„Ein Zeichen der Hoffnung“: Berlinale mit Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“ eröffnet

Die Jury kommt über den Roten Teppich zu der Eröffnungsveranstaltung der 72. Berlinale.

Die Jury kommt über den Roten Teppich zu der Eröffnungsveranstaltung der 72. Berlinale.

Berlin. Kein Filmplakat. Nirgends. Es ist ein trauriger Spaziergang über den Potsdamer Platz und damit ins sonst so heftig puckernde Herz der Berlinale. Wo üblicherweise die Attraktionen des Festivals reihenweise um Aufmerksamkeit buhlen, ist im Pandemiewinter 2022 kaum ein Lebenszeichen vom Kino zu entdecken. Nur die Berlinale selbst hat ihr (Eis-)Bärenmotiv mit Sonnenbrille geradezu trotzig in die Straßenvitrinen gestellt.

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Auch der Potsdamer Platz sah schon einladender aus. Die Einkaufpassage Arkaden ist wegen Umbau geschlossen. Angestammte Lokale haben zumindest vorübergehend kapituliert. Fast-Food-Ketten überall. In Bussen werden die obligatorischen Corona-Schnelltests angeboten. Findet das Festival wirklich statt? Oder ist es doch noch abgesagt worden wie gerade auch die Leipziger Buchmesse?

Nein, die Jury ist schon da. Mit gehörigem Abstand sitzen die sieben Mitglieder auf dem Podium, die am kommenden Mittwoch über die Vergabe der Bären entscheidet. Präsident M. Night Shyamalan, berühmt geworden als Geistererzähler in „The Sixth Sense“, hat Lust auf seinen Job: Er sei begeistert wie ein Kind darüber, sich in 18 Filme von Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zu vertiefen. Der französisch-tunesische Produzent Said Ben Said („Elle“) fasst seine Gefühle nach langer Festivalabstinenz so zusammen: „Endlich zurück in der Kirche.“

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„Ein Zeichen für das Kino, für die Kinokultur“

Zumindest der Teppich strahlt in gewohnt kräftigem Rot. Am Donnerstagabend wollte vorzugsweise deutsche Filmprominenz darüber spazieren, darunter Sophie Rois, Iris Berben, Martina Gedeck, Wolfgang Kohlhaase, Heike Makatsch, Burghart Klaußner, Burhan Qurbani und Julia von Heinz. Ausgerechnet Hanna Schygulla und Isabelle Adjani aus dem Eröffnungsfilm „Peter von Kant“ von François Ozon hatten abgesagt. Manchen ist es zu riskant, auf der Omikron-Welle zu surfen.

Besetzt werden durfte bei der Eröffnungsgala nur die Hälfte der Sessel im Berlinale-Palast – immerhin noch gut 800 Menschen nahmen Platz. Der obligatorische Empfang danach war gestrichen.

Claudia Roth bei der Berlinale-Eröffnung.

Claudia Roth bei der Berlinale-Eröffnung.

Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth betonte zum Beginn der Berlinale am Donnerstagabend, wie wichtig die Kultur für die Demokratie sei. „Ich bin froh. Bin erleichtert. Bin dankbarer vielleicht als es je eine Kulturstaatsministerin an einem Abend im Februar sein durfte.“ Sie sei glücklich, dass diese Berlinale stattfinden könne. „Ja, es ist ein Festival unter Pandemiebedingungen. Mit Einschränkungen, die man kritisieren kann. Mit Unzulänglichkeiten, die man bemängeln mag. Mit Lücken, die man bedauern muss“, sagte Roth. „Aber das wirklich, wirklich Wichtige ist doch: Die Berlinale, sie findet statt.“

Die Berlinale sei ein Zeichen der Hoffnung. „Wir lassen uns von Corona nicht unterkriegen. Wir brauchen das Kino. Wir brauchen den Film“, sagte Roth und bekam dafür viel Applaus. Sie sagte, sie wolle auch besondere Ehrengäste begrüßen: Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte. Diese stünden stellvertretend für so viele, die in den vergangenen harten Jahren alles getan hätten, um Leben zu bewahren. „Vielen Dank!“

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Mit viel Bedacht hat Berlinale-Chef Carlo Chatrian den Franzosen Ozon („8 Frauen“) bei dessen sechstem Wettbewerbsauftritt auf die Poleposition gesetzt. Es ist nur auf den ersten Blick ein erinnerungsseliger Beginn: Vor genau 50 Jahren zeigte Rainer Werner Fassbinder in Berlin „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, eine Studie über Abhängigkeit und Ausbeutung in der Liebe. Im Mittelpunkt: eine Modeschöpferin (Margit Carstensen) in ihrem Luxusapartment. Auch damals war Schygulla schon dabei als deren Lustobjekt, das bei aller Unterwerfung eigene Karrierepläne verfolgt.

Sinnliche Inszenierung

Der Clou damals: Nur Frauen spielten in der Verfilmung von Fassbinders eigenem Theaterstück. Der Regisseur beteuerte 1972, der Film sei nicht explizit gegen das weibliche Geschlecht gerichtet. Allerdings: „Alles in allem finde ich das Verhalten der Frauen genauso schrecklich wie das Verhalten der Männer.“ Sie seien durch die Erziehung und die Gesellschaft ebenso fehlgeleitet wie die Männer.

Der bekennende Fassbinder-Fan Ozon („Tropfen auf heiße Steine“) versteht sich sonst darauf, Frauen besonders sinnlich zu inszenieren. Nun gibt er in seiner Variation des Stoffs den Männern den Vorzug. Aus der Modefrau ist bei ihm der Kölner Filmproduzent Peter (Denis Ménochet) geworden, aus der damaligen Dienerin Marlene (Irm Hermann) wurde Karl (Stéfan Crépon). Doch ob Männlein oder Weiblein ist im Grunde egal: Liebe kann brutal sein. Immer noch.

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Ozon sieht in dem Kammerspiel, angesiedelt in den Siebzigern, die Beziehung Fassbinders mit dem Schauspieler Günther Kaufmann gespiegelt. Sein koksender und saufender Protagonist erinnert tatsächlich schon rein äußerlich verblüffend an Fassbinder. Peter nutzt seine Machtposition im Filmgeschäft in Liebesdingen weidlich aus – und glaubt dabei doch an die reine Liebe. Bis er dem jungen Schauspieler Amir (Khalil Gharbia, das war damals die Schygulla-Rolle) begegnet, diesem verfällt und Amir die emotionalen Verhältnisse umkehrt.

Hommage an Fassbinder, Assoziationen mit Weinstein

Das leidende Monster Peter löst sich auf in Tränen und Schmerz. Seine zu späte Erkenntnis: „Der Mensch ist so gemacht, dass er den anderen Menschen braucht. Doch hat er nicht gelernt, wie man zusammen ist.“

„Peter von Kant“ ist gewiss eine Hommage an Fassbinder. Eine Entlarvung steckt aber – womöglich ungewollt – auch in dem Film: Unangenehme Assoziationen an den Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein werden unweigerlich wach.

Mit diesem verspielten, aber alles andere als harmlosen Film sind die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin eröffnet. Dass dieses Kunststück tatsächlich mitten in der Pandemie gelingen würde, darauf hätten viele keinen einzigen Eimer Popcorn gewettet. Nun muss das Festival zusehen, dass es gut durch diese Notausgabe kommt.

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