Chefarzt: Krebspatienten sind auch in der Pandemie „extrem gut versorgt“

Krebspatienten sind nach Expertenmeinung auch in der Corona-Pandemie „extrem gut versorgt“.

Krebspatienten sind nach Expertenmeinung auch in der Corona-Pandemie „extrem gut versorgt“.

Hannover. Krebspatienten sind nach Expertenmeinung auch in der Corona-Pandemie „extrem gut versorgt“. Im vergangenen Jahr hätten Krebsoperationen angesichts des Drucks auf den Intensivstationen verschoben werden müssen, aber „nie zum Nachteil eines Patienten“, sagt der Vorsitzende der niedersächsischen Krebsgesellschaft, Peter Meier. Bei regionalen Corona-Ausbrüchen könne es noch immer zu „momentanen Versorgungsproblemen“ kommen, die betreffenden Patienten würden verlegt. Meier erklärt im Interview, welche Folgen die Pandemie für die Patienten hat.

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Was bedeutet die Corona-Pandemie für krebskranke Menschen?

Die Corona-Pandemie bedeutet für Krebskranke weniger als man gemeinhin denkt. Krebspatienten sind extrem gut versorgt, jeder Krebspatient ist in einer speziellen krebstherapeutischen Behandlung. Patienten, die spezielle Therapieformen brauchen, die auch auf das Immunsystem wirken, sind in exzellenter Betreuung. Das Problem kennen wir schon seit vielen Jahrzehnten, das Phänomen Corona ist in der Betreuung dieser Patienten nichts Ungewöhnliches: Denn das, was Nicht- Krebspatienten lernen müssen, nämlich Kontakte zu reduzieren, eine Maske zu tragen, zu lüften, das kennen Krebspatienten seit vielen Jahrzehnten und sind darauf vorbereitet.

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Wie aber sieht es bei Krebspatienten aus, die in einer Klinik sind - oder ins Krankenhaus müssten?

Genau, was ist mit einem Patienten, der akut betroffen ist, der in der Klinik eine sehr spezielle Therapie braucht - wird die ihm vorenthalten, weil es Probleme mit der Versorgungsstruktur gibt, weil vielleicht ein Bett nicht vorhanden ist? Da muss ich sagen, das Problem existiert meiner Kenntnis nach - und ich bin da sehr stark involviert - kaum. Es kann einen oder zwei Tage Verzögerung geben, aber keine fundamentale Therapieverzögerung, die den Verlauf der Therapie des Patienten grundsätzlich negativ beeinflusst. Es hat im letzten Jahr angesichts der Corona-Krise und des Drucks auf den Intensivstationen tatsächlich eine Versorgungsproblematik gegeben, ohne Frage. Das betraf häufig Patienten, die einer chirurgischen Therapie bedurften.

Das bedeutet, es gibt keine Engpässe bei Diagnostik, Chemotherapie oder Strahlentherapie, sondern bei Operationen?

Das war der Fall. Die hat es durchaus gegeben. Es gibt aber eine gewisse Solidarität der behandelnden Kollegen, man hat gesucht, welche Klinik noch Kapazitäten hat. So konnten die betreffenden Patienten schließlich doch adäquat versorgt werden. Man muss bedenken, dass die Krankenhäuser unterschiedlich organisiert sind, es gibt verschiedene Versorgungsstrukturen. Es konnte tatsächlich mal zu Verzögerungen kommen, aber nie zum Nachteil eines Patienten.

Aber das Problem ist aus Ihrer Sicht in Niedersachsen, aber auch bundesweit inzwischen überwunden?

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Sieht so aus. Es kann bei regionalen Ausbruchsphänomenen immer noch mal sein, dass es zu momentanen Versorgungsproblemen kommt. Ein Fall wie auf Sylt etwa. Aber: Wenn da auf einmal die Diagnose Krebs gestellt wurde oder ein Krebspatient in eine kritische Situation kam, war es überhaupt allenfalls ein logistisches Problem, diesen dahin zu verlegen, wo er versorgt werden konnte. Dahingehend ist das deutsche Gesundheitssystem extrem leistungsfähig. Es war durchaus so, dass operative Eingriffe in Einzelfällen verschoben werden mussten, aber nicht in einen kritischen Bereich.

HPeter Meier ist Vorsitzender der Niedersächsischen Krebsgesellschaft und Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie am Henriettenstift in Hannover, sitzt an seinem Schreibtisch.

HPeter Meier ist Vorsitzender der Niedersächsischen Krebsgesellschaft und Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie am Henriettenstift in Hannover, sitzt an seinem Schreibtisch.

Warum mussten Krebsoperationen verschoben werden?

Ich will mal ein ganz konkretes Beispiel herausgreifen: Bauchspeicheldrüsenkrebs, wenn ganz klar wurde, dass absehbar - sprich: kurzfristig - operiert werden müsste. Dieser operative Eingriff ist groß, das heißt, der Patient kann hinterher nicht auf einer Normalstation versorgt, er muss intensivmedizinisch betreut werden. Und da hat es durchaus Probleme gegeben, weil auf den Intensivstationen akut kein Bett frei war. Das bedeutet, der operative Eingriff hätte erfolgen können, aber die Nachbetreuung des Patienten hat tatsächlich Probleme bereitet. Nur hat sich, wenn auch zum Teil mit großem Aufwand, immer ein Weg gefunden, das Problem zu lösen. Kein Patient wurde aufgegeben.

Das dürfte viele Patienten beruhigen. Aber wie sehr haben solche Verzögerungen die Krebspatienten beeinflusst?

Das ist natürlich ein ganz anderes Problem. In einer solchen Phase haben gerade chronisch kranke Menschen, und dazu gehören die Krebspatienten, Angst. Wie verhalte ich mich, welche Ansprüche habe ich, muss ich mich zurücknehmen? Ängste waren ohne Frage da - und auch berechtigt. Aber ich kann Ihnen sagen: Wir haben alles daran gesetzt, dass jeder versorgt wird. Dass der Einzelne Ängste hat, das ist verständlich. Aber ich kann nicht erkennen, dass eine wichtige, lebensnotwendige Operation in Deutschland so stark verschoben werden musste, dass nicht adäquat gehandelt wurde.

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Diese Einschätzung wird gerade in einer Pandemie sehr willkommen sein.

Wenn man sich engagiert, dann klappt es auch. Das Problem ist ein anderes: Die Solidarität der Pflegekräfte und Ärzte ist extrem hoch, wir kämpfen aber mit dem Kostendruck. Das bedeutet, wenn eine Operation nötig war, dann wurde entsprechend gehandelt. Nur stehen dahinter ökonomische Rahmenbedingungen: Wenn wir hier einen Patienten hätten, der in unserem Haus nicht versorgt werden kann, dann müssten wir ihn verlegen. Aber im deutschen Gesundheitssystem werden alle Betreuungskosten, die bis dahin angefallen sind, der primär behandelnden Klinik nicht adäquat erstattet. Das gehört aber nicht zum ärztlichen Selbstverständnis. Alle Pflegekräfte, alle Ärzte haben für die Patienten immer alles getan, was aber in der Aufstellung der Krankenhäuser problematisch geworden ist - die machen Riesendefizite. Da sehe ich ein Versagen der Politik, die im Übrigen noch mehr Betten aus der Versorgung streichen will.

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang die Omikron-Variante - besteht ein erhöhtes Risiko für Krebspatienten und ihre Operationen?

Nein, überhaupt nicht. Omikron-Infektionen verlaufen nach derzeitigen Daten vergleichsweise weniger lebensbedrohlich. Natürlich gibt es schwer betroffene Patienten, aber statistisch gesehen ist der intensivmedizinische Versorgungsbedarf derzeit gering. Und damit entsteht auch kein Problem für schwerkranke Patienten, die werden betreut.

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Zumal es bei Krebspatienten oft nicht darauf ankommt, ob die Therapie heute oder morgen beginnt.

Genau, das ist ganz wichtig. Und Krebspatienten sind sehr aufmerksam, das sind Menschen, die nicht einfach blind in der Gegend herumlaufen und Straßenbahnen ohne Maske betreten - um es vereinfachend zu sagen. Sondern sie wissen um ihre Erkrankung und sie wissen, dass sie die Verhaltensmaßregeln, die allen angeraten werden, besonders zu beachten haben. Also: Maske, Hände waschen, lüften.

RND/dpa

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