Neues Buch: So entstand die Harry-Potter-Saga

Der Illustrator der neuen Potter-Schmuckausgaben, Jim Kay, hat viele Porträts der Protagonisten zum Jubiläumsband beigesteuert.

Der Illustrator der neuen Potter-Schmuckausgaben, Jim Kay, hat viele Porträts der Protagonisten zum Jubiläumsband beigesteuert.

Hannover. “Lumos!“, pflegt ein Zauberer zu sagen (jedenfalls wenn er in Hogwarts zur Schule ging), wenn es ihm irgendwo zu finster ist. Und dann schießt für gewöhnlich Licht aus seiner Zauberstabspitze. Freilich nur, wenn er alles beachtet hat: deutliche Aussprache, richtige Haltung, korrekter Schwenk.

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Licht fiel vor ziemlich genau 20 Jahren in die trübe Lesekultur der jüngeren Deutschen. Am 28. Juli 1998 erschien das erste Abenteuer des englischen Zauberlehrlings Harry Potter auf Deutsch: “Harry Potter und der Stein der Weisen“.

Die zunächst vornehmlich jugendlichen Leser schickten bald Briefe an die Homepage harrypotter.de, fragten Harry, wie man wohl den doofen Mathelehrer ordentlich verhexen könne, und baten ihn, doch bitte seine Schriftstellerin ganz lieb zu grüßen. Beginn einer neuen globalen Liebe zum Buch: Die Videospielgenerationen waren wie verzaubert.

Der Illustrator Jim Kay porträtiert den Hogwarts-Lehrer Severus Snape im Stile Alter Meister.

Der Illustrator Jim Kay porträtiert den Hogwarts-Lehrer Severus Snape im Stile Alter Meister.

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Jetzt ist im Carlsen-Verlag ein neuer Band erschienen. “Harry Potter – eine Geschichte voller Magie“ (256 Seiten, 32 Euro) erzählt keine neuen Abenteuer, sondern liefert Hintergründe. Zweifach wird auf die Schöpfungsgeschichte der Heptalogie eingegangen. Zum einen wird Licht ins Dunkel ihrer Entstehung gebracht. Und dazu werden die Quellen der Autorin ausgeleuchtet: doppeltes “Lumos!“ also.

Altertumswissenschaft hatte Joanne K. Rowling studiert. Und schon die Namen vieler Figuren klingen nach altem Rom: Minerva McGonagall (weise Lehrerin) oder Remus Lupin (netter Werwolf). Die Zaubersprüche sind verwunschenes Latein und Altgriechisch: “Accio!“ (Herbeirufungszauber) oder “Amnesia!“ (Gedächtnislöschzauber).

Auf Spurensuche nach Hexerei in der wirklichen Welt

Das Buch ist im Grunde fauler Zauber – eigentlich der Katalog zu einer Ausstellung in der Londoner British Library, die im Februar zu Ende ging und in Deutschland wohl nicht zu sehen sein wird. Gegliedert nach den Unterrichtsfächern in Hogwarts – von “Zaubertränke und Alchemie“ bis zur “Pflege magischer Geschöpfe“ – schickt es einen auf die Spurensuche von Hexerei in der wirklichen Welt, zurück zu den Wissenssuchenden aus den Zeiten vor der modernen Wissenschaft.

Man blickt in uralte Folianten, sieht Abbildungen der menschenähnlichen Alraune-Wurzeln (15. Jahrhundert), eines Werwolfangriffs (1516) und eines Zentauren (12. Jahrhundert). Ein Sammelsurium mit kleinen Texten zum schnellen Schmökern, das klarmacht: Potters Story ist ein Pott voller Mythen.

Und voller Geheimnisse: Ursprünglich stürzte das fliegende Auto der Zaubererfamilie Weasley zu den Wassermenschen in den Hogwartssee, statt von der peitschenden Weide demoliert zu werden. Zu sehen ist Rowlings Sieben-Bücher-Gerüst, man sieht, was sie alles verwarf, wo sie sich Lektoren beugte und wie sie sich in hübschen Skizzen ihre Helden vorstellte: Harry im Kreis seiner Ziehfamilie, der empathiefreien Durs­leys oder Harry als Baby im Arm des Halbriesen Hagrid. Ein Füllhorn für Fans, die wissen wollen, wie aus Vorstellungskraft lebendige Literatur wird.

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Harry im Kreis seiner Ziehfamilie, den Dursleys: Eine frühe Skizze von J.K. Rowling aus: “Harry Potter – eine Geschichte voller Magie“.

Harry im Kreis seiner Ziehfamilie, den Dursleys: Eine frühe Skizze von J.K. Rowling aus: “Harry Potter – eine Geschichte voller Magie“.

Ist das alles schon wieder so lange her? Dass man sich kurz vor der Geisterstunde vor Buchhandlungen einfand, um den neuen Potter-Band zu kaufen? Dass sich sonst jedes Mummenschanzes unverdächtige Zeitgenossen in Kostümen im Kino einfanden? Dass Hunderte besser wissende Hilfsautoren eigene Potteriaden ins Internet schrieben? Unwirklich, was damals so alles passierte. Im Oktober 2007 erschien der letzte Band auf Deutsch, 2011 der letzte Film.

Ist Harry Potter museal geworden? Nicht ganz. Das Buch rührt auch mächtig die Trommel für Jim Kay, den Illustrator der neuen Harry-Potter-Schmuckausgaben. Der setzt Harry feuerrot auf den Hexenbesen oder stellt ihn verloren aufs Zaubergleis von King’s Cross.

Hingucker sind seine symbolreichen Porträts der Protagonisten. Der verdüsterte Professor Snape etwa trägt sauertöpfische Verbitterung im schmalen Lächeln. 2019 kommt der vierte Kay-Band. Und im zweiten Film der “Phantastische Tierwesen“-Trilogie geht es im November auch wieder nach Hogwarts. Es gibt noch viele dunkle Ecken für ein literarisches Weiterleben. Der Auftrag an Rowling lautet: “Lumos!“

“Harry Potter – eine Geschichte voller Magie“, Carlsen Verlag, 256 Seiten, 32 Euro

“Harry Potter – eine Geschichte voller Magie“, Carlsen Verlag, 256 Seiten, 32 Euro

Von Matthias Halbig/RND

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