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„Felix Krull“ – Detlev Buck hat Thomas Manns Roman neu verfilmt

Er täuscht sogar Majestäten: Felix Krull (Jannis Niewöhner, l.) und Kuckuck (Joachim Król).

Der Dandy ist großzügig. Schließlich weiß er am allerbesten, wie das ist, kein Geld in der Tasche zu haben. Nun trifft Felix Krull beim Promenieren am Ufer der Seine, nahe der Pont Neuf, auf einen zerlumpten Bettlerjungen. Der Verschüchterte könnte glatt einer Charles-Dickens-Verfilmung entsprungen sein, so sorgenvoll und von seinem Elend niedergedrückt starrt er herauf. Krull drückt dem Jungen eine riesige Münze in die Hand.

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Im Hintergrund treiben sich dunkle Gestalten herum. „Nimm, schnell“, fordert Krull den Beschenkten auf. Und dann solle sich der Junge davonmachen. Sonst würden ihm die Halunken das Geld gleich wieder abnehmen.

Wer oben ist, kann ganz schnell alles wieder verlieren

Damit sind die gesellschaftlichen Verhältnisse skizziert in Detlev Bucks Verfilmung von Thomas Manns Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Die wichtigste Einsicht lautet: Es gibt die da oben, und es gibt die da unten. Wer es schafft, nach oben zu kommen, kann auch schnell wieder alles verlieren. Krull hat das bei seinem eigenen Vater erlebt: Als sich dessen Sektplörre mit dem schönen Namen „Loreley extra cuvée“ nicht mehr verkaufte, schoss er sich eine Kugel in den Kopf.

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Wenn Felix Krull (Jannis Niewöhner) nun etwas antreibt, dann ist das der gesellschaftliche (Wieder-)Aufstieg: „Wer arm ist, darf sich unter keinen Umständen an die Armut gewöhnen.“ So lautet sein Wahlspruch. Und dann macht er sich als Bediensteter im Pariser Grand Hotel unentbehrlich bei den Gästen. Besonders bei den Frauen.

Und doch wundert man sich: Zieht Felix Krull, dieser vom Glück verwöhnte Rollenspieler, dieses „Vorzugskind des Himmels“, wie er sich bei Thomas Mann selbst beschreibt, überhaupt ein Scheitern in Betracht? Steckt hinter dem Lächeln, das Jannis Niewöhner als Krull im Gesicht festgefroren zu sein scheint und an dem alle Demütigungen abprallen, tatsächlich die Angst, dem Armsein womöglich doch nicht nachhaltig zu entkommen?

Felix Krull passt sich an jede Situation perfekt an

In Thomas Manns Romanvorlage zeichnet gerade das Spielerische, Leichte, Unverbindliche die Hauptfigur aus. Krull kann sich wie ein Chamäleon an jede Situation anpassen, eben weil er sich nirgends wirklich zugehörig fühlt. Diese innere Unabhängigkeit aber stellen Regisseur Detlev Buck und sein Drehbuch-Co-Autor Daniel Kehlmann infrage – zumal Krull bei ihnen zum tragisch Liebenden wird.

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Der Autor Mann hatte eine Parodie des klassischen Entwicklungsromans vor Augen, wie er ihn beispielhaft in Goethes „Dichtung und Wahrheit“ erblickte. Angeregt hatten ihn dabei die Memoiren von Georges Manolescu, einem rumänischen Heiratsschwindler, Hoteldieb und Hochstapler, der seine Beutezüge um 1900 in halb Europa und auch in den USA unternommen hatte.

Thomas Mann wollte seinen Helden ins Gefängnis bringen

Fertig wurde Mann mit seinem „Felix Krull“ allerdings nie. In zwei Phasen, um 1910 und noch einmal in den Fünfzigerjahren, arbeitete er daran – und ließ seinen Betrüger dann endgültig in die literarische Welt ziehen, ohne ihn zwischenzeitlich ins Gefängnis gebracht zu haben, wie er es in einer nie geschriebenen Romanfortsetzung geplant hatte. Sein Felix Krull war nicht zu fassen (so wenig wie auch Horst Buchholz in Kurt Hoffmanns Verfilmung von 1957).

Der Felix Krull in diesem Film dagegen kennt echte Gefühle – und wird damit verletzlich. Der Identitätstausch mit dem Marquis Louis de Venosta (David Kross) ist hier von Anfang an ein abgekartetes Spiel. Dessen geliebte Zaza (Liv Lisa Fries) ist die Frau, die auch Krull begehrt. Tritt also Krull als de Venosta die Weltreise an, die dessen Vater dem Sohn verordnet hat, dann muss er auf die Liebe verzichten.

Für Zaza wäre Krull sogar bereit, eine Existenz als er selbst zu führen, inklusive Broterwerb, Kindern und Sonntagsspaziergang. Doch die lebenskluge Zaza antwortet ihm auf dieses Ansinnen: „Du kannst nicht du selbst sein.“

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Ein Schelmenmärchen mit bitteren Zügen

So geht Krull seiner zwischenzeitlichen Kellnerexistenz in einem nostalgisch-pittoresken Paris nach, in dem sich auch Jean-Jacques Jeunets fabelhafte „Amélie“ wohlgefühlt hätte. Dabei nimmt dieses Schelmenmärchen durchaus bittere Züge an, anders als im Buch. Oberkellner Stanko (Nicholas Ofczarek) ist ein gewalttätiger Spitzbube, die reiche Gespielin Madame Houpflé (Maria Furtwängler) gegenüber ihrem „kühnen Knecht“ Krull nachtragend bis zur Galligkeit. Bei ihr wird der Charmeur Krull zum Callboy, der er ja auch ist.

Sprachlich haben Buck und Kehlmann Erstaunliches geleistet: Viele Originalsätze haben es in den Film geschafft, ohne dass die Dialoge gestelzt wirken würden. Seit ihrem Kinoerfolg „Die Vermessung der Welt“ (2012) über den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauß sind die beiden ein eingespieltes Autorenteam.

Das Schlimmste, was einem Rollenspieler passieren kann, ist es, aus der Rolle zu fallen. Das weiß Krull genau. Aber man hätte ihm doch gewünscht, dass er sich nicht so quälen müsste auf dem Weg nach oben.

„Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, Regie: Detlev Buck, mit Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, David Kross, Nicholas Ofczarek, 114 Minuten, FSK 12

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