Sind am Ende des Corona-Winters wirklich alle geimpft, genesen oder gestorben?

Experten und Expertinnen gehen daher davon aus, dass selbst nach einer starken Winterwelle die Pandemie noch nicht vorbei ist.

Experten und Expertinnen gehen daher davon aus, dass selbst nach einer starken Winterwelle die Pandemie noch nicht vorbei ist.

Jens Spahn (CDU) wirbt dieser Tage immer dringlicher für die Corona-Impfung. „Wahrscheinlich wird am Ende dieses Winters so ziemlich jeder in Deutschland – es wurde schon etwas zynisch so genannt – geimpft, genesen oder gestorben sein“, sagte der geschäftsführende Gesundheitsminister am Montag in Berlin. Mit der sehr ansteckenden Delta-Variante sei das sehr wahrscheinlich. „Und deswegen empfehlen wir so dringlich die Impfung.“

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Doch ist das ein realistisches Szenario? Dass alle Ungeimpften bis zum Ende des Winters, also Ende März 2022, Kontakt mit Corona haben, sei gar nicht so abwegig, sagt der Mathematiker Jan Fuhrmann, der an der Universität Heidelberg das Infektionsgeschehen modelliert. „Das ginge dann wahrscheinlich mit Zahlen von Covid-Intensivpatienten einher, die deutlich über dem liegen, was wir aus dem letzten Winter kennen.“ Steigt die Impfquote nicht, würde die vollständige Durchimmunisierung der Bevölkerung durch Corona-Infektionen „in jedem Fall“ mit vielen schweren Verläufen einhergehen, die oft auch tödlich enden.

Spahn-Aussage nicht wörtlich zu verstehen

„Vielleicht will man sich gar nicht vorstellen, dass das innerhalb eines Winters geschehen könnte“, sagt Fuhrmann. Möglich aber ist das: Bei der aktuellen Inzidenz von 400 würden pro Woche 400 von 100.000 Menschen positiv getestet. Dazu müsse man aktuell von einer recht hohen Dunkelziffer ausgehen. In den ersten Wellen hätten sich deutlich mehr Personen infiziert als durch die Statistik ausgewiesen. „Wenn dieser Zustand über die Wintermonate hinweg anhält, könnte sich allein in der aktuellen Welle ein wesentlicher Teil der Bevölkerung anstecken“, erklärt Fuhrmann die Infektionsdynamik. „Und da Ungeimpfte einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, wären sie auch eher davon betroffen.“

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Dass sich alle Ungeimpften schon in diesem Winter anstecken, wäre aber sozusagen das „worst case scenario“. Wörtlich sei die Aussage von Spahn nicht zu verstehen, sagt Fuhrmann. Wie die weitere Pandemie verläuft, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab: Wie viele Menschen lassen sich noch impfen, wie lange ist man nach Impfung oder Infektion immun? Wie verändert sich das Virus?

Geimpft, genesen, verstorben: Ist Corona dann vorbei?

Experten und Expertinnen gehen daher davon aus, dass selbst nach einer starken Winterwelle die Pandemie noch nicht vorbei ist. „Wenn es dabei bleibt, dass sich Millionen Deutsche nicht impfen lassen, werden wir weitere Wellen bekommen“, sagte RKI-Chef Lothar Wieler im Gespräch mit der „Zeit“. „Selbst wenn sich in den kommenden Monaten sehr viele infizieren, werden nicht ausreichend Menschen immun sein, um in Zukunft eine große Zahl von schweren Krankheitsfällen zu verhindern.“

Christian Drosten von der Berliner Charité sieht das ähnlich. Mit Blick auf hohe Impfquoten etwa in Spanien sagte der Virologe im NDR-Info-Podcast „Coronavirus Update“, dass es im Frühjahr eine Gruppe von europäischen Ländern geben werde, die weitgehend durch ist mit der Pandemie. Aber: „Ich denke, dass Deutschland bis dahin noch nicht durch sein wird“, sagte Drosten. Bei niedriger Impfquote werde sich im Sommer die Lage aufgrund des Saisonalitätseffekts wahrscheinlich beruhigen. Aber: „Mit einer immer noch nicht geschützten Bevölkerung gehen wir dann in den nächsten Winter.“

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Die offene Frage: Wann kommt die endemische Phase?

Entscheidend für den weiteren Verlauf ist zum einen, wie viele Menschen sich impfen und boostern lassen. Erwartbar ist laut dem RKI eine Impfquote zwischen 70 und 80 Prozent unter den Erwachsenen. Das reiche aber nicht aus. Zum anderen wird sich noch zeigen müssen, ob eine Infektion oder Impfung allein ausreicht, um eine sogenannte Grundimmunität in der Bevölkerung zu erreichen. Dieser Zustand werde vermutlich im Winter 2021/2022 noch nicht erreicht, hieß es in einem RKI-Strategiepapier, das Mitte Juli zur Vorbereitung auf die diesjährige Winterwelle veröffentlicht wurde.

Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass eine durchgemachte Infektion ebenso wenig als vollständige Grundimmunisierung angesehen werden kann wie eine einfache Impfung, und zwar im Schnitt umso weniger, je leichter die Infektion verlaufen ist.

Jan Fuhrmann,

Modellierer

Die Grundimmunität in der Bevölkerung durch weitere Infektionen und Impfungen werde wahrscheinlich erst „in den Folgejahren“ zunehmend stabiler. Saisonale Infektionswellen in Herbst und Winter seien weiterhin zu erwarten. Sie würden dann mit der Zeit aber immer kleiner ausfallen. Fachleute sprechen dabei vom Übergang aus der Pandemie in eine endemische Phase. „Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass eine durchgemachte Infektion ebenso wenig als vollständige Grundimmunisierung angesehen werden kann wie eine einfache Impfung, und zwar im Schnitt umso weniger, je leichter die Infektion verlaufen ist“, erläutert dazu auch Modellierer Fuhrmann.

Heißt also: Um weitere Krankheitsfälle zu verhindern, braucht es langfristig immer wieder Booster-Impfungen, zu denen sich ein Großteil der Bevölkerung bereit erklären muss – oder ein akzeptiertes Level an weiteren Infektionen unter Geimpften und Genesenen. Corona wird trotz Impfungen weiter kursieren, insbesondere in der kalten Jahreszeit – weil die Impfungen durch die Ausbreitung der Virusvariante Delta weniger wirksam vor Ansteckungen schützt. Es hat sich auch gezeigt, dass der Impfschutz mit der Zeit abnimmt.

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Haben sich alle Menschen infiziert, sind einmalig geimpft oder verstorben, wird Corona also – wie auch Influenzaviren – weiter in der Bevölkerung zirkulieren und im Winter Ausbrüche verursachen. Es dürften dann nach Impfung und regelmäßigen Booster-Updates die allermeisten Menschen nicht mehr schwer an Covid-19 erkranken oder sterben. Die Voraussetzung für dieses Szenario: Das Virus darf sich nicht mehr allzu stark verändern.

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