Revolutionsoper "André Chénier"

Monumentales Bühnenbild sorgt in Bregenz für Erstaunen

Bregenz. Gezockt und gewonnen. Umberto Giordanos Revolutions- und Liebesdrama „André Chénier“ wurde von knapp 7000 Premierengästen gefeiert. Dabei sah es lange Zeit so aus, als würde das Spiel auf dem See ins Wasser fallen. Es hatte die Nacht zuvor durchgeregnet, am Morgen peitschte der Wind die Bodenseewellen auf, am Mittag begann es wieder zu regnen, doch die Optimisten vertrauten einer Wettervorhersage, nach der es kurz nach 20 Uhr aufhören sollte, zu nässen. Nur begrenzt trostreich war da die offizielle Verlautbarung, die Bregenzer Festspiele seien „bemüht, die Vorstellung auch bei zweifelhafter Witterung auf der Seebühne abzuhalten“.

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Wenn es gar zu schlimm wird, können Inhaber der (knapp 2000) Vorzugskarten ins Festspielhaus umziehen, doch eine halb szenische Version dieser Produktion mag man sich lieber gar nicht erst vorstellen. Hauptdarsteller des Abends ist schließlich das staunenswerte Bühnenbild. In den vergangenen Jahren hatte Bregenz immer wieder einzigartige Szenerien präsentiert: ein riesiges Totentanzbuch mit Gevatter Tod für Verdis „Maskenball“, überdimensioniertes Bistro-Gestühl für Puccinis „La Bohème“ und jenes Auge des Todes für Puccinis „Tosca“, das später auch als James-Bond-Filmbühnenbild taugte. Doch was David Fielding jetzt für „André Chénier“ bauen ließ, war nicht nur hollywoodtauglich, sondern auch ein abendfüllendes Spektakulum. Dessen Funktionstüchtigkeit war dann gottlob doch zu bestaunen, weil zum Vorstellungsbeginn kurz nach 21.15 Uhr tatsächlich die allerletzten Tropfen fielen.

Da betritt ein Sensenmann die Bühne. Er wird am Ende auch das letzte stumme Wort haben, wenn sein Konterfei auf einen Wasservorhang projiziert wird, der einen 19 Meter hohen und elf Meter breiten Spiegel füllt. Dass zwischendrin der mechanisierte Tod durch die Guillotine regiert, muss nicht stören bei einer Oper, die zwar zu Zeiten der Revolution spielt, aber doch eine sehr private Tragödie erzählt. Die vom Dichter André Chénier, der Adelstochter Maddalena di Coigny und von Carlo Gérard, der erst ein Diener, dann ein Revolutionär ist: ein Möchtegerntriebtäter, ein Verleumder und ein Verzichtender – ein klassischer Opernbariton eben, den Scott Hendricks zwischen Scarpia und Vater Gérmont ansiedelt. All seine Leidenschaften nutzen ihm nichts, weil der Dichter nun einmal Tenor ist (Héctor Sandoval füllt das energisch aus) und Maddalena ein Sopran (Norma Fantini ist eine klangvoll Liebende und Leidende).

Die beiden gehören zusammen – bis in den Tod. Zuvor aber gibt es noch ein Liebesduett, das zugleich der größte Ohrwurm dieser effektvollen Oper ist, die leicht ins Ohr geht, sich dort aber nicht unbedingt festhakt. Da ist Umberto Giordano manchmal Puccini light (Giordanos Librettist Luigi Illica half Puccini ja auch bei dessen „Tosca“).

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Bei der Uraufführung 1896 an der Mailänder Scala war „André Chénier“ ein Riesenerfolg. Gespielt wird diese griffige Oper immer wieder – und Maria Callas’ Einspielung der Maddalena-Arie „La Mamma Morta“ machte 1993 als Filmmusik in „Philadalphia“ Furore. Aber ein Publikumsrenner ist das Stück trotzdem nicht. Wer dann in einem Festspielsommer rund 160 000 Zuschauer anlocken will, muss mehr bieten als nur große Oper: die ganz große Bregenz-Show.

Das Bühnenbild bleibt nicht nur ein Bild

Regisseur Keith Warner und Bühnenbildner David Fielding ließen sich von Jacques-Louis Davids berühmtem Revolutionsgemälde „Der Tod des Marat“ anregen und machten den Bodensee zur Badewanne, in der der Ermordete ruht. Sein (zunächst noch verhüllter) Kopf und ein Teil des Oberkörpers ragen aus dem Wasser. 24 Meter hoch ist dieser Männertorso. Der Kopf allein wiegt 60 Tonnen. Dafür kann er auch viel: die Augen schließen, öffnen und leuchten lassen. Der Mund dient als Auftrittsort, die Stirn als Bühne.

Der ganze Kopf kann aufgeklappt werden und präsentiert dann eine Bibliothek. Das Mördermesser fährt zum Finale vorübergehend aus dem Wasser, und 33 Stacheln können aus dem Kopf heraustreten und machen Marat so zum Märtyrer. Marats Brief dient als Auftrittsbühne für die Aristokratengesellschaft, die im ersten Akt ihrem Untergang entgegentanzt. Die Bühne für den Dichter Chénier ist ein großes aufgeklapptes Buch – und dann gibt es noch viele, viele Treppen, Auf- und Abgänge. Dort spielt sich die Revolution ab, die in dieser Revolutionsoper (die mehr noch eine Künstleroper ist) eigentlich gar nicht vorkommt, aber dennoch immer präsent ist.

Für die Bregenzer Premiere hat der britische Komponist David Blake ein tendenziell radaufreudiges Zwischenspiel komponiert, in dem martialische Zitate den Soundtrack zum Aufstand liefern. Das ist nicht unbedingt zwingend, stört aber musikalisch nicht weiter und verstärkt immerhin den Handlungsfaden.

An dem entlang erzählt Warner die Geschichte ebenso stringent wie der Dirigent Ulf Schirmer, der die Wiener Symphoniker (die zumindest sitzen im Trockenen und Warmen) prachtvoll musizieren lässt.

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So bildhaft die Musik, so bilderreich die Szene: Da wird gesungen und gesprungen, getanzt und geturnt, gelitten und gestritten. Der Cirque du Soleil ist manchmal näher als die Mailänder Scala. Und weil der See nun mal da ist, wird auch eifrig hineingeschmissen – und gesprungen, geschwommen, gerudert.

Das Premierenpublikum vergaß vor lauter Staunen, dass es eigentlich frösteln müsste: Was sind reale zwölf Grad schon gegen die Hitzigkeit der Opern­gefühle? Das ist Augen- und Ohrenfutter satt.

Bis zum 21. August fast täglich; www.bregenzerfestspiele.com.

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