Wuhan zwei Jahre nach dem Lockdown: Eine Stadt will vergessen

In Wuhan ist die Pandemie im Alltag kaum bemerkbar.

In Wuhan ist die Pandemie im Alltag kaum bemerkbar.

Wuhan. Wer von Dandan wissen möchte, wie sich ihre Heimat in den letzten Jahren gewandelt hat, der vernimmt zunächst ein lautes Seufzen. Viel gäbe es da zu erzählen, sagt die alleinerziehende Mutter aus Wuhan. „Das Schlimmste ist jedoch, dass wir über das meiste zunehmend stumm bleiben müssen – sogar zu Hause in der Familie“, sagt Dandan. Denn ihre Tochter, die mittlerweile in die Grundschule geht, könne sich versehentlich vor den Lehrern und Lehrerinnen verplappern. So tief greift die Selbstzensur mittlerweile für die Chinesin aus Wuhan.

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An diesem feuchtkühlen Januarnachmittag sitzt die 38-Jährige – eingehüllt in Beanie und schwarze Daunenjacke – in einer Starbucks-Filiale, die Fensterfront gibt den Blick frei auf ein Einkaufszentrum im „europäischen“ Stil: In einer gotischen Kathedrale wird gerade ein Huawei-Flagship-Store aufgebaut, hinter venezianischen Häuserfassaden befinden sich Hotpot-Restaurants und Kleidergeschäfte. Wenig erinnert in der zentralchinesischen Provinzhauptstadt noch daran, dass hier vor genau zwei Jahren, am 23. Januar 2020, der weltweit ersten Corona-Lockdown verhängt wurde: 76 Tage lang durften mehr als sechs Millionen Menschen in Wuhan ihre Häuser nicht verlassen.

Angeschaut werden wie ein Spinner

Für jeden einzelnen von ihnen ist die Zeit von damals mehr als eine bloße Statistik oder historische Fußnote. Dandan etwa weiß von einer verzweifelten Freundin zu berichten, die in jenen Tagen für ihr Neugeborenes kein Milchpulver mehr auftreiben konnte. Andere haben gar Familienangehörige verloren. „Die Medien können darüber nicht berichten, und auch ich werde immer öfter wie ein Spinner angeschaut, wenn ich über die Erinnerungen spreche“, sagt die Chinesin. Sie selbst jedoch führt einen Kampf gegen das Vergessen.

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Dieses ist in Wuhan tatsächlich beachtlich: In den Fernsehwerbungen, auf öffentlichen Plakaten und in Museumsausstellungen haben die Autoritäten den Kampf gegen das Virus längst als bloße Heldengeschichte abgehakt. Doch für Außenstehende noch bemerkenswerter ist, dass die Amnesie keineswegs nur von der staatlichen Zensur verordnet, sondern von den Menschen durchaus willkommen geheißen wird. Wieso mit der schmerzlichen Vergangenheit beschäftigen, wenn der Blick nach vorn eine bessere Zukunft verheißt?

Es gibt wenige Länder, die sich so fundamental in den letzten zwei Jahren verändert haben, wie China. Kaum ein Staat hat das Virus derart erfolgreich bekämpft wie die Volksrepublik, doch auch kaum eine Gesellschaft hat im Zuge der „Null Covid“-Strategie ihren Blick so radikal nach innen gekehrt. Um die Veränderungen greifbar zu machen, sollte man einmal zurückkehren in jene Stadt, in der im Januar 2020 alles seinen Lauf nahm.

Pandemie als Mutmacher

Wanke steht im Aufnahmestudio des „Vox Livehouse“, dem angesagtesten Rockclub von Wuhan. Zwischen schallgedämpften Wänden und losem Kabelsalat auf dem Boden spielt der Student mit der Wuschelfrisur gemeinsam mit seiner Band „Early Feeling“ den ersten Song ein: Wanke steuert die melancholischen Gitarrenmelodien bei.

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Nach der Jam-Session erzählt er, dass die Band wie so vieles in Wuhan das Resultat der Pandemie sei: Statt von Auslandssemestern zu träumen oder bürgerlichen Karrieren hinterherzujagen, hätten die Anfangzwanzigjährigen durch das traumatisierende Erlebnis den Mut gefasst, das zu tun, was ihnen wirklich ist: Musik zu machen.

„Ich habe damals als psychologischer Betreuer bei der Telefonseelsorge gearbeitet, jeden Tag haben Leute in Notfallsituationen angerufen“, erinnert sich Wanke: „Viele von ihnen waren dann am nächsten Tag verschwunden – entweder in Quarantänezentren am anderen Ende der Stadt, oder wer weiß …“ Für den jungen Chinesen war dies ein Erweckungserlebnis: Den Plan, Journalist zu werden, hing er an den Nagel. Um sich wirklich ausdrücken zu können, wählte er die Musik.

Hiobsbotschaften aus dem Westen

Natürlich lässt sich zwischen solchen Aussagen eine gehörige Portion Gesellschaftskritik herauslesen. Und dennoch hat die Pandemie das Verhältnis der meisten Bürger und Bürgerinnen zu ihrer Regierung zunehmend gestärkt: Sie sind dankbar dafür, dass sie aufgrund der effizienten Maßnahmen bislang ihren Alltag ohne große Einschränkungen führen können. In den Fernsehbildern der Propagandamedien wird täglich aufs Neue betont, dass dies im Westen nicht der Fall ist: gesellschaftliches Chaos in den USA, Rekordinfektionen in Großbritannien und weitere Hiobsbotschaften bestimmen die Abendnachrichten.

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Der epidemiologische Erfolg der Volksrepublik zeugt auch vom stoischen Pragmatismus der Bevölkerung, die zu großen Teilen trotz extrem niedriger Infektionszahlen nach wie vor Masken trägt und auf unnötige Reisen verzichtet. Doch die übertriebene Vorsicht hat auch mit einem sozialen Stigma zu tun: Denn die Angst vorm Virus hat unlängst geradezu psychotische Züge angenommen. Jede Infektion kann schließlich zur Abriegelung ganzer Nachbarschaften führen. In einem solchen Klima möchte niemand dafür verantwortlich sein.

Abgeschottet vom Ausland

Doch die Corona-Strategie ist auch abseits davon mit nachhaltigen, gesellschaftlichen Folgekosten versehen, die wohl erst in den kommenden Jahren in vollem Ausmaß offen zutage treten werden. Das gegenseitige Verständnis zwischen dem Reich der Mitte und dem Westen ist im Zuge der radikalen Abschottung des Landes geradezu erodiert: Eine ganze Generation chinesischer Austauschstudierender sucht nun ihre berufliche Zukunft in der Heimat; etliche Forschende, Journalisten und Journalistinnen sowie Expats erhalten keine Einreisevisa mehr, und Kunstausstellungen müssen sich seit zwei Jahren bei ihren internationalen Teilnehmenden auf Zoom-Schalten beschränken. Doch auch Xi Jinping, der seit nunmehr einer Dekade das Land führt, hat seit knapp zweieinhalb Jahren weder die eigenen Grenzen verlassen noch einen ausländischen Staatschef offiziell empfangen.

Doch auch in Wuhan, dort, wo alles begann, ist bei näherer Betrachtung längst nicht alles so normal, wie es den Anschein hat. „Unser Geschäft hat sich bis heute nie vollständig erholt“, sagt der Kellner einer örtlichen Kneipe, der mit seiner langen Haarmähne und der runden Nickelbrille ein wenig an John Lennon erinnert. Den ersten Sommer nach dem Lockdown seien die Leute in Strömen zum Biertrinken und Abhängen gekommen, sagt er während einer kurzen Raucherpause vor der Tür. Dann jedoch sei die Kundschaft wieder ausgeblieben. Wirklich zum Feiern sei gerade nur den wenigsten zumute.

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