Keine Angst vor Informatik!

Warum die IT‑Branche mehr Frauen braucht – und wie das gelingen kann

Mehr Mädchen für Informatik begeistern: Das ist vor allem eine Aufgabe der Schulen.

Hannover. Es riecht nach Pizza, die passenden Kartons stapeln sich in der Ecke. Der Raum ist verdunkelt, nur die Monitore schicken ihr flackerndes Licht auf ein blasses Gesicht, das durch eine große Brille eingerahmt wird. Es ist das gängige Klischee, der typische Nerd männlich. Wenn es ums Programmieren geht, denkt kaum jemand an eine Frau.

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Warum? Weil Frauen in IT‑Berufen unterrepräsentiert sind. Die Statistik belegt das mit Zahlen: Laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) liegt der Frauenanteil in der IT‑Branche in Deutschland bei 17,5 Prozent. Doch gerade in diesem Bereich wird in den kommenden Jahren eine große Zahl von Fachleuten benötigt – der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikations­branche (Bitkom) verweist auf 96.000 offene Stellen. Die IT‑Brache kann bei der Besetzung dieser zukunftsfähigen Arbeitsplätze eigentlich gar nicht auf Frauen verzichten.

Klischees und Vorurteile

Doch warum finden so wenige Mädchen später den Weg an den Rechner? Der Bildungsanbieter GFN, der auf IT‑Weiterbildungen und ‑Umschulungen spezialisiert ist, hat sich in einer aktuellen Umfrage unter rund 300 Kursteilnehmern und ‑teilnehmerinnen darüber erkundigt. Dabei ging es auch um die Frage, warum immer noch so wenige Frauen in der IT arbeiten.

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Ein Großteil der Befragten macht dafür vor allem tradierte Rollenbilder und Klischees verantwortlich. So sagen mehr als die Hälfte (51,4 Prozent), dass Frauen eher auf soziale Berufe ausgerichtet sind – zum Beispiel Erzieherin. Fast genauso viele (48,6 Prozent) meinen, alte Klischees sorgten dafür, dass sie sich oft selbst nicht als technikaffin genug einschätzen. Auch glauben laut GFN Umfrage 43,6 Prozent, dass Frauen davon ausgingen, Männer hätten bei der Besetzung von IT‑Stellen bessere Chancen.

Orts- und zeitunabhängig

Anna Bordzol, Expertin des Bildungsanbieters GFN, hat allerdings einen Wandel festgestellt: „Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen werden zum Glück immer offener, ihre Teams gemischt aufzustellen. Sie erkennen den Mehrwert diverser Teams, was inzwischen ja auch von Studien belegt wird.“ In der Umfrage gaben 83 Prozent an, dass IT‑Berufe attraktiv sind, weil sie in einer digitalen Welt als zukunftsfähig gelten.

Bordzol sieht noch weitere Vorteile: „IT‑Fachkräfte werden meist gut bezahlt. Zudem bieten die Stellen häufig ein orts- und zeit­unabhängiges Arbeiten.“ Kein Nine-to-five-Job, kein festgelegter Arbeitsplatz: „Das ist vor allem ideal für alle, die Familie und Beruf unter einen Hut kriegen müssen.“

Plan B mit neuen Chancen

Diese Flexibilität wird auch von Ulrike Pflug sehr geschätzt. „Ich muss nicht immer pendeln – so spare ich Sprit und Zeit“, sagt die 50‑Jährige. Nachdem sich die gelernte Versicherungs­kauffrau für anderthalb Jahre die Zeit genommen hatte, ihren Vater zu Hause zu pflegen, wagte sie im vorigen Jahr einen Neuanfang in der IT‑Branche.

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„Früher hat mich Mathe nie begeistert – ich fand es eher langweilig. Deshalb kam ich nicht darauf, dass ein Job in der IT zu mir passen könnte“, erinnert sich Pflug an ihre Schulzeit. Das änderte sich nach der Pflege­auszeit. Denn die agile Frau, die in der Nähe von Koblenz zu Hause ist, entschied sich für eine Weiter­bildung bei der GFN. Dort machte sie eine Ausbildung zur IT‑Projektleiterin, erlernte die Programme Scrum Master und Prince 2.

Heute arbeitet Pflug bei einem Wiesbadener IT‑Dienstleister im Project Management Office. „Für diesen Job muss ich zum Glück kein Matheass sein. Es ist vielmehr logisches Denken und ein technisches Verständnis erforderlich, um beispielsweise Zeichnungen von IT‑Architekten zu verstehen. Außerdem übernehme ich administrative Aufgaben und arbeite im Controlling, dabei ist ein gutes Zahlen­verständnis natürlich hilfreich.“

Pflug freut sich auf neue Herausforderungen. „Ich finde es generell wichtig, dass man offen ist und gewillt, immer dazuzulernen. So bleibt man fit im Kopf und kann sich neuen Situationen flexibel anpassen.“

Beruflich keine Zukunftssorgen

Auch Sandra Peters hat sich für eine Umschulung bei der GFN entschieden – bei ihr steht demnächst die IHK-Prüfung zur Fach­informatikerin für Anwendungs­entwicklung auf dem Plan. Die 32‑Jährige hatte nach der Schule eine Ausbildung bei der Deutschen Post absolviert und danach im Lager bei einem Logistiker gearbeitet. „Nach einem Betriebsunfall ging das aber nicht mehr – ich musste mich neu orientieren.“

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Peters nennt es selbst Glück im Unglück: „Ich war schon immer sehr IT‑affin“, erzählt die Hamburgerin. „Ich habe mich schon privat mit verschiedenen Programmier­sprachen wie beispielsweise Java beschäftigt. Mich interessiert einfach, wie das alles funktioniert.“ Über ihre berufliche Zukunft macht sich Peters keine Sorgen: „Ich weiß, dass auf dem Gebiet der Anwendungs­entwicklung jede Menge Leute gesucht werden.“

Mehr Infos in den Schulen

Mehr Frauen in die IT‑Branche – wie kann das zukünftig besser klappen? Auch dazu wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der GFN-Studie befragt: Mehr als zwei Drittel (68,8 Prozent) denken, dass schon in der Schule mehr über IT‑Berufe informiert werden müsste, mehr als die Hälfte (56,4 Prozent) meint zudem, dass natur­wissenschaftlich begabte Mädchen schon dort stärker ermutigt und gefördert werden sollten.

Auch später geht es um gezielte Förderung: Spezielle Programme vom Staat und von den Unternehmen müssten Frauen den Um- beziehungs­weise Quereinstieg in die IT erleichtern. „Für alle, die einen Neu- oder Quereinstieg in die IT‑Branche überlegen, ist es wichtig, sich im Vorfeld gut beraten und informieren zu lassen“, sagt GFN-Expertin Bordzol, die auf erfahrene, zertifizierte Unternehmen wie den Bildungs­anbieter verweist. „Wir loten zunächst Kompetenzen und Interessen aus und arbeiten dann gezielt in Umschulungen und Weiter­bildungen am beruflichen Neustart.“

So würden die Frauen bei Umschulungen (mit Berufsabschluss) meist 21 bis 24 Monate lang nach einem festen Lehrplan und überwiegend in Präsenz unterrichtet. „Die Weiterbildungs­kurse dagegen sind in der Regel je nach Vorkenntnissen individuell abgestimmt – und werden online abgehalten. Sie dauern meist vier bis sechs Monate“, erklärt Bordzol. „Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen unserer Weiterbildungs­angebote werden hauptsächlich von der Agentur für Arbeit und den Jobcentern gefördert.“ Es gebe aber auch einen kleinen Teil Selbstzahler.

Flexible Lebensplanung

Dass die IT‑Branche mehr Frauen benötigt, davon ist auch Annette Schütz überzeugt. Die Leiterin der Abteilung Kommunikation und Netzwerke bei der Bundesagentur für Arbeit, Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen weiß aus Erfahrung, dass „die Digitalisierung ein wichtiger Langzeittrend ist.“ Zudem sei die Branche nicht nur finanziell attraktiv, sondern auch mit Blick „auf eine sichere Erwerbsbiografie und hohe Flexibilität in der Lebensplanung.“

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Die Nachfrage nach Fachkräften aus technischen Berufen sei sehr groß. Doch „in der Berufs­­orientierung stellen wir leider fest, dass Frauen häufig ihre Fähigkeiten in den MINT-Berufen unterschätzen und sich für einen der sogenannten Frauenberufe entscheiden.“ Dadurch gingen sicherlich viele Talente verloren, glaubt Schütz. „Deshalb brauchen wir noch mehr sichtbare Vorbilder für Mädchen und Frauen. Jede, die sich für einen technischen Beruf entscheidet, macht anderen Lust und Mut.“

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