Long-Covid-Expertin warnt: „Mehrere Hunderttausend bis Millionen Menschen werden Spätfolgen haben“

Atemnot, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme: Das sind typische Symptome, von denen an Covid-19 Erkrankte noch Monate nach der akuten Infektion berichten.

Atemnot, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme: Das sind typische Symptome, von denen an Covid-19 Erkrankte noch Monate nach der akuten Infektion berichten.

Seit dem Beginn der Pandemie betreut die Chefärztin Jördis Frommhold (Median-Klinik Heiligendamm) Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind und mit Spätfolgen zu kämpfen haben. Es gibt diejenigen, die nach langer Behandlung auf der Intensivstation unter Post-Covid leiden. Und es gibt diejenigen, die sich mit milden Symptomen oder ganz ohne diese mit Corona infiziert haben – und trotzdem später mit Long-Covid-Symptomen zu kämpfen haben.

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Frau Frommhold, Sie haben bereits rund 3000 von Long Covid Betroffene in Ihrer Rehaklinik betreut. Wie würden Sie die Lage im Moment beschreiben?

Wir haben massiv Zuläufe von Menschen mit Long Covid und Post-Covid – und mit Omikron ist erst mal kein Ende in Sicht. Teilweise gibt es Wartezeiten von bis zu einem Jahr. Gerade reguliert sich das etwas herunter, weil mehr Patienten und Patientinnen auf andere Kliniken verteilt werden können. Trotzdem sind von 120 Betten rund 90 bis 95 Prozent permanent mit Patienten und Patientinnen nach einer Covid-19-Infektion belegt. Da ist nur noch wenig Platz für Patientinnen und Patienten mit anderen Lungenkrankheiten, die auch versorgt werden müssten.

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Weiß man inzwischen, wie wahrscheinlich es ist, nach einer Corona-Infektion an Long Covid zu erkranken?

Das ist schwer zu beziffern. Es gibt Studien, die gehen von 10 Prozent aus, eine neuere Studie aus Mainz gibt an, dass bis zu 40 Prozent der Infizierten betroffen sein können. So oder so ist hier aber von mehreren Hunderttausend bis zu Millionen Menschen die Rede, die Spätfolgen haben werden – und das allein in Deutschland. Nicht jeden und jede trifft das so sehr, dass sie monatelang arbeitsunfähig werden. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir es mit einer chronischen Erkrankung zu tun haben.

Chefärztin Jördis Frommhold hilft von Long Covid und Post-Covid Betroffenen, mit einer Rehabilitierung zurück ins Leben zu finden. Sie leitet zudem einen neu begründeten Fachverband, der sich mit Therapieoptionen und Versorgungsstrukturen beschäftigen soll.

Chefärztin Jördis Frommhold hilft von Long Covid und Post-Covid Betroffenen, mit einer Rehabilitierung zurück ins Leben zu finden. Sie leitet zudem einen neu begründeten Fachverband, der sich mit Therapieoptionen und Versorgungsstrukturen beschäftigen soll.

Schützt denn die Impfung vor Long Covid?

Kollegen und Kolleginnen in England und den USA sehen Hinweise darauf, dass das Risiko für Long Covid nach einer Durchbruchsinfektion geringer ist. Das kann ich so auch aus klinischer Erfahrung berichten. Wir beobachten im Moment nur sehr wenige geimpfte und erneut infizierte Patienten und Patientinnen, die anschließend eine ausgeprägte Long-Covid-Symptomatik haben. Wie hoch die Schutzwirkung genau ist, kann man aber noch nicht sagen. Die Studienlage ist noch knapp.

Oft sind bei Long Covid 20- bis 50-jährige gesunde und leistungsstarke Menschen ohne Vorerkrankungen betroffen, die bis dato nie auf eine ärztliche Infrastruktur angewiesen waren.

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Wieso könnte die Impfung auch vor Folgeschäden schützen?

Impfen schützt vor einem schweren Covid-19-Verlauf. Damit sinkt auch das Risiko für Post-Covid, also schwerwiegende Folgen nach einer Behandlung auf der Intensivstation. Impfen senkt aber auch das Risiko, sich überhaupt mit dem Coronavirus anzustecken – und damit auch das Risiko, an Long Covid nach einem asymptomatischen oder milden Verlauf zu erkranken.

Alles sieht im Moment danach aus, dass Omikron weniger krank macht als noch Delta. Löst Omikron dann auch seltener Long Covid aus?

Bei Omikron würde ich aktuell noch nicht entwarnen wollen. Frühestens im Frühling wird klar werden, was es mit den Spätfolgen auf sich hat. Es stimmt, dass Omikron statt der Lunge eher die oberen Atemwege treffen könnte – was zu weniger stark belasteten Intensivstationen führen könnte. Aber sollte das Virus persistent sein, also auch über den Mundnasenraum in den Körper übergehen können, reicht das womöglich für Long Covid aus. So entwickeln ja wahrscheinlich auch bisher diejenigen mit asymptomatischem oder mildem Verlauf für Long Covid typische Symptome.

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Müdigkeit, Erschöpfung und Atemnot sind typische Symptome von Long Covid. Wie findet man überhaupt heraus, dass man das hat?

Oft sind bei Long Covid 20- bis 50-jährige gesunde und leistungsstarke Menschen ohne Vorerkrankungen betroffen, die bis dato nie auf eine ärztliche Infrastruktur angewiesen waren. Die Diagnose nach einer milden Covid-Erkrankung zu stellen und zu beweisen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, ist aber sehr schwierig. Es braucht dafür viel Zeit, auch mit dem Hausarzt oder der Hausärztin. Es braucht weitere Termine bei diversen Fachärzten und -ärztinnen.

Leidet jemand beispielsweise an Brustschmerzen, kann das durch eine Überlastung der Atemhilfsmuskulatur hervorgerufen sein – was typisch ist für Long Covid. Es kann aber auch ein Symptom für eine ganz andere Krankheit zum Beispiel des Herzens sein, solche Diagnosen müssen ausgeschlossen werden.

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Was passiert nach der Diagnose?

Ist die Diagnose gestellt, wird an Long-Covid-Ambulanzen, die meistens an den Hochschulen ansässig sind, oder Rehazentren überwiesen. Es ist inzwischen belegt, dass speziell zugeschnittene Physio- und Psychotherapien Betroffenen helfen. Für einen Termin braucht es aber oft monatelange Wartezeiten.

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Was weiß man inzwischen zu Kindern und Long Covid?

Man sollte keine Panik schüren. Trotzdem sollten wir nicht unterschätzen, wie viele Kinder von Long Covid betroffen sein könnten. Die Studienlage zur Häufigkeitsangabe schwankt doch sehr und reicht von einem bis über 50 Prozent. Die Zahlen sind da nicht wirklich erhellend. Das heißt aber auch: Wir wissen es einfach noch nicht genau. Gerade deshalb sollten wir die Kinder vor dem Virus schützen.

Warum kommt es überhaupt nach der Akuterkrankung zu den Symptomen? Weiß man da inzwischen mehr?

Viele Studien dazu laufen, aber vieles ist noch nicht verstanden worden. Es gibt die Theorie, dass sich Autoantikörper bilden könnten, die sich gegen das eigene Immunsystem richten. Immer wieder ist aber auch die Viruspersistenz im Gespräch. Das bedeutet, dass das Virus in ganz kleinen Teilen im Körper überlebt und chronische Entzündungsreaktionen anfeuert. Eine neuere Studie gibt einen Hinweis darauf, dass das möglich wäre: Spezielle Spürhunde konnten noch ein Jahr nach der eigentlichen Infektion das Virus erschnüffeln.

Haben Sie den Eindruck, dass man in Deutschland das Krankheitsbild inzwischen ernster nimmt?

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Ich habe schon den Eindruck, dass die Politik die Probleme mit Long Covid mehr in den Blick nimmt. Es braucht zwar mehr Geld für Forschung, aber es gibt zum Beispiel einen unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministers neu gegründeten Fachverband Long Covid, der sich unter anderem eine bessere Strukturierung der Versorgung von Long-Covid-Patienten und -Patientinnen auf die Fahne geschrieben hat. Wir arbeiten unter den Kliniken und in der Ärzteschaft auch vernetzter als zu Beginn – einer der wenigen positiven Effekte der Pandemie.

Gesellschaftlich bin ich mir aber nicht so sicher. Meine Patienten und Patientinnen, die lange beruflich ausfallen, berichten beispielsweise immer wieder davon, dass ihnen vorgeworfen wird, nur krank machen zu wollen. Dabei kämpfen sie mit ernst zu nehmenden gesundheitlichen Problemen.

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