Ein Herz für Menschen: Haustiere helfen gegen Einsamkeit

In der Corona-Zeit: Haustiere können gegen Einsamkeit helfen.

In der Corona-Zeit: Haustiere können gegen Einsamkeit helfen.

Diese Frage verändert alles: “Ich wollte dich fragen, ob du ihn nehmen kannst?” “Ihn” – das ist ein Hund, allerdings ein gewaltiger: eine Harlekindogge, auch Deutsche Dogge genannt. Das Tier mit Namen Apollo ist von der Pfote bis zur Schulter 85 Zentimeter hoch. Es wiegt 80 Kilogramm. Apollo gehört zu dem, was ein New Yorker Autor nach seinem Suizid hinterlassen hat.

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Haustiere können vor Einsamkeit bewahren

So zumindest erzählt es die US-Autorin Sigrid Nunez in ihrem autobiografisch grundierten Buch “Der Freund”, das vor Kurzem im Aufbau-Verlag erschienen ist. Jetzt steht die Icherzählerin, Kollegin und enge Freundin des Autors vor der Entscheidung: Nimmt sie das Tier oder nicht? Es spricht einiges dagegen: etwa, dass ihre Wohnung gerade mal 45 Quadratmeter groß ist. Doch natürlich kann sie nicht Nein sagen und nimmt Apollo bei sich auf. Weil sie ihm das Tierheim ersparen will, sagt sie. Doch bald zeigt sich: Die Frau rettet das Tier vor dem Heim, doch zugleich rettet das Tier die Frau – vor Einsamkeit und Depression.

Auch und gerade in Corona-Zeiten bewahren Haustiere viele Menschen vor Einsamkeit und werden zu wichtigen Gefährten im sozial eingeschränkten Alltag. Laut dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit gibt es keine Hinweise darauf, “dass Hunde oder Katzen ein Infektionsrisiko für den Menschen darstellen”.

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Tiere als Lebensretter

Sigrid Nunez schildert in ihrem Buch, ausgezeichnet mit dem National Book Award, den Trauerprozess um ihren Freund. Die 69-Jährige beschreibt jedoch auch das Zusammenleben mit der Dogge und reflektiert das Verhältnis von Mensch und Tier. Dass Vierbeiner in das Leben einsamer Menschen Einzug halten, ist ein beliebter Topos in der Unterhaltungsliteratur. Auffällig ist jedoch, wie viele ganz ernsthafte Bücher in jüngster Zeit davon berichten, dass Tiere sich als Menschenretter betätigen. Dabei handelt es sich nicht mehr nur um Hunde oder Katzen.

Im Bestseller “Penguin Bloom” – Untertitel: “Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete” – steht eine Elster im Mittelpunkt. Der Bildband basiert auf einer wahren Geschichte: Nach einem Unfall ist Sam Bloom, Mutter von drei Jungen, querschnittsgelähmt. Die Familie ist verzweifelt – bis sie eine zerrupfte Elster bei sich aufnimmt. Durch das Chaos, das Penguin anrichtet, verbreitet er heilsame Freude.

Oder da ist “H wie Habicht” von Helen Macdonald. In ihrem Buch beschreibt die Britin, wie sie nach dem Tod ihres Vaters einen Habicht kauft und das Tier abrichtet, es in ihrem Haus leben lässt. Macdonald versucht, das Bewusstsein des Tieres zu ergründen, und kann sich dank der Habichtdame Mabel aus der Trauer befreien.

Im August wird noch so eine Geschichte erscheinen: “Aus dem Nest gefallen: Wie ein kleiner Vogel mein Leben veränderte” von Charlie Gilmour, Adoptivsohn von Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour.

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Deutschland ist eine Katzennation

In sechs Millionen deutschen Haushalten lebt ein Hund, in neun Millionen eine Katze. Mancher Besitzer glaubt fest, dass sein Hund oder seine Katze ihn versteht. Womöglich besser, als es je ein Mensch könnte. Können jetzt auch Elstern und Habichte als mitfühlende Haustiere gesehen werden? “Wir Menschen kategorisieren Tiere und machen sie entweder zu einem Tier, das man streichelt, oder zu einem, das man isst”, sagt Prof. Gabriela Kompatscher, die an der Universität Innsbruck auch Human-Animal-Studies lehrt. Das neue Forschungsfeld untersucht nicht nur, wie Menschen Tiere erleben, sondern fragt auch danach, wie diese oft nur als Sache betrachteten Geschöpfe auf die Welt blicken und was sie dabei empfinden könnten.

Welches Tier in welche Kategorie falle, sei kulturell geprägt, so Kompatscher. Das Meerschweinchen sei bei uns ein Haustier, in Südamerika hingegen gelte es als Tier, das man isst. Ein Tier könne aber “auch von einer Klasse in die andere wechseln”. Das sei etwa bei Esther the Wonderpig geschehen. Das Schwein war vor einigen Jahren ein Internetstar, als es von einem tierlieben Paar “adoptiert” wurde. “Durch so einen Kategorienwechsel ändert sich vieles: Das Tier erhält einen Namen, eine Biografie, liebevolle Zuwendung, kostspielige ärztliche Versorgung, es wird nicht zu einem bestimmten Zweck getötet, sondern nur, um es zu ‘erlösen’”, sagt die Professorin.

Zusammenleben mit Tieren hat eine lange Tradition

Und manchmal – siehe Apollo, Penguin und Mabel – hilft wohl gerade die Sorge für ein bedürftiges Lebewesen einem Menschen aus einer Krise heraus. Das sei, sagt Kompatscher, historisch nicht neu: “Die heilende Kraft von Tieren war den Menschen in früheren Zeiten vielleicht nicht immer bewusst, man hat sie aber gespürt, zu allen Zeiten, in allen Kulturen: Wir haben sogar aus Antike und Mittelalter Nachweise, dass man ein Zusammensein mit Tieren genossen und angestrebt hat, zum Beispiel Gedichte auf geliebte Haustiere, auch Grabgedichte auf verstorbene Hunde.”

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Neu hingegen ist das “systematische Einsetzen von Tieren” – Hunde, Pferde, Delphine – in Therapien. Laut Kompatscher blieben sie “Nutztiere”, wenn auch “emotionale Nutztiere” – “im Prinzip halten wir in den meisten Fällen Tiere, weil wir selbst etwas davon haben: Gesellschaft, Gehorsam, Bewunderung durch das Tier. Ob die Tiere auch etwas davon haben, interessiert uns in den wenigsten Fällen.”

Können Tiere urteilen und fühlen?

Ein anderer Blick fällt durchaus schwer. Der Wiener Philosoph Fahim Amir etwa widmet sich in seinem Buch “Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte” unter anderem der Frage, inwieweit Tiere als “selbstständige Akteure” Widerstand dagegen leisten, dass sie industriell gehalten und getötet werden. Selbst wenn man Tieren solch ein gezieltes Tun nicht zutrauen mag – zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen Intelligenz und Individualität von Tieren. Jüngst berichteten neuseeländische Forscher, dass der Kea ein schlauer Vogel sei und dazu fähig, Entscheidungen abzuwägen.

“Im Prinzip ist unser Blick auf Tiere stets anthropozentrisch: Wir glauben immer noch, dass wir der Mittelpunkt der Welt sind und alles andere dazu da ist, uns zu dienen“, sagt Kompatscher. Da würde Autorin Nunez, die bei aller Liebe zum Tier einen sachlichen Blick behält, wohl zustimmen. Sie schreibt: “Dass Hunde nicht kritisch sind und keine Urteile fällen, ist unbestreitbar ein großer Teil dessen, was sie für uns so liebenswert macht.”

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