Die wichtigsten Fragen und Antworten

Weniger neue Affenpockenfälle: Kommt die Infektionswelle jetzt zum Erliegen?

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Affenpocken-Viren, eingefärbt. Erwachsene, die engeren Kontakt mit einem Affenpocken-Infizierten hatten oder ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben, sollen nach dem Willen der Ständigen Impfkommission (Stiko) künftig eine Impfung gegen Affenpocken erhalten.

Elektronenmikroskopische Aufnahme von Affenpockenviren, eingefärbt.

Anders als zunächst befürchtet, scheinen sich die Affenpocken in Europa und Deutschland nicht immer mehr auszubreiten. Stattdessen sind die Infektionszahlen rückläufig. In den vergangenen Monaten haben Forschende mehr über das Virus und seine Übertragungswege herausgefunden. Manche Fragen sind aber noch offen.

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Wie verbreitet sind die Affenpocken inzwischen in Deutschland?

Dem Robert Koch-Institut (RKI) wurden seit dem ersten Fall im Mai bisher insgesamt 3656 Infektionen in Deutschland gemeldet. Seit August ist die Zahl der wöchentlich übermittelten Fälle allerdings rückläufig, seit Oktober werden wöchentlich nur noch Neuinfektionen „im niedrigen zweistelligen oder einstelligen Bereich“ registriert, so das Institut. Nach Daten des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) geht auch die Zahl der Neuinfektionen in der Europäischen Union seit Juli zurück. Die meisten Infektionen gab es laut ECDC bisher außer in Deutschland in Spanien (7239), Frankreich (4084), den Niederlanden und Portugal (920).

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Wer ist betroffen?

Die Hauptgruppe der Infizierten sind laut ECDC weiterhin Männer, die Sex mit Männern haben, im Alter zwischen 18 und 50 Jahren. In dieser Gruppe schätzt die ECDC das Risiko einer Infektion derzeit als moderat ein, in der restlichen Bevölkerung als gering. In einer Studie, die im August im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, waren von 528 Infizierten in verschiedenen Ländern 98 Prozent homosexuelle oder bisexuelle Männer. Auch in Deutschland wurden Infektionen vor allem bei erwachsenen Männern gemeldet. Bisher wurden in Deutschland nur drei Infektionen bei Frauen registriert, drei Infektionen bei männlichen Jugendlichen und zwei Fälle bei Kindern unter 14 Jahren.

Wie häufig sind schwere Verläufe?

Die Infektion mit der derzeit in Europa kursierenden Variante der Affenpocken verläuft in den meisten Fällen mild oder sogar symptomlos. Zu den typischen Symptomen zählen Flecken auf der Haut, die sich zu Knötchen und dann zu eitrigen Bläschen weiterentwickeln. Der Ausschlag kann im Genital- oder Analbereich, aber auch anderen Stellen wie an den Händen, Füßen, der Brust oder dem Gesicht auftreten und schmerzhaft sein. Es können sich auch Geschwüre in der Mund- und Rachenschleimhaut bilden. In einer Studie hatten in einer Stichprobe 95 Prozent der Infizierten Hautveränderungen, 62 Prozent Fieber, 41 Prozent litten unter Abgeschlagenheit und etwa 30 Prozent litten an Kopf- und Gliederschmerzen.

Bei den meisten Infizierten heilen die Symptome innerhalb von zwei bis vier Wochen von selbst wieder aus, es kann aber auch eine Behandlung erforderlich werden, etwa weil die Hautläsionen schmerzen oder sich stark entzünden. In der untersuchten Stichprobe von 528 Personen aus verschiedenen Ländern mussten 13 Prozent der Infizierten im Krankenhaus behandelt werden, die meisten davon wegen Schmerzen der Hautläsionen. In Deutschland wurde dem RKI bei rund 6 Prozent der Infizierten gemeldet, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten, wie das Institut auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland mitteilte.

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Todesfälle bei Infizierten in Zusammenhang mit der nun zirkulierenden Variante sind seltene Ausnahmen. So verstarben zwei Männer in Spanien, bei denen sich nach einer Affenpockeninfektion eine Gehirnentzündung entwickelt hatte. Beide hatten an schweren Vorerkrankungen gelitten, einer von ihnen an Lymphdrüsenkrebs. Ein Todesfall wurde aus Tschechien und einer aus Belgien gemeldet, bei insgesamt 20.544 bestätigten Infektionen in der EU liegt die Sterblichkeit unter den gemeldeten Fällen damit bei 0,02 Prozent (Stand 18. Oktober 2022). Aus den USA wurden bei 27.635 gemeldeten Infektionen vier Todesfälle gemeldet.

Wie werden Affenpocken übertragen?

Affenpocken werden bei engem körperlichen Kontakt übertragen. Laut einer im August veröffentlichten Studie kamen in einer Stichprobe 95 Prozent der Ansteckungen durch sexuelle Kontakte zustande. Als unklar gilt noch, ob die Hautkontakte beim Sex entscheidend sind oder das Virus auch über das Sperma übertragen wird.

Amerikanische Forschende haben nun festgestellt, dass Affenpockenviren zumindest bei Tieren im Hodengewebe überleben können. In Gewebeproben aus den Hoden von Langschwanzmakaken fanden die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Affenpockenantigene. In den Zellen und Samenkanälchen des Hodens wiesen sie zudem Antigene und Erbgut der Viren nach und zwar bis zu 37 Tage nach einer Infektion. Da dort die Samenzellen ausreifen, halten es die Forschenden für möglich, dass das Virus über das Sperma ausgeschieden wird.

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Auch bei Menschen habe man bereits Virenerbgut im Sperma festgestellt, heißt es in der Untersuchung. Aber nur wenn darin auch lebende Viren gefunden würden, könne dies sicher als Übertragungsweg gelten. Sollten die Viren vor allem durch Sperma übertragen werden, ließe sich eine Ansteckung in vielen Fällen durch Kondome verhindern.

Gibt es neue Therapien?

Schmerzen und Entzündungen der Hautläsionen, die bei Affenpocken auftreten können, lassen sich symptomatisch behandeln. Die Virusinfektion heilt in der Regel von selbst aus. Zeichnet sich ein schwerer Verlauf ab oder wird dieser befürchtet, kommt auch eine Behandlung mit dem antiviralen Medikament Tecorivimat infrage, das in der EU zur Therapie von Affenpocken zugelassen ist. Es ist nach Angaben des RKI aber bisher nur in begrenzter Menge verfügbar.

Was nützt die Impfung?

Es ist bisher in Europa keine Impfung zugelassen, die speziell gegen Affenpocken entwickelt wurde. Mitte Juli wurde einem Impfstoff gegen humane Pockenviren, Imvanex, in der EU eine Zulassung unter „außergewöhnlichen Umständen“ zur Impfung gegen Affenpocken erteilt. Das bedeutet, es müssen noch weitere Daten zu Nutzen und Risiken gesammelt werden, die Impfung kann aber bereits angewendet werden. Es gibt bisher keine Studien, in denen nachgewiesen wurde, dass Imvanex Menschen vor einer Infektion mit Affenpocken schützt. Die EMA stützte sich bei der Begründung ihrer Zulassung auf Tierstudien: Demzufolge soll Imvanex Affen in Experimenten vor der Infektion mit Affenpocken geschützt haben. Die ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (Stiko) empfiehlt Imvanex als sogenannte Postexpositionsprophylaxe für Personen, die sich frisch angesteckt haben, sowie als Impfung für Personen, die ein erhöhtes Risiko haben, sich zu infizieren.

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Woher kommen die Affenpocken und werden sie wieder verschwinden?

Affenpocken gibt es schon lange, sie kamen bisher aber vor allem in tropischen Regenwäldern in Zentral- und Westafrika vor. Als Zoonose werden sie zwischen Mensch und Tier hin- und herübertragen. Dabei gelten nicht Affen als Hauptreservoir, wie der Name vermuten lässt, sondern vermutlich Nagetiere wie Riesenhamsterratten oder Flughörnchen. Außergewöhnlich am aktuellen Ausbruch ist, dass es zu einer großen Infektionswelle außerhalb Afrikas kam, die dort durch eine Übertragung von Mensch zu Mensch entstanden ist.

Nach einer Analyse portugiesischer Forschender, die im Juni veröffentlicht wurde, stammt das derzeit kursierende Affenpockenvirus von einer Erregervariante ab, die 2017 und 2018 einen größeren lokalen Ausbruch in Nigeria verursachte. Doch inzwischen sind mehrere Mutationen aufgetreten, die möglicherweise mit einer besseren Anpassung an den Menschen einhergehen, mutmaßen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Ausbrüche außerhalb Afrikas blieben bisher stets begrenzt und auch diesmal kann das Infektionsgeschehen womöglich wieder zum Erliegen kommen. Bei Affenpockenviren, die sich unabhängig vom tierischen Reservoir leicht von Mensch zu Mensch übertragen, wären aber jederzeit neue Ausbrüche weltweit möglich.

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