Corona-Impfung

Omikron-Impfstoffe: Braucht es sie gegen Covid-19 überhaupt noch?

Ein Omikron-Impfstoff von Biontech/Pfizer könnte erst im April oder Mai zur Verfügung stehen. Auch bei anderen Firmen dauert die Entwicklung eines Variantenvakzins noch an.

Ein Omikron-Impfstoff von Biontech/Pfizer könnte erst im April oder Mai zur Verfügung stehen. Auch bei anderen Firmen dauert die Entwicklung eines Variantenvakzins noch an.

Die Corona-Variante Omikron hat zu Beginn vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Sorgenfalten auf die Stirn getrieben. Nicht nur erwies sie sich als deutlich ansteckender als alle bisherigen Versionen des Coronavirus, sondern auch als immunflüchtig. Damit stellte sich die Frage, ob die verfügbaren Impfstoffe überhaupt etwas gegen Omikron ausrichten könnten. Die führenden Impfstoffhersteller Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson entschlossen sich, auf Nummer sicher zu gehen: Zeitnah nach der Entdeckung der Variante kündigten sie an, neue, an Omikron angepasste Impfstoffe zu entwickeln.

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Mit einem speziell an die Virusvariante adaptierten Vakzin könnte ein besserer Immunschutz aufgebaut werden, so die Idee. Das Immunsystem würde darauf trainiert werden, Omikron leichter zu erkennen und zu neutralisieren, sodass sich die Variante im menschlichen Körper nicht vermehren und so schwere Erkrankungen verursachen kann. In den bislang durchgeführten Tierversuchen deutet sich jedoch an, dass ein Omikron-Impfstoff nur einen geringen Zusatznutzen hätte.

Ernüchternde Ergebnisse für das Omikron-Vakzin von Moderna

Ein Forscherteam um den Immunologen Matthew Gagne vom US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases hatte beispielsweise den Omikron-Impfstoff von Moderna an acht Rhesusaffen getestet. Alle Tiere hatten bereits zwei Dosen des Originalimpfstoffs erhalten und waren nun entweder mit demselben oder mit dem an Omikron angepassten Vakzin ein drittes Mal geimpft worden. In beiden Fällen entwickelten die Affen eine breite Antikörperreaktion, die auch gegen Omikron effektiv war. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg der B-Gedächtniszellen, die wichtig sind, um im Körper ein immunologisches Gedächtnis aufzubauen.

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„Ein Omikron-Boost im Vergleich zu einem Boost mit dem aktuellen mRNA-1273-Impfstoff (Originalimpfstoff von Moderna, Anm. d. Red.) bietet möglicherweise keine größere Immunität oder Schutz“, schlussfolgerten die Forschenden. Ihre Ergebnisse sind Anfang Februar auf dem Preprint-Server BioRxiv erschienen, das heißt, sie müssen noch von unabhängigen Expertinnen und Experten überprüft werden. Bei der Interpretation der Studie muss berücksichtigt werden, dass die Anzahl der Versuchstiere sehr gering gewesen ist. Ebenso wurden die Immunreaktionen nur über einen kurzen Zeitraum von vier Wochen nach der dritten Impfdosis untersucht.

Ähnliche Ergebnisse lieferte Anfang Februar eine Preprint-Studie, bei der Mäuse zum Einsatz kamen. Demnach bot eine Auffrischungsimpfung mit dem Omikron-Impfstoff von Moderna bei den Nagetieren keinen größeren Nutzen als ein Booster mit dem Originalimpfstoff. Zudem zeigte sich, dass „naive“ Mäuse, die also zuvor nicht geimpft waren, jede Menge wirksamer Antikörper produzierten, wenn sie zwei Dosen des Omikron-Vakzins zur Grundimmunisierung erhielten. Allerdings fiel dann der Schutz gegen andere Virusvarianten wie Beta oder Delta geringer aus. Auch diese Befunde müssen noch überprüft werden.

Moderna und Biontech testen Omikron-Vakzine am Menschen

Ob ähnliche Immunreaktionen bei der Anwendung am Menschen auftreten, müssen jetzt die klinischen Studien zeigen. Moderna hatte Ende Januar bekanntgegeben, dass erste Probandinnen und Probanden mit dem entwickelten Omikron-Impfstoff in der Phase-2-Studie geboostert worden seien. Es gibt zwei Gruppen, in denen die Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit des Variantenimpfstoffs untersucht werden sollen: Die erste umfasst Personen ab 18 Jahren, die bereits zwei Dosen des Originalimpfstoffs bekommen haben, also zweifach geimpft sind. Die zweite Gruppe besteht aus Erwachsenen, die dreifach mit dem Originalimpfstoff immunisiert sind. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten eine einzige Dosis des Omikron-Vakzins.

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Auch Biontech und Pfizer haben schon mit einer klinischen Studie begonnen, an der bis zu 1420 Probandinnen und Probanden zwischen 18 und 55 Jahren teilnehmen sollen. Gegliedert ist die Untersuchung in drei Testgruppen: Die erste schließt 600 Personen ein, denen zuvor zwei Dosen eines Corona-Impfstoffs injiziert wurden. Sie sollen nun eine oder zwei Dosen des Omikron-Impfstoffs bekommen. Bei der zweiten Gruppe werden geboosterte Menschen mit einer Dosis des Variantenimpfstoffs oder des Originalimpfstoffs geimpft; in der dritten sind es rund 200 Ungeimpfte, die gleich dreimal mit dem Omikron-Vakzin immunisiert werden sollen.

Was ist mit Astrazeneca und Johnson & Johnson?

Wie weit die Firmen Astrazeneca und Johnson & Johnson bei der Entwicklung eines an Omikron angepassten Wirkstoffs sind, ist zurzeit nicht bekannt. Nach Angaben der „Financial Times“ hätten Astrazeneca und die Universität Oxford Ende Dezember vergangenen Jahres „vorläufige Schritte“ unternommen, um einen Variantenimpfstoff zu entwickeln.

Johnson & Johnson hatte im November vergangenen Jahres mitgeteilt, dass ein Omikron-Impfstoff in Arbeit sei, aber nur „bei Bedarf“ weiterentwickelt werde. Nur einen Monat später veröffentlichte der Pharmahersteller Daten aus Südafrika, die nahelegten, dass eine Auffrischungsimpfung mit dem originalen Vektorvakzin eine 85-prozentige Wirksamkeit gegen Covid-19-bedingte Krankenhausaufenthalte hervorruft. Ob damit ein Variantenimpfstoff für die Firma obsolet ist, teilte sie nicht mit.

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Experten: Jetzt impfen, und nicht auf Omikron-Impfstoff warten

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob es die Omikron-Impfstoffe überhaupt noch braucht. Zum einen verdeutlichen die Ergebnisse der Tierstudien, dass die zurzeit verfügbaren Vakzine als Booster ebenfalls in der Lage sind, wirksam vor der Virusvariante zu schützen. Das Robert Koch-Institut schätzt die Wirksamkeit der Auffrischungsimpfungen gegen Covid-19-bedingte Krankenhausaufenthalte auf rund 93 Prozent in der Altersgruppe der über 60-Jährigen. Bei den Zwölf- bis 59-Jährigen sind es ebenfalls mehr als 80 Prozent, wie aus dem aktuellen Wochenbericht der Behörde hervorgeht.

„Jemand, der überlegt, sich erstimpfen oder boostern zu lassen, sollte das jetzt mit einem derzeit zugelassenen Covid‑19-Vakzin tun und nicht auf einen an Omikron angepassten Impfstoff warten“, riet die Infektiologin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf vor wenigen Wochen im RND-Interview. Auch der Virologe Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum rief angesichts der aktuellen Studienlage zu den Omikron-Impfstoffen bei Twitter dazu auf: „Lieber jetzt gleich den ‚alten‘ Booster holen, als auf einen angepassten zu warten – der Effekt ist nahezu identisch!“

Auslieferung der Omikron-Impfstoffe erst in einigen Monaten möglich

Zum anderen ist bislang davon auszugehen, dass sich das Infektionsgeschehen wieder annähernd entspannt haben wird, bis die Impfstoffhersteller ihre Omikron-Vakzine ausliefern können. Biontech-Gründer Ugur Sahin erklärte vergangene Woche bei „Bild Live“, dass sich der Auslieferungstermin auf April oder Mai verschieben werde. Denn die Europäische Arzneimittelbehörde Ema müsse länger als geplant auf die für die Zulassung benötigten Daten warten. Moderna rechnet nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters sogar damit, dass ein Variantenimpfstoff erst im August fertig sein könnte.

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Sollten die klinischen Studien zu den Omikron-Impfstoffen besser ausfallen als die Tierversuche, könnte man überlegen, die Vakzine im Herbst einzusetzen, wenn die Infektionszahlen voraussichtlich wieder steigen werden. Von den Impfstoffen könnten dann besonders Personen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf haben, zum Beispiel Ältere, profitieren. Die Frage ist aber, ob Omikron im Herbst noch das Infektionsgeschehen dominieren wird, oder ob bis dahin nicht doch noch eine weitere besorgniserregende Virusvariante aufgetaucht ist. Dann könnte die Entwicklung eines Variantenimpfstoffs schlimmstenfalls von vorne losgehen.

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