Der moderne Mann

Rollenwechsel? Warum viele Väter das alte Familienmodell mittlerweile satt haben – und trotzdem nichts ändern

Mehr für das Kind da sein: Das wünschen sich viele moderne Väter.

Mehr für das Kind da sein: Das wünschen sich viele moderne Väter.

Hannover. Der Mann hat spürbar genug von sich und seinesgleichen. Zwar ist er es, der seine Tochter zur Kita bringt und sechs Stunden später auch abholt. Aber trotzdem schafft der berufstätige Vater zweier Kinder es öfter zum Sport als seine Frau zur Rückbildungsgymnastik. Zwar ist der 45-Jährige es, der – 20 Minuten zu spät, aber immerhin – brav auf einem Social-Distancing-Kindergeburtstag auf dem Spielplatz aufschlägt. Auch beim Elternabend in der Kita ist er und nicht seine ebenfalls berufstätige Frau, eine Ärztin, dabei. In den Familien-Google-Kalender eingetragen hat die Termine allerdings seine Frau wie auch sämtliche Kinderarzttermine oder die Playdates mit anderen Kindern.

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Tobias Moorstedt ist einer dieser „neuen Väter“, von denen es Experten zufolge so viele wie nie zuvor gibt. Es ist eine Generation von Männern, die interessiert am eigenen Nachwuchs ist, sich engagiert, die Kleinen mit Brei versorgt, wickelt, bespaßt und der Partnerin den Rücken frei hält, wann immer es die Zeit erlaubt. Aber die Zeit erlaubt es nur begrenzt oft.

Moorstedt beispielsweise ist auch einer von denen, deren Frau in den Pandemiejahren 2020 und 2021 die Elternzeit um einige Monate verlängert, während er weiter Vollzeit für Miete, Haushalt und Urlaub im Homeoffice arbeitet. Dass unverhältnismäßig viele Väter in der Corona-Krise in Vollzeit weiterarbeiteten, während die Mütter Stunden reduzierten, um die Kinder zu betreuen, ist laut Experten eine der Retraditionalisierungsfallen, die zurzeit dafür sorgen, dass die alten Aufteilungen bleiben, wie sie sind.

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„Wir schlechten guten Väter“ hat Tobias Moorstedt wohl auch deshalb sein Buch genannt (Dumont-Verlag, 224 Seiten, 22 Euro). Es ist eine selbstkritische Abrechnung mit Männern, die sich auch heute noch erfolgreich vor einer gerechten Aufteilung von Arbeits- und Familienarbeitszeit drücken. Männer machten es sich weiterhin auf dem privaten Thron des Haupternährers bequem, schreibt er. Den Preis zahlten Frauen, Kinder – und die Männer selbst.

Moorstedt ist mit seiner Kritik am eigenen Geschlecht nicht allein. Der Wirtschaftswissenschaftler Boris von Heesen rechnet in seinem Buch „Was Männer kosten“ (Heyne-Verlag, 304 Seiten, 18 Euro) vor, dass Deutschland 63 Milliarden Euro für das toxische Verhalten von Männern ausgibt – vor allem, weil diese an überkommenen Männerbildern festhalten. Autor Fabian Soethof versucht es statt mit Self-Bashing mit Motivation, um endlich etwas an der traditionellen Verteilung der Rollen in Familien zu verändern. Seinen Titel „Väter können das auch!“ (Kösel-Verlag, 240 Seiten, 18 Euro) hat er sogar mit einem Ausrufezeichen versehen. Es sei Zeit, Familie endlich gleichberechtigt zu leben, fordert der Mann, der in Teilzeit die Onlineredaktion des „Musikexpress“ leitet und unter www.newkidandtheblog.de einer der ersten Väter war, die über das Elternsein bloggten. Soethof glaubt, dass die Vaterrolle sich gerade grundlegend im Wandel befindet, „vielleicht so stark wie nie zuvor“.

Ist das so? Es reicht eine einfache Google-Suche, um festzustellen, dass der Mythos des neuen Vaters bereits einen ziemlichen Bart hat. Wer lange genug sucht, findet in der Zeitschrift „Eltern“ schon 1970 einen Artikel über „Sieben neue Väter und ihre Babys“. Eine echte Veränderung erreicht die heutige Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, die die Vaterrolle als Familienministerin von 2005 bis 2009 zu einem zentralen Thema macht. Die CDU-Politikerin, selbst siebenfache Mutter, führt das Elterngeld ein, das dazu führt, dass die Zahl der Väter, die Elternzeit nehmen, enorm steigt. Vor der Einführung nahmen die Babypause nur 3 Prozent der Väter in Anspruch, aktuell sind es laut neuem Väterreport des Bundesfamilienministeriums mehr als 42 Prozent. Doch die Mehrheit der Väter belässt es heute bei zwei Partnermonaten. Neun von zehn Vätern bleiben erwerbstätig, fast alle kehren in die Vollzeit zurück.

Dabei tut die Politik manches, um auf die neuen Väter einzuwirken. Der Grünen-Politiker und heutige Wirtschaftsminister Robert Habeck, selbst vierfacher Vater, erörterte bereits 2008 in seinem Buch „Verwirrte Väter – oder: Wann ist der Mann ein Mann“ die Frage, ob der Vater als Ernährer der Familie nicht ein Auslaufmodell ist. Die heutige Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), forderte als Bundesfamilienministerin in der großen Koalition 2014 eine Vier-Tage-Arbeitswoche, mit jeweils 32 Stunden für junge Väter und Mütter. Es war eine ihrer ersten Forderungen als Ministerin. Nur ein „persönlicher Debattenbeitrag“ sei das, monierte das Kanzleramt und legte das Modell ad acta. Dabei kommt die Idee vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das hat die günstigste Variante für eine Vereinbarung von Familie und Beruf ausgerechnet.

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Wie weit Wunsch und Wirklichkeit bei Vätern auseinanderdriften, zeigt auch der aktuelle Väterreport. 52 Prozent der Väter geben an, dass sie weniger arbeiten wollen, aber nur 6,9 Prozent tun es auch, heißt es dort. 45 Prozent der Väter wünschen sich eine partnerschaftliche Aufteilung der Kinderbetreuung, aber nur 17 Prozent setzen es um. Gilt unter modernen Vätern also weiter das Bonmot des Soziologen Ulrich Beck? „Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“ attestiert er ihnen bereits 1986.

Es gehört zu den bedrückenden Erkenntnissen in Moorstedts Buch, dass dieses Verhalten heutzutage wohl auf Väter und Mütter zutrifft – und zwar vor allem auf wohlhabende, gebildete. Der Autor zitiert Befragungen, die zeigen, dass gerade in diesen Milieus Paare am häufigsten behaupten, dass sie eine „Fifty-fifty-Arbeitsteilung“ lebten. Frage man genauer nach, stelle sich dies als Schutzbehauptung heraus, die kaschiere, dass sich ein Elternteil deutlich stärker selbst verwirkliche. Eine Tatsache, über die wechselseitiges Stillschweigen vereinbart werde. „Gender Legacy Couples“ nenne die amerikanische Psychologin Darcy Lockman solche Paare. Der Glaube daran, dass der Mann in der Beziehung ein moderner, engagierter Vater sei, überdecke, dass sich allzu oft doch die Frau unterordne – und den Hauptteil allen Planens und Machens in der Familie übernehme.

Vier männliche Leitsätze zementieren Moorstedt zufolge, dass es in Sachen gleichberechtigte Familienarbeit nicht vorwärtsgeht: „Ich mache ja schon mehr als alle anderen“, „Sie kann das einfach viel besser als ich“, „Ich habe es nicht anders gelernt“ und „Sie lässt mich ja nicht“.

Werden Väter von Müttern bevormundet?

Dem letzten Satz hat „Der Spiegel“ Mitte 2021 eine Titelgeschichte gewidmet. „Worunter moderne Väter leiden“ hieß sie und behandelte das sogenannte Maternal Gatekeeping, die Bevormundung und Benotung von Vätern durch Mütter. „Egal, ob es um kochen, waschen oder wickeln geht: Mami weiß es eben doch am besten, Papa bleibt ein Elternteil zweiter Klasse“, lautete das Thema. Der Text sei einer der meistgelesenen des Jahres gewesen, wirbt die Zeitschrift.

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Wer in Frauen-Bubbles unterwegs ist, weiß: Es war auch einer der meistgehassten. Hohn und Spott schütteten Frauen über Männer aus, die sich unter anderem in vornehmlich weiblich besetzten Schwimm- und Babygruppen nicht genügend beachtet fühlen und sich sogar noch von Mutti einen Freifahrtschein holen, wenn sie dem Berliner Väterzentrum mitsamt Kind einen Besuch abstatten wollen. Männer trügen selbst die Verantwortung dafür, sich zu emanzipieren, und müssten nicht auch dafür noch von Frauen an die Hand genommen werden, kritisierte die Journalistin Teresa Bücker.

Was also tun? Helfen würde vermutlich schon, wenn neue Väter (und Mütter) nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis, umsetzten, was Fabian Soethof flapsig so formuliert: „Ich mache den überholten Scheiß nicht länger und um jeden Preis mit.“ Einen wichtigen Schub könnte aber vor allem der immer häufigere Unwille jüngerer Menschen – und zwar von kinderlosen Singles und Paaren genauso wie von Vätern und Müttern – bringen, dem 40-Stunden-Job weiterhin die oberste Priorität einzuräumen.

Aus der Ecke der Arbeitgeber kommt Gegenwind. So forderte BDI-Präsident Siegfried Russwurm (59) unlängst wegen Fachkräftemangels sogar die 42-Stunden-Woche. Aber der Protest der Jüngeren dagegen, das Verlangen nach mehr Lebens- und Freizeit könnte auch alten Familienarbeitsmodellen wie Schwesigs 32-Stunden-Woche neuen Auftrieb geben. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man Kinder erziehen möchte, wenn beide Partner fünf Tage in der Woche voll erwerbstätig sind“, sagte die Soziologin Jutta Allmendinger schon 2014 in einem Interview. Wenn moderne Elternschaft bedeuten soll, dass Mütter und Väter ihre Kinder gleichermaßen aufwachsen sehen wollen, könnte eine 32-Stunden-Woche für beide Eltern eine gute Lösung sein.

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