Südafrika: Zahl an Corona-Infizierten steigt rasant an

Grund für den Anstieg der Fallzahlen sind vermutlich die Lockerungen in den vergangenen Wochen.

Grund für den Anstieg der Fallzahlen sind vermutlich die Lockerungen in den vergangenen Wochen.

Johannesburg. Der Krankenschwester kommen die Tränen, als sie ihre Arbeit in einer Klinik in Johannesburg beschreibt. Die Station für Coronavirus-Patienten ist voll, deshalb werden Neuzugänge in die allgemeine Abteilung geschickt. Dort warten sie tagelang auf ihre Testergebnisse. Von den Kollegen der Krankenschwester, die ihren Namen nicht nennen will, wurden bereits 20 positiv getestet.

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"Jeden Tag werden viele, viele Leute mit Covid-19 aufgenommen", sagt sie. Die Belastung für das Personal steige mit jedem Tag. Die Zahl der gemeldeten Corona-Fälle in Südafrika hat sich im Juni mehr als vervierfacht. Das geht zwar zum Teil auf mehr Testungen zurück, doch die Zahl neuer Fälle steigt schneller.

Lockerungen könnten Grund für steigende Fallzahlen sein

Die Krankenhäuser bereiten sich nun auf zahlreiche neue Patienten vor. Sie richten temporäre Stationen ein und hoffen, dass durch Fortschritte bei der Behandlung die drohende Überlastung des Gesundheitswesens verhindert werden kann.

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Der Anstieg der Fallzahlen folgt auf Lockerungen in den vergangenen Wochen. Die Regierung hat die Öffnung von Geschäften wieder erlaubt, um eine wirtschaftliche Katastrophe abzuwenden. Die zweimonatigen strikten Ausgangsbeschränkungen zuvor hatten die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit weiter verschärft. Im Juni erreichte sie 30 Prozent. Auch der Hunger verschlimmerte sich drastisch. In der größten Stadt Johannesburg erwägen die Gesundheitsbehörden nun, einige Restriktionen wieder in Kraft zu setzen, um die beschleunigte Ausbreitung des Virus möglichst zu bremsen.

Die Ärmsten könnte es besonders schlimm treffen

"Wir sehen einen Anstieg der Infektionen in Johannesburg", sagt der Impfstoffforscher Shabir Madhi von der Universität Witwatersrand in der Metropole. "Die Zahl der Menschen, bei denen wir jetzt täglich Diagnosen stellen, ist absolut erschreckend." Jeder positive Test sei ein Indikator dafür, "wer in drei Wochen im Krankenhaus sein wird". "Es ist schwer vorstellbar, wie unsere Krankenhäuser damit klarkommen sollen", sagt der Experte. "Unsere Einrichtungen erreichen einen kritischen Punkt."

Mahdi erklärt, Covid-19 werfe ein Schlaglicht auf die Ungleichheiten in Südafrika. "Jeder ist von dem Virus bedroht", sagt er. "Aber die Ärmsten der Armen, die in dichter besiedelten Gebieten leben, ohne guten Zugang zu fließendem Wetter, Zugang zu Gesundheitsversorgung, werden am meisten leiden."

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Südafrika hat die meisten Fälle auf dem Kontinent

Fast 40 Prozent aller Corona-Fälle in ganz Afrika wurden aus Südafrika mit seinen 58 Millionen Einwohnern gemeldet, dem Land mit dem bestausgestatteten Gesundheitssystem auf dem Kontinent. Die Zahl der bestätigten Infektionen stieg von 34.000 Anfang Juni auf mehr als 168.000 am Freitag. Mit 8728 neuen Fällen war der höchste Anstieg innerhalb eines Tages zu beklagen.

Insgesamt 2844 Menschen mit dem Coronavirus starben bis Freitag. Doch Gesundheitsexperten prophezeien, dass die Zahl bis Ende des Jahres auf 40.000 bis sogar mehr als 70.000 steigen könnte.

Gegenden mit hoher wirtschaftlicher Aktivität gefährdet

Der südafrikanische Gesundheitsminister Zwelini Mkhize warnte vor wenigen Tagen eindringlich vor einem erwarteten Anstieg der Fälle, vor allem in Ballungszentren, in denen viele Menschen an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. "Voraussichtlich werden leider in jeder Provinz die Zahlen steigen, aber Gegenden mit hoher wirtschaftlicher Aktivität werden einen exponentiellen Anstieg erleben."

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Bisher war Kapstadt wochenlang das Zentrum der Krankheit in Südafrika gewesen. Doch Johannesburg holt rasch auf. Mkhize sagte, die Provinz Gauteng, in der auch die Hauptstadt Pretoria liegt, werde Kapstadt schnell überholen und mehr Krankenhausbetten benötigen.

Kapazitäten in Krankenhäusern reichen nicht aus

Um die Kapazitäten zu erhöhen, wurden in Kapstadt und Johannesburg Kongresszentren in Krankenstationen umgewandelt, Stationen in riesigen Zelten gebaut, und 3300 Betten in einem VW-Werk aufgestellt. Allerdings bleibt es schwierig, Personal zu finden.

Im Township Khayelitsha, einer der ärmsten Regionen von Kapstadt mit etwa 400.000 Bewohnern, verfügt das Bezirkskrankenhaus über gerade einmal 300 Betten. In Erwartung eines erhöhten Bedarfs baute die überlastete Einrichtung binnen eines Monats einen zusätzlichen Flügel auf der anderen Straßenseite.

Die neue Station, die von der Organisation Ärzte ohne Grenzen mitbetrieben wird, öffnete Anfang Juni mit 60 Betten. Schon in dieser Woche waren nur noch zwei davon frei. "Es ist erdrückend", sagt der dort tätige Arzt Hermann Reuter über die Zahl der Neuzugänge.

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Medizinisches Personal ist jetzt schon überwältigt

Kurz vor der kältesten Zeit des Jahres warnen südafrikanische Medien bereits vor einem "dunklen Winter". Es wird befürchtet, dass die Zahl der Corona-Infektionen im Juli und August ein Hoch erreichen wird. Präsident Cyril Ramaphosa rief die Bevölkerung auf, sich auf schwere Zeiten einzustellen. "Es kann sein, dass sich die Situation verschlimmert, aber wir sind sicher, dass es auch wieder aufwärts gehen wird", sagte er.

Für die Krankenschwester aus Johannesburg sind diese dunklen Tage bereits erreicht. "Krankenpflege ist eine Berufung, und wir arbeiten dafür, den Menschen in dieser Corona-Krise zu helfen", sagt sie. "Aber wir werden überwältigt."

RND/AP

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