Pandemie im Rückblick

Schwedens Corona-Bilanz: Schlechter Start und viele Tote – aber auch viel Vertrauen

Menschen sitzen in Stockholm vor einem Eiscafe. Wer aus Schweden zurückkommt, muss in Sachsen in 14-tägige Quarantäne

Menschen sitzen in Stockholm vor einem Eiscafé.

Als die Corona-Pandemie Europa überrollt, geht im März 2020 ein Land nach dem anderen in den Lockdown. Schweden bleibt offen und tut lange: wenig. Das Land setzt auf Empfehlungen statt auf harte Maßnahmen – und erregt damit vor allem international Aufsehen. Eine Kommission hat das schwedische Pandemie­management nun genauer unter die Lupe genommen. Und geht in ihrem Abschluss­bericht hart mit den Behörden ins Gericht. Den viel diskutierten schwedischen Sonderweg aber hält sie für richtig.

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Schweden sei grundsätzlich – auch wirtschaftlich – gut durch die Pandemie gekommen, meinen die Expertinnen und Experten. Doch die Behörden hätten zu spät reagiert und zunächst zu wenig getan, um die vielen Todesfälle zu Beginn der Corona-Pandemie zu verhindern. Schon in zwei Zwischen­berichten, die im Dezember 2020 und Oktober 2021 erschienen waren, hatte es Kritik gehagelt. „Schwedens Umgang mit der Pandemie war von Langsamkeit geprägt. Die anfänglichen Schutz­maß­nahmen waren nicht ausreichend, um die Ausbreitung von Infektionen im Land zu stoppen oder auch nur stark zu begrenzen“, hieß es etwa im zweiten Zwischenbericht.

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Krisenmanagement in Schweden in der Kritik

Schlechte Krisenbereitschaft, unklare Zuständigkeiten, nicht genügend Betten in den Krankenhäusern: Die acht Expertinnen und Experten der Kommission, die die Regierung im ersten Pandemie­sommer auf Drängen der Opposition eingesetzte, haben einiges am schwedischen Krisen­management auszusetzen. Die Testkapazität sei zu spät ausgebaut, eine vernünftige gesetzliche Grundlage für Schutz­maß­nahmen zu spät geschaffen worden. Auch Einreise­beschrän­kungen kamen dem Bericht zufolge zu spät.

Der Pflegesektor sei wegen struktureller Probleme im schwedischen Gesund­heits­system „unvorbereitet und schlecht ausgerüstet“ gewesen, um mit einer Pandemie umzugehen, hieß es im ersten Bericht. „Mitarbeiter in der Pflege wurden im Großen und Ganzen damit allein gelassen, mit der Krise fertigzuwerden.“ Dank des Personals gelang es, sich kurzfristig an die neue Situation anzupassen. Der Preis: ein extremer Druck auf die Mitarbeitenden und abgesagte oder verschobene Behandlungen. „Wir werden deshalb mit den Konsequenzen dieser Pandemie noch lange leben müssen“, folgern die Expertinnen und Experten. Vor allem aber sei das Land daran gescheitert, die Älteren in der ersten Pandemie­welle zu schützen.

Lockdowns bei den skandinavischen Nachbarn

Bis heute sind in Schweden rund 17.000 Menschen nach einer Covid-19-Infektion gestorben – knapp viermal so viele wie in Dänemark und mehr als zehnmal so viele wie in Norwegen. Beide Länder haben etwa halb so viele Einwohner wie Schweden. Vor allem zu Beginn der Pandemie, als die skandinavischen Nachbarn sehr schnell strenge Lockdowns verhängt hatten, starben in Schweden mehr Menschen als in den anderen nordischen Ländern. Aber die schwedische Corona-Kommission hält in ihrem Abschlussbericht auch fest: „Wenn man sich die ganze Pandemie ansieht, ist Schweden eins der Länder mit der niedrigsten Über­sterb­lichkeit.“

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Diese Einschätzung vertritt auch Gunnar Bradvik vom schwedischen Institut für Gesund­heits­ökonomie in Lund. „Man kann am Ende nicht sagen, dass Schweden härter getroffen war als andere Länder“, meint der Forschungs­analytiker. Was in der internationalen Kritik an Schweden nicht bedacht worden sei: Dass die Menschen sich überwiegend an die Empfehlungen der Gesund­heits­behörden gehalten hätten, auch wenn viele nicht verpflichtend gewesen seien. „Es geht nicht darum, ob eine Maßnahme eine Empfehlung oder ein Gesetz ist – das ist dem Virus völlig egal“, sagt Gunnar Bradvik. „Wichtig ist, was die Menschen tun.“

Schweden: hohes Vertrauen in die Regierung

Viele Schweden vertrauen der Regierung und schätzen, dass ihnen keine Regeln übergestülpt werden. Ist eine Maßnahme als Empfehlung formuliert, nehmen sie sie aber ernst. Deshalb seien auch die meisten seiner Landsleute im Frühjahr 2020 zu Hause geblieben und hätten etwa im Homeoffice gearbeitet, meint Bradvik. Als die Regierung empfahl, den Präsenz­unterricht an den weiter­führenden Schulen vorerst auszusetzen, sei auch das umgesetzt worden.

Eine Ausnahme: die Empfehlung, Maske zu tragen. Weil die reichlich spät kam, war vermutlich auch die Verwirrung der Schweden darüber, wie sinnvoll sie ist, groß. In den Stockholmer U‑Bahnen trugen während der Pandemie­wellen längst nicht alle einen Mundschutz. Pflicht war auch das nicht.

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Seit gut drei Wochen sind auch die wenigen verpflichtenden Maßnahmen, die die Regierung in der Omikron-Welle Ende vergangenen Jahres eingeführt hatte, wieder abgeschafft. Dazu gehörten Sperr­stunden in den Restaurants, Abstandsregeln und Teilnehmer­grenzen bei Veranstaltungen. Das Aus für die Maß­nahmen begründet die Regierung mit den milden Krankheits­verläufen bei der Omikron-Variante und der entsprechend ruhigen Lage in den Kranken­häusern. Die schwedische Impfquote ist dagegen eher durchschnittlich.

Die Schweden könnten jetzt wieder zu einem normalen Alltag zurück­kehren, sagt Sozial­ministerin Lena Hallengren. Ihr Blick auf den bisherigen schwedischen Corona-Kurs: „Die Regierung hat immer versucht, verhältnismäßig zu reagieren. Es gab keine übertriebenen Lockdowns im Frühjahr 2020 und auch keine Laissez-faire-Mentalität im Winter 2021.“

Viele Landsleute dürften ihr darin kaum widersprechen. Trotz der vielen Toten im ersten Corona-Jahr: „Die allermeisten Schweden sind mit dem Umgang der Regierung mit der Pandemie zufrieden“, meint Forscher Gunnar Bradvik. Und auch im Parlament habe es lange „keine ernsthaft glaubwürdige Opposition gegen die Strategie“ gegeben. Politische Folgen, meint Bradvik, werde auch der Abschluss­bericht der Kommission wohl nicht haben: „Die Situation in der Ukraine überschattet gerade alles.“

RND

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