Meeresbewohner

Seepferd, Walross und Co. - Diese seltene Gäste tummeln sich im Wattenmeer

Ein weiblicher Sternrochen liegt am Nordstrand der Insel Baltrum. In den vergangenen Monaten sorgten Sichtungen und Funde von exotischen Meeresbewohnern immer wieder für Aufsehen an der Nordseeküste.

Ein weiblicher Sternrochen liegt am Nordstrand der Insel Baltrum. In den vergangenen Monaten sorgten Sichtungen und Funde von exotischen Meeresbewohnern immer wieder für Aufsehen an der Nordseeküste.

Wilhelmshaven. Mehr als 10 000 Arten leben allein im niedersächsischen Teil des Weltnaturerbes Wattenmeer - und manchmal kommen auch noch ganz besondere Gäste hinzu. In den vergangenen Monaten sorgten Sichtungen und Funde exotischer Meeresbewohner immer wieder für Aufsehen an der Nordseeküste: Ein Mondfisch etwa wurde zu Jahresbeginn auf Juist entdeckt.

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Die Funde von Seepferdchen häufen sich bereits seit einiger Zeit so sehr, dass nun das Oldenburger Landesmuseum und die Nationalparkhäuser dazu aufrufen, Funde zu melden. So soll ihr Vorkommen weiter untersucht werden.

Aber inwieweit sind diese Lebewesen tatsächlich „seltene Gäste“, die sich ins Wattenmeer verirrt haben oder aber Arten, die sich vielleicht dauerhaft ansiedeln? „Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich“, sagt Benedikt Wiggering, Experte für Biodiversität bei der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven. „Die am Strand angetriebenen Tiere sind oft solche, die im Meer verendet sind und dann angespült werden.“ Ungewöhnliche Gäste, die sich außerhalb ihres angestammten Lebensraums im Wattenmeer aufhalten, gebe es immer wieder mal.

Überblick über die jüngsten ungewöhnlichen Funde und Sichtungen:

- Walross: Erstmals nach mehr als 20 Jahren zog zuletzt an mehreren Nordseeinseln eine Walross-Dame Blicke von Urlaubern und Insulanern auf sich. Das braune, massige Tier mit Stoßzähnen ruhte sich tagelang an verschiedenen Inseln aus. "Das Walross, was wir im Sommer und Herbst bei uns an der Küste zu Gast hatten, ist anscheinend von sich aus in unsere Region geschwommen. Das passiert zwar selten, dafür aber regelmäßig", sagt Wiggering.

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Sichtungen gab es schon 1960, 1983 und 1998. Vermutlich hatte das Tier Tausende Kilometer zurückgelegt, denn Walrosse leben eigentlich um den Nordpol. Die Tiere kämen zwar mit den vergleichsweise wärmeren Bedingungen zurecht, in unseren Gefilden seien Walrosse aber nie heimisch gewesen, sagt Wiggering.

- Mondfisch: Noch einen Exoten entdeckte ein Strandspaziergänger zu Jahresbeginn auf Juist: einen 80 Zentimeter langen Mondfisch. Ein eher kleines Exemplar, denn die Tiere können mehr als drei Meter lang werden. Mondfische kommen hauptsächlich im Mittelmeer sowie in Teilen des Pazifiks und des Atlantischen Ozeans vor. Wegen der vergleichsweise milden Temperaturen seien sie im Herbst ab und zu auch in der Deutschen Bucht zu finden, sagt Experte Wiggering.

Manche fänden zufällig den Weg, manche verdrifteten auch. Mit der kälteren Jahreszeit schwämmen die Tiere dann wieder weg. „Aber nicht jeder schafft das.“ Bei Wassertemperaturen unter sechs Grad können Mondfische nicht überleben und werden dann etwa tot an Stränden angespült. So sei es vermutlich auch dem Juister Fisch ergangen.

- Rochen: Auch seltene Rochenarten, wie Sternrochen, werden immer wieder mal an Nordseestränden entdeckt - zuletzt etwa Anfang Januar am Strand von Baltrum. Die platten Fische mit dem markanten langen Schwanz leben eigentlich in der mittleren und tiefen Nordsee.

Nach Angaben des Baltrumer Nationalparkhauses sind Rochen-Sichtungen in der Nordsee äußerst selten. Allerdings wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Eikapseln von Rochen im Watt um Baltrum entdeckt. Laut der Gemeinde könnte die Sichtung nun ein Hinweis darauf sein, dass sich die Tiere in der südlichen Nordsee ansiedeln.

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- Seepferdchen: Sie waren in der Nordsee lange Zeit selten zu finden, doch seit einiger Zeit gibt es vermehrt Funde - wie etwa Mitte Januar, als Naturschutzwarte zwei, nur wenige Zentimeter große Kurzschnäuzige Seepferdchen auf Wangerooge fanden. Warum die Tiere angespült wurden, ist unklar.

Eigentlich gelten die Tiere aus dem Wattenmeer seit den 1930er Jahren als fast verschwunden. Eine Pilzinfektion vernichtete viele Seegraswiesen. „Damit war der Lebensraum der Tiere verschwunden“, sagte der Geschäftsführer der zuständigen Naturschutz- und Forschungsgemeinschaft Mellumrat, Mathias Heckroth, nach dem Fund. Die Funde könnten nun jedoch ein Anzeichen dafür sein, dass sich der Bestand im Wattenmeer langsam erhole.

„Natürlich ist es etwas Besonderes, ein Seepferdchen am Strand zu finden“

Tatsächlich hat es zuletzt mehrere Funde gegeben: Von November 2021 bis Ende Februar 2022 waren es 24 Fundmeldungen, die etwa über die App „Beach Explorer“ registriert wurden. „Das ist mehr als letztes Jahr und auch mehr als im Jahr davor“, sagt Wiggering. Der Experte vermutet, dass auch die Medienberichterstattung ein größeres Bewusstsein für die Tiere geschaffen habe und daher mehr gemeldet worden seien.

Warum es zu den Funden komme und inwieweit es wieder Vorkommen in deutschen Gewässern geben könnte, ist noch wenig untersucht. Das wollen nun auch Forscher des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven analysieren. Als Brutgebiet brauchen die Seepferdchen Tang-, Algen- oder Seegraswiesen, die ständig mit Wasser überflutet sind. Vor der niedersächsischen Küste sind solche Habitate derzeit nicht bekannt - allerdings vor der niederländischen Küste. Eine Theorie ist daher, dass die Tiere aus den Niederlanden verdriftet und bis auf die Ostfriesische Insel gespült wurden.

„Natürlich ist es etwas Besonderes, ein Seepferdchen am Strand zu finden“, sagt Nationalpark-Experte Wiggering. Das Wattenmeer biete mit seinem Artenreichtum aber noch sehr viel mehr Arten, vor allem kleinere, wirbellose Tiere, die sich mit einfachsten Mitteln entdecken ließen. „Man kann zahllose Tiere und Pflanzen entdecken, indem man einfach einen Moment innehält und genau hinschaut.“ Das gelte auch für die Beobachtung größerer Tiere, helfe aber ebenso beim Entdecken kleinster Lebewesen etwa vom Wegesrand aus.

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Von RND/dpa

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