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„Sarah“ am Berliner Ensemble: Abgewrackt und lebensklug

Alles muss raus: Marc Oliver Schulze in „Sarah“ von Scott McClanahan.

Alkoholismus, zynische Abtreibungsärzte, eine toxische Trennung, Trauer, Trauma, lustig. Lustig? Wenn der US-Amerikaner Scott McClanahan halbautobiografisch über sein Leben, sein Leiden und sein Lieben schreibt, schon. Und wenn in der nun am Berliner Ensemble uraufgeführten Theaterfassung Marc Oliver Schulze dieses lebensüberfordert-liebenswürdige Durchschnittswrack Scott spielt, dann ist das komisch, klug und emotional zugleich.

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„Ich war der beste betrunkene Autofahrer der Welt“, so geht das Stück los. Gut, sein Freund Chris ist ein noch etwas erfolgreicherer betrunkener Autofahrer, weil er es schafft, unsichtbar zu bleiben. Aber Scott folgt diesem Männerding, diesem ewiglich Vergleichenden, besser, cooler, stärker zu sein. Mit Dosenbier. Aber alkoholisiert Auto zu fahren ist ja weder lustig noch eine Heldentat noch etwas, womit man sich rühmen und feiern lassen sollte. Schon gar nicht, wenn man schon so hacke ist, dass man vergisst, dass die eigenen Kinder auf der Rückbank sitzen. Doch das Moralin lassen sowohl Autor Scott McClanahan als auch Schauspieler Marc Oliver Schulze glücklicherweise mal schön im Schrank stehen. Ist halt so, so ist er halt, der Scott. Und das Leben auch. Das ist ja das Problem.

Hähnchenschenkel mit Weltherrschaftsattitüde

Denn Sarah, seine Liebe, seit Scott 19 Jahre alt ist, findet das nicht mehr lustig, das Trinken nicht, das tägliche Chicken-Wings-Gemampfe nicht, die Pornos auf seinem Computer nicht – und so trennt sie sich von ihm. Die Folge sind Panikattacken, Trotz, Trauer, Absturz, Leiden. Scott erinnert sich im Wechsel an schöne Zeiten, an lustige Anekdoten, an das, was „wir früher einmal waren“ – und landet nach diesen Tagträumen immer wieder in der harten Realität, wo Scott seine Trennungstrauer auf dem Walmart-Parkplatz mit seiner Dosenpilsfamilie und Hähnchenschenkeln mit Weltherrschaftsattitüde planieren will. Oder sie endlich seiner Mutter beichtet.

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Flasche voll, Kühlschrank leer: Marc Oliver Schulze in „Sarah“ von Scott McClanahan.

Flasche voll, Kühlschrank leer: Marc Oliver Schulze in „Sarah“ von Scott McClanahan.

Übersetzer Clemens J. Setz hat punkige Sprache ins Deutsche gerettet

BE-Ensemble-Mitglied Marc Oliver Schulze gelingt es in seinem Einmannstück über ein Stück Mann, all diese Situationen lebendig werden zu lassen. Er holt mit seinem Spiel auch die Personen auf die Bühne, die nur Teil des Textes sind. Selbst der blinde Mops ist so gegenwärtig, dass man ihn sogleich ins Herz schließt. Das alte Sabbervieh. Die Inszenierung von BE-Intendant Oliver Resse lässt dem Zuschauer jederzeit genug Raum für eigene Gedanken und Fantasien. Der frisch gekürte Büchner-Preisträger Clemens Setz hat in seiner Übersetzung den rotzig poetischen Sound des Originals ins Deutsche gerettet. „Wir parkten vor dem Haus und Opa wartete schon auf uns. ‚Opa, Opa‘, riefen die Kinder. Ihr kleinen Arschkriecher.“

Und so bleibt am Ende die Erkenntnis, dass die traurigsten, abgewracktesten und abgefucktesten Menschen oft auch die lebensklügsten sind. Wussten wir zwar schon. Aber Scott McClanahan und Marc Oliver Schulze erinnern uns an diesem unterhaltsamen Theaterabend mal wieder daran. Darauf ein Dosenbier!

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Weitere Vorstellungen am Berliner Ensemble am 24., 25. August sowie am 4. und 5. September.

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