Der Fluch der Freiheit

Politisches Plauderstündchen mit Gandhi (Neeraj Kabi, l.): Lord „Dickie“ Mountbatten (Hugh Bonneville) und Gattin Edwina (Gillian Anderson).

Politisches Plauderstündchen mit Gandhi (Neeraj Kabi, l.): Lord „Dickie“ Mountbatten (Hugh Bonneville) und Gattin Edwina (Gillian Anderson).

Hannover. Als der so lange ersehnte Tag der Unabhängigkeit endlich da ist, legt sich deren größter Verfechter ins Bett: „Es gibt heute nichts zu feiern“, lässt Gandhi ausrichten und geht schlafen. Er weiß nur zu genau, dass die Entlassung des indischen Subkontinents 1947 aus der britischen Kolonialherrschaft fürchterlich schiefgelaufen ist. 14 Millionen Flüchtlinge irren zwischen den beiden neuen Staaten Indien und Pakistan hin und her, deren Grenzen willkürlich am Kartentisch gezogen wurden. Eine Million Tote werden am Ende zu beklagen sein. Mag der letzte aus Großbritannien entsandte Vizekönig Lord „Dickie“ Mountbatten (Hugh Bonneville) auch das Beste im Sinn haben: Sein Auftrag, Indien in die selbstbestimmte Freiheit zu entlassen, hat angesichts des Einflusses der intriganten Großmächte kaum eine Chance. Tatsächlich zieht Churchill im Hintergrund die Strippen um politische Einflusssphären im Kalten Krieg und um das begehrte Öl. Das gedeihliche Miteinander der verschiedenen religiösen Gruppierungen steht für ihn weiter unten auf der Agenda.

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Ein trauriger Film hätte aus diesen Vorgaben entstehen können, zumal bei dieser Regisseurin: Die Britin Gurinder Chadha stammt selbst aus einer indischen Familie, einige ihrer Vorfahren zählten zu den Opfern der Tragödie. Andererseits hat die 57-Jährige schon in „Kick it like Beckham“ (2002) bewiesen, dass sie kulturelle Konflikte mit leichter Hand zu inszenieren weiß – und das tut sie auch in „Der Stern von Indien“, einer kurzweiligen Geschichtslektion vor bonbonbunter Kulisse und in opulenter Ausstattung. Nur die Liebesgeschichte zwischen dem Hindu Jeet Kumar (Manish Dayal) und der Muslimin Aalia Noor (Huma Qureshi) wirkt wie ein kitschiges Pflichtprogramm, angehaucht vom Atem Bollywoods. So recht mag man deshalb mit diesen beiden nicht mitleiden, egal wie traurig sie auch dreinblicken.

Einheitsstaat oder Teilung?

Die beiden gehören zu den 500 Palastbediensteten, die zunächst eifrig feudeln, demütig schweigen und allzeit bereit für die britischen Herrschaften sind. Wenn Jeet und Co. aber die Geheimgespräche über die politische Zukunft Indiens verlassen müssen, dürfen wir bei schwarzem Tee mit Milch Mäuschen spielen. Der um Frieden ringende Lord Mountbatten verhandelt mal mit dem Hindu Jawaharlal Nehru und mal mit dem Moslem Muhammad Ali Jinnah über Einheitsstaat oder Teilung. Der eine wird später der erste indische Ministerpräsident, der andere gilt als Staatsgründer Pakistans. Auch Gandhi (Neeraj Kabi) schaut vorbei, plaudert klug und lässt „Dickie“ von seinem Ziegenjoghurt kosten.

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In schmucker Uniform moderiert Mountbatten in dieser von einigen Jahrhunderten Kolonialismus geprägten Welt. Sein vordringliches Ziel lautet: diese Welt in kürzester Zeit zu verändern und alles auf Neuanfang zu stellen. Dass das nicht einfach so funktionieren kann, ist allen klar, besonders seiner erfrischend zupackenden Gattin Edwina (Gillian Anderson), die dem indischen Küchenteam zu dessen Entsetzen erst einmal freundlich befiehlt, künftig bitte auch indisch zu kochen. Es muss ja nicht immer Beef Wellington sein – und wenn Gäste mit der Hand und ohne edles Silberbesteck essen wollen, dann sei das auch okay. Doch mit gut gemeintem Paternalismus sind die Lasten der Vergangenheit kaum abzuschütteln.

Wut und Hass greifen um sich

Es verwundert ein wenig, dass die Regisseurin den Vizekönig und seine Frau so positiv und ohne jegliche Risse zeichnet. Tatsächlich stehen die Vertreter der britischen Macht aber auf verlorenem Posten. Auch im Palast nehmen die Konflikte zwischen Sikhs und Hindus auf der einen und Moslems auf der anderen Seite zu. Immer stärker greifen Abgrenzung, Wut und Hass in diesem opulenten Mikrokosmos um sich, in dem sich das Schicksal ganz Indiens spiegelt.

Von Stefan Stosch

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