Schockierender Thriller: „Der Wille zum Bösen“

Ein verlässlicher Lieferant nackten Grauens: In den USA gilt Dan Chaon schon länger als Autor, der sich darauf versteht, das Fürchten zu lehren.

Ein verlässlicher Lieferant nackten Grauens: In den USA gilt Dan Chaon schon länger als Autor, der sich darauf versteht, das Fürchten zu lehren.

Hannover. „Unglücklicherweise gibt es keinen Zweifel an der Tatsache, dass der Mensch im Ganzen genommen weniger gut ist, als er sich einbildet zu sein“, zitiert der amerikanische Schriftsteller Dan Chaon Carl Gustav Jung, den Begründer der analytischen Psychologie.

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Auch in Chaons neuem Thriller „Der Wille zum Bösen“ glauben die meisten Figuren gut zu sein und recht zu haben mit ihrer Sicht der Dinge. Wie fast alle Menschen aber fallen sie der Konfabulation anheim, erliegen der Neigung, eine Geschichte vor sich selbst schlüssig zu machen, und sogar nie Erlebtes als Erinnerung mit einzubeziehen. Die Wirklichkeit, so ist das faszinierende und furchterregende Ergebnis dieser Lektüre, gibt es immer nur in fiktionalisierten Versionen. Sie ist ein – zum Teil unbewusst erstelltes - Konstrukt, das von außen manipuliert werden kann.

Ein Mann am Ende aller Sicherheiten

Ein Abgrund blickt in einen Abgrund blickt in einen Abgrund. Der 41-jährige Psychologe und Familienvater Dustin Tillman steht am Ende seines Familienlebens. Seine geliebte Ehefrau Jill stirbt kläglich an Krebs, sein Sohn Dennis flüchtet ins Studium in die Stadt, der jüngere heroinsüchtige Aaron geht ihm zu Hause aus dem Weg.

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Kurz davor hat Dustin die Nachricht erreicht, dass sein Adoptivbruder Russell aus dem Gefängnis freigelassen wurde, in das ihn drei Jahrzehnte davor eine Aussage Dustins und seiner Cousine Katherine gebracht hatte. Rusty, der sich als Teenager zu satanischen Ritualen bekannte, hat damals Dustins Eltern, Onkel und Tante umgebracht. Das weiß Dustin. Eine DNA-Analyse aber hat nun definitiv Rustys Unschuld erwiesen.

Treffen sich zwei Mordgeschichten

Ein ehemaliger Polizist und Patient namens Aqil Ozorowski, der mit einer irren Recherche bei ihm aufkreuzt, verschafft Dustin Ablenkung von der vermeintlichen Bedrohung durch Rusty. Immer wieder verschwinden in der Gegend alkoholisierte Jugendliche – am 1. Januar, 2. Februar, 3. März undsoweiter – und tauchen ertrunken in Flußläufen wieder auf.

Anfangs bereitet es Dustin noch Vergnügen, den Cop zu bezweifeln, ihm Konfabulationen nachzuweisen, seine Schlussfolgerungen zu widerlegen. Dann aber zieht ihn der Fall immer mehr an und als schließlich ein Freund Aarons verschwindet, fühlt Dustin sich mählich gut als Jäger an der Seite eines Jägers.

In beiden Mordgeschichten, die sich hier treffen, gibt es den bösen Manipulator, der über den Konfabulatoren steht, kalt seine Fäden zieht, bewusst täuscht, den Willen zum Bösen hat und Unheil anstiftet. An einer Stelle erklärt der gesuchte Serienmörder dem nichts ahnenden Dustin sogar exakt, wie er seine Morde ausführt. Da ahnt dieser gutgläubige Seelendoktor, der wiederum in den Augen anderer längst zu einem Ungeheuer geworden ist, noch nicht, dass er unterwegs ist in das schwärzeste Schwarz, das Herz der Finsternis.

Dan Chaon flicht Autobiografisches ein

Jeder lebt für sich allein. Jeder Vertraute kann dem anderen so fremd werden, dass er ihm alles zutraut. Es ist die Einsamkeit all dieser labilen, entwurzelten Charaktere, die der tiefere Horror hinter dem Horror dieses Romans ist. Es ist die Blindheit all dieser Figuren für die Wirklichkeit, die den Leser erschüttert (und ihn dabei durchaus zu unangenehmen Selbstbefragungen verleiten kann). Man fühlt, wie Chaons schwarzes Universum klirrt wie eine Kiste loser Eiszapfen. Selbst auf dem Highway vorbeidonnernde Sattelschlepper tragen hier Feindseligkeit in sich.

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Chaon flicht Autobiografisches ein. Er hat 2008 selbst seine Frau verloren, die Schriftstellerin Stella Schwartz, und wie er Dustins Erleben eines Sterbens an Krebs beschreibt, ist zärtlich und brutal zugleich. Chaon war zudem selbst ein adoptiertes Kind, geprüft mit der Last der unbekannten Herkunft und man kann nur ahnen, wie viel von ihm in der Figur des Rusty steckt.

Am Ende starren alle Abgründe blitzartig zurück

Das Vorgehen des Autors ist absichtsvoll chaotisch, ein Thriller als Collage. Chaon springt 30 Jahre vor und zurück, wechselt die Perspektiven, splittet Seiten in zwei bis drei Parallelerzählungen, lässt eine Weile splitterkleine Kapitel prasseln um sich zwischendurch in längeren Erzählströmen zu ergehen, arbeitet mit SMS und schließt mit einem bitterbösen Emoji, der das wahrhaft schockierende Ende abrundet. Ein derart verstörendes Buch hat Stephen King seit dem „Friedhof der Kuscheltiere“ nicht mehr geschrieben, es spielt in einer Liga mit Thomas Harris’ „Das Schweigen der Lämmer“ oder Dennis Lehanes „Shutter Island“.

„Erinnerungen waren nicht verlässlicher als Träume“, befindet Dustins Cousine Waverna, die sich nach Rustys Verurteilung von der Familie abgesetzt hat. Das nehmen wir mit aus diesem Buch. Edgar Allan Poes nebelhafte Worte, wonach alles was wir sind und scheinen nur ein Traum in einem Traum ist. Am Ende starren hier alle Abgründe blitzartig zurück und ganz schnell klappt man das Buch zu, als könnte es einen sonst beißen.

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Von Matthias Halbig / RND

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