Bückeburg / Hermann Löns

Zwei Jahre, dann ist Schluss

Exakt vor 100 Jahren, am 30. September 1909, war es vorbei mit seiner Zeit in Bückeburg. Das mächtige fürstliche Konsortium, das über Moral, Anstand und die Pressefreiheit wachte, hatte genug vom Treiben des Redakteurs und entließ Hermann Löns. Beim Wegzug aus der Residenz schrieb Löns zum Abschied eine bissige Satire. In „Duodez“ zog er mit viel Witz und Ironie die einstige Wirkungsstätte durch den Kakao. Noch heute wird gern aus diesem Büchlein zitiert, will man die Zeit vor 100 Jahren und das höfisch geprägte Leben in der damaligen Residenz verstehen. Spötter sagen, dass sich bis heute nicht viel geändert hat.

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Sein Mythos in Bückeburg ist dennoch ungebrochen: Noch heute schmückt sich die Gaststätte „Zur Falle“ mit dem Löns-Zimmer, dem Gastraum, wo der Schriftsteller an einem Ecktisch sein Bier zu trinken pflegte. Noch heute gibt es Nachfragen von Wissenschaftlern, die in das Archiv der Landes-Zeitung hinabsteigen wollen, um Löns-Texte im Original zu lesen. Mit zehn Millionen verkauften Exemplaren gehört er zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren.

Zu Beginn seiner Arbeit bei der Landes-Zeitung legte sich Löns tüchtig ins Zeug. Lesenswert sind bis heute seine Naturschilderungen aus der Umgebung. Amüsant auch seine Plaudereien in der von ihm neu aufgemachten Rubrik „Buntes Feuilleton“. Mit der Zeit jedoch erlahmte sein Elan. Gerüchte über Trinkgelage, Unpünktlichkeit und Frauengeschichten machten die Runde. Für Gesprächsstoff sorgte die Affäre des damals 41-Jährigen mit seinem 18-jährigen Kindermädchen.

Das mächtige fürstliche Konsortium, das über Moral und Pressefreiheit wachte, mochte dem lockeren Lebenswandel des Zeitungsschreibers nicht länger zusehen. Am 30. September 1909 wurde Löns gefeuert. Es folgten wechselvolle, von Höhen und Tiefen geprägte Jahre. Der Erfolg als Schriftsteller blieb bescheiden. Der Durchbruch – 10 Millionen verkaufte Exemplare – kam erst nach dem Tod.

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Bis weit in unsere Zeit hinein war das literarische Andenken an Löns durch die Festlegung als „Heidedichter“ geprägt. Verantwortlich dafür waren die NS-Ideologen. Sie missbrauchten den Erzähler heimatkundlicher Geschichten für ihre Blut-und-Boden-Philosophie. Höhepunkt war die theatralisch inszenierte Umbettung seiner sterblichen Überreste in die Lüneburger Heide. Nach einem grotesken Hin und Her wurden – wie man heute weiß – im Jahre 1935 „falsche“ Gebeine im Lönshain bei Fallingbostel beigesetzt.

Heute sehen Löns-Kenner dessen Leben und Lebensleistung in anderem Licht. Nach wie vor große Anerkennung findet die literarische Qualität seiner realistisch-impressionistischen Tier- und Landschaftsschilderungen. Gestiegen ist das Ansehen als Naturschützer und Wissenschaftler. Und neu betrachtet und bewertet wird Löns zwiespältige, von Selbstzweifeln geprägte Persönlichkeit. Hinter Alkoholsucht und Schürzenjägerei kommt ein innerlich zerrissener und zutiefst hilfsbedürftiger Mensch zum Vorschein.

Geboren wurde Löns am 29. August 1866 als Sohn eines Gymnasiallehrers in Kulm (ehemals Westpreußen). Die Familie hatte 14 Kinder. Die Ehe der Eltern war alles andere als glücklich. Nach dem Abitur begann Löns auf Verlangen des Vaters ein Medizinstudium, war jedoch von Anfang an mehr auf dem Paukboden der schlagenden Verbindung „Cimbria“ und in Kneipen als im Hörsaal zu finden. Er brach das Studium ab und verdingte sich als (Aushilfs-) Journalist. In den meisten Redaktionen wurde er bald wieder vor die Tür gesetzt. Bevor Löns nach Bückeburg kam, hatte er sich eine Zeit lang beim „Hannoverschen Tageblatt“ betätigt. Er war in zweiter Ehe verheiratet. Seine Frau Lisa und er hatten einen behinderten Sohn.

Beigetragen zur Popularität hat sein rätselhaftes, von Todesahnung und -sehnsucht begleitetes Sterben. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, Löns habe sich den Kugeln bei einem Stoßtruppunternehmen während der Marne-Schlacht im ersten Weltkrieg gezielt ausgesetzt.

Der mittlerweile 48-Jährige hatte sich sofort nach Kriegsbeginn als Freiwilliger gemeldet. Den Vorschlag, als Kriegsberichterstatter zu arbeiten, lehnte er ab. "Schlafen, schlafen und nie wieder aufwachen", hatte er bereits 1911 an seinen Verleger geschrieben. Und wenige Wochen vor seinem Tode notierte er den Satz: "Mensch, das Leben ist so schön jetzt, dass es sich lohnt, zu sterben." Vor 95 Jahren, am 26. September 1914, starb Hermann Löns im Kugelhagel des Ersten Weltkrieges. rc, gp

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