Matthias Brandt in „Mein Name sei Gantenbein“: Biografie – ein Gedankenspiel

Wieder auf der Bühne: Der Schauspieler Matthias Brandt im Stück "Mein Name sei Gantenbein" im Berliner Ensemble.

Wieder auf der Bühne: Der Schauspieler Matthias Brandt im Stück "Mein Name sei Gantenbein" im Berliner Ensemble.

Die Frage nach Identitäten prägt viele zeitgenössische Debatten und die individuelle wie gesellschaftliche Selbstreflexion unserer Gegenwart. Wer bin ich? Was genau bin ich? Wie sehr prägt mein Sein mein Bewusstsein? Und vice versa? Was ist mein wahres Ich, und wann spiele ich nur eine Rolle? Wie sehr beeinflusst der Blick der anderen auf mich mein Denken, Fühlen, Handeln, mein Ich-Sein, mein gesellschaftliches Sein. Und wer, was und wie viele andere noch bist eigentlich du? Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ bereits 1964 viele dieser Fragen durchdekliniert. Matthias Brandt kehrt nun nach 20 Jahren auf die Theaterbühne zurück, um Frischs Gantenbein/Enderlin/Svoboda in die Berliner Gegenwart zu holen.

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„Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

Ausgangspunkt in Max Frischs Roman ist ein Verlust. Der Erzähler wurde von seiner Frau verlassen, die gemeinsamen Möbel stehen noch in der Wohnung, sind aber bereits abgedeckt. „Alles noch vorhanden, nur die Zeit ist weg“, heißt es bei Frisch. Wie in Pompeji. Und wenn die Realität in seiner grausamen Direktheit und unveränderlichen Wucht zu erdrückend, zu groß für ein einzelnes Herz oder Hirn ist, bleibt manchmal nichts anderes, als sich als Subjekt aus der objektiven Situation zu stehlen. „Einmal klingelt‘s tatsächlich. Ich mache auf. Der Herr meines Namens ist verreist.“ Ich ist ein anderer, auch hier. Das Individuum, dem Namen nach unteilbar, spaltet sich auf in mehrere Ichs. Das ist das Thema bei Frisch, einer der berühmtesten Sätze des Romans, kann als Motto stehen: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

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Der Erzähler greift in den vollen Kleiderschrank seiner Phantasie. „Ich stelle mir vor“, heißt einer seiner Leitsätze. Er stellt sich einen Mann vor, der nach einem Autounfall vorgibt, erblindet zu sein, und der so lange eine glückliche Ehe führt, bis er seinen Schwindel zugibt und sich die Sicht der Dinge ändert. Sein Name sei Gantenbein. Er stellt sich einen Mann vor, der einen Ruf nach Harvard erhält, aber wegen einer Liebe zögert, und der dann meint, todkrank zu sein. Sein Name sei Enderlin. Und er stellt sich einen Mann vor, dessen Frau ihn mit eben jenem Felix Enderlin betrügt. Sein Name sei Svoboda. Alle drei Männer kreuzen sich in diesen Illusionen in der Person der Schauspielerin Lila. Biografie wird zum Spiel, zum Gedankenspiel.

Die Schatten des eigenen Ich: Matthias Brandt auf der Bühne des Berliner Ensemble.

Die Schatten des eigenen Ich: Matthias Brandt auf der Bühne des Berliner Ensemble.

Frischs Text ist ein kunstvolles Weben mit diesen einzelnen Fäden, die sich mal verknoten, mal verlieren, die mal wiederaufgenommen werden, die ihre Farbe wechseln, ausfransen können und fesseln. Womit wir beim Problem dieses Theaterabends wären: Diese Komposition von Ich-Entwürfen, dieses Kunst-Flechtwerk eignet sich nur bedingt als weit zurückgekürzte Bühnenmonologfassung. Frischs besondere Sätze, die sich im Roman aus den einzelnen Geschichtenentwürfen immer wieder erst langsam herausschälen, werden hier wie ein Feuerwerk präsentiert: „Es gibt keine Hoffnung gegen die Zeit.“ „Ihr kennt eure Körper, wie man seine Möbel kennt.“ „Einander nicht zu kennen in einem Grad, der alles Kennen können übersteigt, ist schön.“ „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ All der feine Frisch-Humor, das Leise und Lockere im Wechsel mit der Schwere mancher Erkenntnisse, die einnehmende Größe dieses Romans, all das ist schlichtweg nicht auf etwas mehr als eineinhalb Stunden einkürzbar.

Mal leise, mal voller Wut: Solodarsteller Matthias Brandt.

Mal leise, mal voller Wut: Solodarsteller Matthias Brandt.

Dass die Inszenierung dennoch zu einem prächtigen Theaterabend wird, ist Matthias Brandt zu verdanken. Der 60-Jährige hat lange Zeit als „Polizeiruf“-Kommissar in München Fälle gelöst, war zuletzt in Bjarne Mädels Regiedebüt „Sörensen hat Angst“ zu sehen und hat zwei viel beachtete Erzählbände verfasst. Nun kehrt er nach 20 Jahren Bühnenabstinenz zurück ans Theater. Brandt ist damit anfangs ein doppelt Suchender. Anfangs scheint er noch seinen Platz auf der Bühne erkunden, ihm nachspüren zu müssen, was gut zum suchenden Erzähler, den er gibt, passt. Mit der Zeit spielt sich Brandt dann immer mehr in die verschiedenen Rollen, in die Identitäten seiner Personen. Er spricht mal leise und unsicher, mal erbricht er seine Wut und seine Angst, mal begegnet er irritiert der Gefahr, dass die Phantasiefiguren und die Erzählungen, die er sich erfindet, von ihm Kontrolle ergreifen.

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Abgerundete Bühnenbox erinnert an Science-Fiction

Die rund eineinhalb Stunden, die Oliver Reese als Monologform angelegt hat, agiert Brandt in einer abgerundeten Box, die im Design an den Science-Fiction-Film „Tron Legacy“ und in der Perspektive an einen Tunnel oder eine Unterführung erinnert (Bühnenbild: Hansjörg Hartung). Frischs Erzähler ist in dieser Inszenierung Herr in einem Haus ohne Ecken und Kanten. In diesem Guckkasten sind Schubladen und Schranktüren eingebaut, aus denen Brandt allerlei Accessoires wie Blindenbrille, Blindenstock, Anzüge, Alkohol holt, die er nach und nach in den Orchestergraben schmeißt. Dort unten muss es am Ende des Abends so unaufgeräumt aussehen wie in einem gelungenen Leben. Umrandet wird die Box von Neonleuchten, die immer wieder die Farbe wechseln. Im Laufe der Zeit kommen noch zwei weitere Neonlichtrahmen im hinteren Teil der Bühne hinzu. Das erinnert sehr stark an die Lichtgestaltung von Ulrich Rasches „König Ödipus“ ein paar Schritte weiter am Deutschen Theater.

In Brechts Theater: In der Guckkastenbühne finden sich zahlreiche Schubladen und Türen.

In Brechts Theater: In der Guckkastenbühne finden sich zahlreiche Schubladen und Türen.

Am Ende dieser so sehr in die Gegenwart passenden Identitätssuche, die durch die zurückhaltende Musik von Jörg Gollasch begleitet wird, feiert das Publikum den Hauptdarsteller und die Inszenierung. Es dankt wild applaudierend und zum Teil sogar stehend einem großen Schauspieler, der an diesem Soloabend Sätze anprobiert hat wie Kleider. Sie haben ihm gepasst. Sein Name ist Brandt.

„Mein Name sei Gantenbein“ von Max Frisch in einer Fassung von Oliver Reese. Mit Matthias Brandt. Weitere Aufführungen am 18., 19., 23., 24. und 25. Januar sowie im Februar.

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