Die Liebe siegt im Schlachthaus

Goldener Bär für den Film „Körper und Seele“ von Regisseurin Ildiko Enyedi.

Goldener Bär für den Film „Körper und Seele“ von Regisseurin Ildiko Enyedi.

Berlin. Die Berlinale-Jury hätte es sich leicht machen und Aki Kaurismäki für „Die andere Seite der Hoffnung“ zum großen Sieger der 67. Berlinale erklären können. Niemand hätte wohl Einwände gegen diese melancholische Komödie erhoben, in der an den gesellschaftlichen Rand Gedrängte eine Notgemeinschaft bilden. Der Finne Kaurismäki gilt seit Jahrzehnten als Spezialist für solche Beschwörungen der Nächstenliebe – aber gerade deshalb wäre diese Auszeichnung nicht sonderlich originell gewesen bei einem Festival, das nach frischen künstlerischen Ausdrucksformen sucht. Und so hat die Jury am Samstagabend klug entschieden, Kaurismäki mit dem Regiepreis zu bedenken, den Goldenen Bären aber an „On Body and Soul“ der Ungarin Ildikó Enyedi zu verleihen.

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Die Regisseurin – eine von vier Frauen im Bären-Rennen – hat das Kino-Juwel dieser Berlinale präsentiert, eine zart-verschrobene Liebesgeschichte zwischen einem Schlachthauschef und einer Fleischkontrolleurin. Maria und Endre werden ihrer Seelenverwandtschaft erst gewahr, als sie per Zufall herausfinden, dass sie dieselben Träume haben – in denen Hirsch und Hirschkuh Seite an Seite durch verschneite ungarische Wälder traben. In diesem Moment beginnen zwei verschlossene Seelen, sich zaghaft einander zu öffnen. Diese unwahrscheinliche Annäherung inmitten einer blutgesättigten Umgebung, obwohl gleich zu Beginn des Festivals gezeigt, blieb im Bildergedächtnis haften.

Gedreht mit einer Laiendarstellerin

Überhaupt, die Liebe in vielerler Form: Sie scheint es dem siebenköpfigen Bären-Gremium um Paul Verhoeven angetan zu haben: Der Große Jury-Preis ging an die Barsängerin „Félicité“ aus dem Kongo. Regisseur Alain Gomis schickt sie auf eine entwürdigende Betteltour durch Kinshasa, um Geld für ihren schwer verletzten Sohn aufzutreiben. Gedreht hat er diese Geschichte einer Mutterliebe vornehmlich mit einer Laiendarstellerin und dabei ganz auf die treibenden Rhythmen der Musik gesetzt.

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Den Alfred-Bauer-Preis gab es für die hexengleiche Waldbewohnerin in Agnieszka Hollands subversivem Öko-Krimi „Pokot“, die die Natur mehr liebt als ihre Mitmenschen – und ganz besonders die Jäger darunter. Die Drehbuch-Auszeichnung holten die Chilenen Sebastián Lelio und Gonzalo Maza mit „Eine fantastische Frau“: Die Transgender-Frau Marina steht gegen alle Drangsalierungen zu ihrem überraschend gestorbenen Lebenspartner. Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung erhielt Cutterin Dana Bunescu für den Schnitt im rumänischen Wettbewerbsbeitrag „Ana Mon Amour“ – also noch eine, wenn auch bittere Liebesgeschichte zwischen zwei psychisch Labilen.

Georg Friedrich als bester Schauspieler

Auch der einzige Preis für einen deutschen Film fügt sich in diese Reihe: Der Österreicher Georg Friedrich erhielt ihn als bester Schauspieler im reichlich zähen Drama „Helle Nächte“ des Berliners Thomas Arslan. Friedrich verkörpert einen von einer Midlife-Crisis verunsicherten Vater, der auf einer Norwegentour versucht, versäumte Zeit mit seinem Teenager-Sohn nachzuholen. Friedrich war bei dieser Berlinale viel gefragt: Auch in Josef Haders Komödie „Wilde Maus“ übernahm er eine wichtige Rolle.

Beste Schauspielerin wurde Kim Minhee im südkoreanischen Film „On the Beach at Night Alone“, in dem sie eine viel plappernde und viel trinkende Schauspielerin gibt, die sich durch Hamburg treiben lässt. Es wären durchaus andere Optionen möglich gewesen bei einer Berlinale, die als das Festival der starken Frauenfiguren zu Ende gegangen ist – siehe die unbeirrbare Félicité (Vero Tshanda Beya) oder die tapfere Marina (Daniela Vega).

Aber was soll`s: Insgesamt hat die Jury zielsicher die Rosinen herausgepickt bei einem Festival, bei dem herausragende Werke Mangelware waren. Berlinale-Chef Dieter Kosslick dankte den mehr als 400 Regisseuren, die angetreten seien, „die Welt mit Poesie zu retten“. Er selbst wollte es dabei nicht belassen und erinnerte an den in der Türkei festgenommenen „Welt“-Journalisten Deniz Yücel. So wurde das 67. Festival noch einmal seiner politischen Verpflichtung gerecht, die es als seinen Markenkern betrachtet.

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Von RND/Stefan Stosch

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