70. Berlinale eröffnet: So lief der Auftakt der Filmfestspiele

In Berlin ist die 70. Berlinale eröffnet worden.

In Berlin ist die 70. Berlinale eröffnet worden.

Berlin. Überraschend war diese Wahl schon: Da hatte Festivalchef Carlo Chatrian 18 geradezu begeistert angepriesene Wettbewerbsbeiträge im Angebot – und dann eröffnete er am Donnerstag die 70. Berlinale mit der Literaturverfilmung „My Salinger Year“, einem Beitrag aus einer Nebenreihe.

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Allerdings werden an einen Eröffnungsfilm auch besondere Anforderungen gestellt. Keinesfalls darf er zu düster ausfallen, und genau das hat Chatrian über den ersten von ihm zusammengestellten Wettbewerb vorausgesagt: “Wenn die eher dunklen Farben überwiegen, mag das daran liegen, dass die von uns ausgewählten Werke eher illusionslos auf unsere Gegenwart blicken.”

Premierengäste sollen hinterher beim Empfang aber nicht schlecht gelaunt am Rotwein nippen oder gar beim vegetarischen Menü die Mini-Spinat-Knödel und den warmen Ricotta-Käse verschmähen. Angekündigt hatten sich am Donnerstagabend unter den 1600 Berlinale-Gästen beispielsweise Heike Makatsch, Katja Riemann, Wim Wenders, Alexandra Maria Lara, Barbara Sukowa und Alexander Scheer. Kurz: alle, die im deutschen Kino Rang und Namen haben.

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Sigourney Weaver und Margaret Qualle auf dem roten Teppich

Über den roten Teppich spazierten ebenso die beiden Hauptdarstellerinnen des Eröffnungsfilms, die vielseitige Sigourney Weaver (“Alien”, “Gorillas im Nebel”, “Avatar”) und Margaret Qualle. Das Nachwuchstalent Qualle hat gerade noch Brad Pitt in Quentin Tarantinos “Once Upon A Time in Hollywood” unsittliche Angebote gemacht.

Und man muss sagen: Chatrian hat den richtigen Riecher gehabt. Eine herzerwärmende, aufmunternde, aber keinesfalls seichte Geschichte vom Erwachsenwerden steckt in dem Film von Regisseur Philippe Falardeau. Romanautorin Joanna Smith Rakoff hat in “Lieber Mr. Salinger”, so der deutsche Buchtitel, ihre eigenen New Yorker Erlebnisse um 1995 verarbeitet und nun auch am Drehbuch mitgewirkt.

Weaver spielt die tyrannische Literaturagentin Margaret, zuständig für den legendären J. D. Salinger. Qualley ist ihre neue Praktikantin Joanna. Zu ihrem Job gehört es, Salingers Fanpost zu beantworten.

Hommage an traditionelles literarisches Leben in New York

Tatsächlich fühlt sich Joanna selbst zur Autorin berufen. Die selbstbewusste, anfangs aber noch ziellose junge Frau ließe sich ganz wunderbar in einem Film von Greta Gerwig (“Little Women”) beamen, ohne dass dies weiter auffallen würde.

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Vom introvertierten “Fänger im Roggen”-Autor Salinger taucht kaum mehr als die Silhouette auf. Um ihn geht es hier nicht. Zumindest am Telefon ist er jedoch für Joanna eine Inspirationsquelle: Er warnt sie davor, das Schreiben über ihre Bürotätigkeit zu vergessen.

Ebenso ist dieser Film eine Hommage an das traditionelle literarische Leben in New York, wo Schriftsteller beobachtend in Cafés sitzen und Manuskripte auf klappernden Schreibmaschinen verfassen. Margaret ahnt jedoch, dass sie zu einer aussterbenden Art zählt: Computer werden von ihr vehement als Zeitverschwendung abgelehnt, E-Mails gelten als Modeerscheinung, mit denen man sich seltsamerweise neuerdings zum Lunch verabredet. Sie weiß, dass das geschriebene Wort an Wert verloren könnte.

Befremdliche Erklärung

Gute Laune hat der Eröffnungsfilm jedenfalls gemacht. Mal schauen, wie lange dieses cineastische Antidepressivum im Berlinale-Alltag wirkt. Denn jetzt geht das Festival erst richtig los.

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Der Erfolgsdruck auf das neue Leitungsteam mit Chatrian und Mariette Rissenbeek ist gewaltig. Bislang haben sie alle Schwierigkeiten gelassen gemeistert – auch die Auseinandersetzung um die NS-Vergangenheit des Gründungsdirektors Alfred Bauer. Andere Probleme haben sie dagegen selbst kreiert – mit einem Jury-Präsidenten Jeremy Irons, der in der Vergangenheit mit frauenfeindlichen Sprüchen aufgefallen war.


Gestern tat Irons Buße und gab eine persönliche Erklärung ab: Der britische Schauspieler sprach sich gegen die Unterdrückung von Frauen und für sexuelle Selbstbestimmung aus, ebenso für die gleichgeschlechtliche Ehe und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.

Die Erklärung des 71-Jährigen war aller Ehren wert – und zugleich ein wenig befremdlich: Es kommt nicht eben oft vor, dass ein Jury-Präsident solche Positionen eigens betonen muss. Schon gar nicht auf der fortschrittlichen Berlinale.

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