Warum widersprechen sich die Virologen?

Beim Thema Mundschutz scheinen die Experten einen Zick-Zack-Kurs zu fahren.

Beim Thema Mundschutz scheinen die Experten einen Zick-Zack-Kurs zu fahren.

Ein Virologe hält das neuartige Coronavirus Ende Januar für nicht gefährlicher als die Grippe. Später klingt das ganz anders. Eine Expertin glaubt, Großveranstaltungen müsse man nicht meiden, dann korrigiert sie sich. Und bei der Frage “Schützen Masken oder nicht?” scheinen sich die Experten seit Wochen nicht einigen zu können. Wie kann das sein? Müssten Menschen, die sich tagtäglich mit Viren und Epidemien beschäftigen, es nicht besser wissen? Ein Erklärungsversuch

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1. Wissenschaftler widersprechen sich, weil sie Wissenschaft betreiben

“Eine Studie hat gezeigt...”reicht oft, um eine Argumentation zu untermauern. Die Studie, das Forschungsergebnis, das ist in der öffentlichen Wahrnehmung oft der Weisheit letzter Schluss. Was Wissenschaftler in ihren Laboren und weißen Kitteln herausgefunden haben, muss seriös und unabhängig und daher schließlich gültig sein.

Doch dahinter steht ein falsches Verständnis vom wissenschaftlichen Prozess. Wissenschaft ist immer nur eine schrittweise Annäherung an die Realität. Je mehr Wissenschaftler, je mehr Studien zu dem gleichen Ergebnis kommen, desto besser ist diese Annäherung. Doch der Prozess ist nicht einfach: Auch Forscher können sich in falschen Theorien verrennen, alte Ideen brauchen manchmal sehr lange, bis sie von neuen, besseren abgelöst werden. Wenn Wissenschaftler sich (selbst) widersprechen, ist das daher nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen. Es zeigt, dass die Grenze zwischen Bekanntem und Unbekanntem einmal mehr verschoben wurde.

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2. Wissenschaftler widersprechen sich, weil Sars-Cov-2 neu ist

Natürlich gab es schon weltweite Pandemien. Die Spanische Grippe tötete 50 Millionen Menschen – aber das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Sars-Virus traf auf eine hyper-globalisierte Welt, entwickelte sich aber nicht zur weltweiten Seuche. Zwar haben Virologen und Epidemiologen aus den vergangenen Epidemien und Pandemien wie etwa der Schweinegrippe gelernt, Sars-CoV-2 ist trotzdem neu. Und jedes Virus, das neu entsteht, jede Krankheit, die es auslöst, muss wieder neu verstanden werden. Wie unterscheidet sich das neuartige Coronavirus von seinen bekannten Verwandten? Überträgt es sich genauso? Verläuft eine Infektion anders?

Solche Fragen zu beantworten, ist heutzutage – dank einer vernetzten Welt – einfacher und schneller möglich als je zuvor. Forschungsgruppen aus China arbeiten mit Amerikanern zusammen, Ärzte aus Italien berichten ihren Kollegen aus Deutschland von ihren Patienten und deren Symptomen. Und trotzdem ist es ein Prozess, bei dem Daten erst erhoben werden müssen, bei dem etwa Symptome, wie der Verlust des Geruchssinns von Erkrankten, erst im Laufe der Zeit deutlich werden. Wissenschaftler können sich aber immer nur aufgrund von bekannten Erkenntnissen äußern – und die können sich ändern. Denn Erfahrungen mit einer weltweiten Pandemie dieses gesundheitlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausmaßes im 21. Jahrhundert hat noch niemand.

3. Wissenschaftler widersprechen sich, weil sie Spezialisten sind

Wissenschaftler sind in der Regel Spezialisten. Eine Influenza-Expertin ist keine Antikörper-Expertin. Jemand, der Modellrechnungen zum Verlauf von Pandemien erstellt, entwickelt nicht nebenher einen Test für Virusantigene. Das heißt nicht, dass sie nicht ein gutes (oder auch sehr gutes) Verständnis für all diese Dinge hätten, aber es bedeutet auch, dass sie mit ihrem speziellen und oft sehr detaillierten Blick auf ein Problem schauen.

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Gleichzeitig wird diese Expertise aber in der Kommunikation in der Öffentlichkeit auch gar nicht verlangt. Die Wissenschaftler, die in TV-Shows auftreten oder Interviews geben, sollen allgemeine Aussagen treffen: Sie sollen erklären, wie lange Maßnahmen notwendig sind und ob Masken ihre Träger schützen. Menschen, die es sonst gewohnt sind, sehr präzise Aussagen zu treffen, sollen Antworten auf große, allgemeine Fragen geben. Und das während sie selbst versuchen, das Problem zu verstehen.

Natürlich ist das wichtig und natürlich haben Wissenschaftler auch die Aufgabe, gerade in diesen Zeiten mit der Öffentlichkeit und Verantwortlichen klar und verständlich zu kommunizieren. Aber die wenigsten von ihnen sind die Aufmerksamkeit gewöhnt oder gar Medienprofis – und auch sie haben noch nie eine solche Pandemie erlebt. Sie sind Experten, nur eben nicht allwissend.

4. Wissenschaftler widersprechen sich, weil sie unterschiedliche Perspektiven haben

Wissenschaftler ist nicht gleich Wissenschaftler. Ein Bürgermeister mag sich gut mit den Geschehnissen in seiner Stadt auskennen. Man würde ihn aber deswegen nicht unbedingt zum transatlantischen Verhältnis befragen. Ähnlich verhält es sich auch mit Expertisen in der Wissenschaft: Ein Lungenarzt ist womöglich hervorragend im Umgang mit seinen Patienten, seine Meinung zum Umgang mit einer weltumspannenden Seuche ist aber trotzdem nicht unbedingt gleichwertig fundiert.

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In der öffentlichen Debatte wird dagegen oft so getan, als sei das so – und so entstehen teilweise Kontroversen, wo gar keine sind. Ein Muster, das man zum Beispiel auch von der vermeintlichen “wissenschaftlichen Debatte” rund um den menschengemachten Klimawandel kennt. Denn auch über den gibt es zwar einen enorm weitreichenden Konsens unter Forschern – aber eben auch abweichende Meinungen.





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