Musical mitgespielt“, sagt sie. Dann las ihr Vater vom „Medicus“-Casting: „Das wollte sie sofort. Und wir versuchen, das bestmöglich zu unterstützen.“

Auch Laurins Vater hätte nichts gegen eine Schauspielkarriere seines Sohns – solange der Junge selbst Spaß daran habe: „Wir lassen das alle auf uns zukommen“, sagt Manuel Bode. Aber neulich auf der Rückfahrt hat Laurin schon überlegt, wie viele Jahre der ,Medicus’ noch laufen muss, damit er sich für die Rolle des erwachsenen Rob Cole bewerben kann.“

"Der Medicus" läuft bis 3. Januar 2019. Für einige Vorstellungen gibt es noch Karten in den HAZ-Ticketshops.

Von Uwe Janssen

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