Biograf Torsten Körner: „Angela Merkel hat sich nie ins frauenpolitische Abseits drängen lassen“

Filmemacher Torsten Körner: „Auf eine spröde Art und Weise ist Merkel Charismatikerin.“

Filmemacher Torsten Körner: „Auf eine spröde Art und Weise ist Merkel Charismatikerin.“

Götz George, Franz Beckenbauer, Heinz Rühmann, Willy Brandt: Das Biografische hat es dem 1965 in Oldenburg geborenen Torsten Körner angetan. Über all diese Herren schrieb er Bücher. Dann zog es Körner zum Dokumentarfilm: In der Doku „Schwarze Adler“ (2021) berichteten schwarze Fußballnationalspieler und -spielerinnen von ihren rassistischen Erfahrungen. Der viel gepriesene Kinofilm „Die Unbeugsamen“ (2021) erzählt vom Kampf bundesdeutscher Politikerinnen um Gleichberechtigung. Nun widmet sich Körner Angela Merkel in „Im Lauf der Zeit“ (zu sehen am 22. Februar um 20.15 Uhr bei Arte und am 27. Februar um 21.45 Uhr im Ersten, zudem in der Mediathek). Noch mehr über Merkel steht in Körners Buch „Die Kanzlerin am Döner­stand“ (Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 20 Euro).

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Herr Körner, die medialen Würdigungen von Angela Merkel nahmen zum Ende ihrer Amtszeit schier überhand: Warum reichen Sie jetzt noch einen Dokumentarfilm über die beinahe ewige Kanzlerin nach?

Der Film „Im Lauf der Zeit“ erzählt anders als die tagesaktuellen Einordnungsbemühungen. Die funktionieren oft nach dem konventionellen Links-rechts-Schema, bei dem Politiker verschiedener Parteien um ihr Urteil gebeten werden.

Wie nähern Sie sich der Kanzlerin?

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„Im Lauf der Zeit“ ist ein Porträt mit einer ganz eigenen Stimmung. Der Film lässt sich Zeit. Vielleicht ist er aufgrund seiner Geschwindigkeit der Persönlichkeit Merkels angemessener als die schnell gefertigten Arbeiten. Erinnern wir uns: Schon als Angela Merkel 2018 vom Parteivorsitz zurücktrat, wurde sie gewissermaßen medial „zu Grabe getragen“ und zu Tode porträtiert.

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Sie haben bereits 2016 eine Merkel-Doku gedreht: Wie hat sich Ihr Ansatz verändert?

Damals haben wir zum Beispiel mit einem einordnenden Off-Kommentar gearbeitet. Darauf verzichte ich nun. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen selbst zu Zeitzeugen werden. Deshalb habe ich auch jüngere, eher unbekannte Menschen gebeten, Stellung zu nehmen, nicht die üblichen Verdächtigen. Ich wollte die Merkel in uns erzählen – also fragen, was diese 16 Jahre mit uns gemacht haben. Das Publikum unternimmt eine Zeitreise durch die Ära Merkel.

Bei Olli Dittrichs Fernsehsatire „Ich war Angela Merkel“ wollte die Kanzlerin nicht mitmachen und hat höflich abgesagt: Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie leisten?

Ich habe seit unserem ersten Merkel-Film 2016 versucht, Kontakt zu halten. Ich habe immer deutlich gemacht, dass mir viel an einem genauen Verstehen liegt. So konnten wir dann das letzte Interview ihrer Amtszeit führen.

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Unter den Befragten ist auch Barack Obama: Wie haben Sie ihn zum Gespräch bewegt?

Es hat geholfen, dem Büro von Herrn Obama mitteilen zu können, dass auch Frau Merkel sich an dem Film beteiligt. Da wir ihre Zusage hatten, bekamen wir auch seine. Nur bei unserem Porträt hat er mitgemacht.

In welcher Stimmung haben Sie Merkel angetroffen?

Die Kanzlerin war keineswegs tiefenentspannt. Sie vermittelte auch nicht den Eindruck, dass sie nichts Dringlicheres zu tun gehabt hätte, als mit uns zu sprechen. Sie war wohl bis in die letzten Amtsstunden mit Corona und der Ukraine-Krise beschäftigt.

Haben Sie Überraschendes an der doch schon so sehr ausgeleuchteten Person Merkel entdeckt?

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Beim Sichten der Interviews habe ich gemerkt, dass sie häufiger „Ich“ gesagt hat, als sie das sonst tat. Sie hat auch wörtlich ihre Verzweiflung zum Ausdruck gebracht, dass sie die Corona-Krise nicht besser hat managen können. Der Weg wäre klar gewesen, aber es hat manchen an Einsicht gefehlt, und der politische Gegenwind war zu stark.

Zeigte Merkel mehr von dem, was man ihr so oft abspricht: Gefühle?

Für ihre Verhältnisse wurde sie emotional, als es um ihre Flüchtlingspolitik ging. Sie hat betont, dass es Unfug sei, ihr lediglich christliche Beweggründe aufgrund ihrer kirchlich geprägten Herkunft zu unterstellen. Es habe für ihr Handeln rationale und rechtliche Gründe gegeben. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich später einmal aus all den Stereotypen befreien möchte, mit denen man sie fassen möchte.

Wie deuten Sie aus Ihren intimen Kenntnissen die Kanzlerinnenraute?

Ich finde es lustig, wie Merkel sie deutet. Im Film sagt sie: Ich wusste nicht, wohin mit den Händen. Dann haben die Hände so zueinander gefunden. Daraus entwickelte sich ein Markenzeichen. Nicht schlecht für eine Politikerin, die gewiss nicht erpicht darauf ist, als Fleisch gewordenes Markenzeichen herumzulaufen. Die Raute wurde nicht Teil ihres Images, weil sie diese inszeniert hat, sondern weil alle darüber geredet haben.

Auf eine spröde Art und Weise ist sie Charismatikerin.

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Hat Merkel Charisma?

Eine Charismatikerin ist jemand, die Gefühle verkörpert, auf den Punkt bringt, sammelt. Das hat sie getan. Viele Deutsche haben sich durch sie gut repräsentiert gesehen. Auf eine spröde Art und Weise ist sie Charismatikerin.

Würden Sie nach so viel Beschäftigung mit der Ex-Kanzlerin Merkels berühmten Satz „Sie kennen mich“ unterschreiben?

Viele haben sich über all die Jahre gefragt, wer Angela Merkel ist. Da entstand etwas Mehrdeutiges, auf das sie aber keinesfalls spekuliert hat. Die Vieldeutigkeit ist ein Kennzeichen von Stars und Ikonen. Diese Ambivalenz ist der Motor für ein anhaltendes Interesse und garantiert mediale Langlebigkeit.

Fühlen Sie sich als Kanzlerinexeget?

Nein, es gibt viele Kollegen, die sie viel besser kennen als ich. Ich finde den Exegetenstatus eher lachhaft. Mein Zugang zu Merkel als öffentlicher Person bestand darin, dass ich ausführlich Archive durchforstet habe. Ich habe, nun ja, einen tiefen Blick auf sie im Lauf der Zeit gewonnen. Ich habe Gesten, Gesichtsausdrücke, Reaktionen gefunden, die ihr selbst vermutlich entfallen sind. Der Politikbetrieb ist so aktualitätsbesessen, dass in ihm sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit verschwinden. Der Film ist also eine Art nacheilendes Gedächtnis.

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Warum sind Sie so tief in Merkels Kindheit eingetaucht?

Angela Merkel ist jetzt 67. Das heißt, sie hat den größeren Teil ihres Lebens immer noch in der DDR verbracht. Ihre Persönlichkeit ist weitgehend in dieser Zeit und Gesellschaft geprägt worden. Deshalb ist ihre Kindheit so wichtig – ihr protestantisches Elternhaus, das Aufwachsen in Templin, das Studium in Leipzig und die Arbeit in Ostberlin.

Angela Merkel ist ganz und gar unbestechlich.

Merkel gehört einer Politikerspezies an, die ihrem Land dient: Stirbt diese Art von dienenden Politikern aus?

Merkels Antrieb, in die Politik zu gehen, war sachorientiert. Sie wollte einer Sache dienen. Dann ist sie blitzartig in die obersten Sphären der Politik katapultiert worden. Dieses preußische Pflichtbewusstsein entsprach ihrem Naturell. Um ein Gegenbeispiel zu nennen: Würden sich Philipp Amthor, Markus Söder oder auch Friedrich Merz dem öffentlichen Dienen andienen, würde man bald merken, dass diese Erzählung leicht unglaubwürdig wirkt. Ich denke aber, dass die meisten jüngeren Politiker und Politikerinnen einer guten Sache dienen wollen. Deshalb mischen sie sich ein. Sie wollen etwas Wertvolles bewirken. Diese Haltung stirbt nicht mit Merkel aus.

Zuvor haben Sie einen Film über „Die Unbeugsamen“ gedreht, über Frauen, die sich in der Politik der alten Bundesrepublik durchboxen mussten. Zählt Merkel zu den Unbeugsamen?

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Angela Merkel musste sich nicht Jahrzehnte durch den männlichen Politikbetrieb kämpfen. Helmut Kohl hat sie in einer politischen Umbruchsituation entdeckt und gefördert. Sie hat von den Pionierinnen profitiert. Aber sie hat mit Blick auf das Beispiel Rita Süssmuth schnell gelernt, dass es machtpolitisch tödlich gewesen wäre, sich ins frauenpolitische Abseits drängen zu lassen. Dennoch ist sie letztlich eine Unbeugsame: Merkel hat sich nicht von den männlichen Kombattanten kleinmachen lassen, ob diese nun Friedrich Merz, Roland Koch, Christian Wulff oder Helmut Kohl hießen.

Mit welchen Stärken hat sie die Männer ausgestochen?

Sie ist nicht versteinert. Sie ist kommunikativ geblieben. Sie hat keine tödlichen Egoverletzungen davongetragen. Eines ihrer größten Talente ist es sicherlich, sich nicht zu sehr mit ihren privaten Gefühlen in die öffentliche Arena zu stellen. Und sie ist ganz und gar unbestechlich. Von fragwürdigen Deals wie bei Helmut Kohl oder auch Gerhard Schröder dürfte bei ihr nichts zu finden sein.

Früher haben Sie über Männer gearbeitet – über Götz George, Willy Brandt, Heinz Rühmann, Franz Beckenbauer. Spätestens seit „Die Unbeugsamen“ scheinen Sie sich für Frauen zu interessieren. Warum?

Frauen erzählen Geschichten anders, nuancierter. Sie haben einen sensibleren Blick für die Schattenseiten der Macht, sie haben oft auch eine andere Sensitivität für die Psychologie des Scheiterns oder des Siegens. Diese eher weiblichen Perspektiven waren für mich eine echte Weiterbildung meines oftmals beschränkten Blicks.

Haben Frauen Sie auch kritisiert – so nach dem Motto: Über uns erzählen wir lieber selbst?

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Nein.

Ist der neue, jüngere und weiblichere Bundestag ein Hoffnungszeichen für Frauen?

Der weibliche Anteil ist ja nur geringfügig gestiegen, von 31 Prozent auf 34 Prozent. Zu einer echten Parität fehlt noch einiges. Wünschen würde ich mir, dass der Bundestag überhaupt diverser wird, also nicht nur aufs Geschlecht bezogen. Da geht es auch um berufliche Erfahrungen. Wir haben eine erdrückende Mehrheit von Akademikern. Wir brauchen andere kulturelle und soziale Hintergründe im Parlament.

Im Film „Die Unbeugsamen“ sagt Ursula Männle, dass es noch ein weiteres Vierteljahrhundert bis zur Gleichberechtigung der Frau dauern werde: Ist das optimistisch oder pessimistisch gedacht?

Realistisch.

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Wie wird dieses Land ohne Merkel klarkommen?

Ich habe leider kein Diplom als Prophet, aber ich würde sagen: Viele Deutsche vermissen Merkel. Manche sind wohl auch überrascht, dass es mit Olaf Scholz einen Kanzler gibt, der noch leiser agiert als sie.

Und wie kommt Merkel ohne dieses Land klar?

Wahrscheinlich besser als umgekehrt. Sie hat genügend Interessen, um schöne Dinge zu entdecken. Ich fand es bemerkenswert, wie sie den Abschied von der Macht gestaltet hat. Sie hat den Zeitpunkt selbst bestimmt und war dabei konsequent. Man erinnere sich, wie Kohl hinterher als einfacher Abgeordneter dieses oder jenes meinte, kommentieren zu müssen. Das war quälend. Merkel hat auch den CDU-Ehrenvorsitz abgelehnt. Sie hat ihre Seele nicht an den Ring der Macht verkauft. Sie hat sich eine innere Freiheit bewahrt.

Wie lange wird es dauern, bis die Bundesrepublik wieder eine Kanzlerin haben wird?

Ich glaube, dass eine Generation von Frauen heranwächst, die in spätestens acht Jahren eine reale Machtchance hat.

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