„Sehr oft fühle ich mich nicht als Künstler"

„Ich traue mich am Ende immer in den Ring zu steigen, aber ich will nie von Beginn an wissen, wie der Kampf ausgeht“. Der Schauspieler Dominique Horwitz (60) mag keine Routine.

„Ich traue mich am Ende immer in den Ring zu steigen, aber ich will nie von Beginn an wissen, wie der Kampf ausgeht“. Der Schauspieler Dominique Horwitz (60) mag keine Routine.

Weimar. Alles ist so üppig grün an diesem ersten richtig warmen Vorsommertag im Mai, dass das Haus von Dominique Horwitz darin fast verschwimmt. Bäume, Ranken, Treibhäuser, Blumenwiese (die hätte längst gemäht werden sollen, ist aber viel schöner so). Auf der Terrasse Begrüssungsgewimmel. Melli, die freundliche alte Pudelhündin, die sich auch von Gästen streicheln lässt, Lülü, die scheue Afghanendame, die den Kopf vornehm neigt wie eine Gräfin und Holmes, der Wolfshund, der wachsam alles im Auge behält, vor allem den Besucher. Dazu zwei Katzen – der stille Bismarck und die mit Vorliebe biestige Lilly. „Wenn die ins Haus kommt“, erzählt Horwitz, „dann sieht die immer aus als wollte sie sagen ,Scheiße, was ist hier schon wieder los?‘“

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Hier auf dem Dorf vor den Toren Weimars lebt der Schauspieler mit Ehefrau Anna, und Tochter Marlene, dem jüngsten seiner vier Kinder. Eine wonnige Welt, hier ist Horwitz kreativ, hier hat er auch sein neuestes Projekt ersonnen, einen Musik-Literaturabend über „Eduards Traum“, eine Art fantastische Novelle des Comic-Urvaters Wilhelm Busch Von überall tschilpt und zwitschert es, in der Nachbarschaft kräht alle paar Minuten ein Gockel und im Koiteich am Rande seiner Terrasse bequakt ein Frosch den späten Sommerbeginn. „Eine Kröte“, klärt Horwitz auf, „Die strapaziert mich seit zwei Tagen. Wobei das gar nicht schlimm ist. Aber dann fangen die das Laichen an. Und dann hat man ein Orchester.“

Herr Horwitz, was hat Sie an dem Wilhelm-Busch-Text „Eduards Traum“ gereizt? Da wird ein Mann im Schlaf zum Punkt und reist im Traum durch völlig surreale Lande?

Erst einmal war ich fassungslos. Als ich das das erste Mal las, dachte ich, das ist Wilhelm Busch auf LSD. Ich kann mich nicht gar nicht erinnern, dass ich etwas ähnlich Abgefahrenes schon einmal aus dieser Zeit gelesen hatte.

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Hatten Sie zuvor denn einen Bezug zu Busch?

Ganz wenig, ich bin ja in Frankreich großgeworden. Da war Busch nicht in meinem Kulturkreis.

Busch liebte diesen Text von 1891, der beim Publikum schlecht ankam und tat seine Ur-Comics „Max und Moritz“ oder „Plisch und Plum“ als „Schosen“ ab. Er litt, weil er nicht als ernsthafter Maler reüissieren konnte. Dann verstummte er bald ganz. Interessiert sie die Tragik hinter dem Werk?

Schon. Aber ich halte ja keinen Kurs über Wilhelm Busch. Als Künstler muss man zuweilen auch Scheuklappen anlegen. Also … Kunst lebt aus sich heraus.

Den Text kennt kaum jemand. Lieben Sie Unentdecktes und Halbvergessenes?

Naja, da ist doch nichts Verkehrtes dran, wenn die Leute zu einer Veranstaltung von mir kommen und nicht mit Sicherheit wissen, was es sein wird. Mich interessiert das Unbekannte, das Risiko einzugehen, das Überraschen – auch mich selbst zu überraschen. Die Idee, der Spleen, der mich da mit „Eduards Traum“ seit Jahren begleitete, diesen Text mit Musik zu koppeln – ich wusste gar nicht ob das funktioniert. Also geht man das Wagnis ein, findet den Partner, den Schlagzeuger Alexej Gerasssimez, findet den Veranstalter, der sagt: „We go for it!“. Und jetzt wissen wir: Es funktioniert sogar glänzend. Und wir sind glücklich.

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Das Publikum vertraut bei Ihnen auf das Besondere. Wenn Sie einen Märchenabend proben wie jüngst, wählen Sie den radikaleren Erzähler Musäus, nicht die allseits bekannten Grimms.

Beim deutschen Märchen haben wir allerdings weit übers Ziel geschossen. Und da mussten wir die Reissleine ziehen. Wir hatten uns viel vorgenommen, wir wurden sehr politisch, das war so ein Zwischenbereich zwischen Märchen, Kabarett, Revue. Da war plötzlich viel Kabarett sowohl im Sinn von Comedy als auch von politischem Kabarett. Und die Märchenebene ist uns dabei abhanden gekommen.

Der Ausgangspunkt war weg.

Ja. Und in die Situation möchte ich nicht kommen, dass das Publikum etwas Besonderes erwartet, ich aber nicht mehr das Genre bediene, weswegen die Leute die Karte kaufen. Es muss außergewöhnlich sein, ein spezieller, anderer, vielleicht persönlicher Angang. Aber es muss auch das sein, wofür die Leute die Karte bezahlen.

War die Reissleine schwer, weil ja auch Ihre Tochter Miriam involviert war?

Da gibt es keine Emotionalität. Meine Arbeit ist keine Arbeit, meine Arbeit ist mein Leben. Und das geht vor. Es gibt bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die gilt es einzuhalten, sonst kann man diesen Beruf nicht ausüben.

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Musik ist bei Ihren Projekten sehr oft wichtig.

Meist werden bei Literaturabenden Text und Musik getrennt. Aber das hat mich nie interessiert. Die Verbindung ist wichtig, die Verschmelzung, das Vermischen ergibt ein neues Werk. Lässt man die Musik über den Text laufen, dann ist das eine neue Gattung – und die heißt Melodram. Kunst heißt, es so zu gestalten, dass beides sich bedingt. Dass niemand sagen kann: Möge er doch nur die Klappe halten, damit ich die Musik genießen kann. Oder was nervt mich die Musik, ich kann mich auf den Inhalt gar nicht konzentrieren.

„Bei Brel müssen sie schon die Hosen runterlassen“: Dominique Horwitz steht seit 33 Jahren mit den intensiven Liedern des belgischen Chansonniers Jacques Brel auf der Bühne.

„Bei Brel müssen sie schon die Hosen runterlassen“: Dominique Horwitz steht seit 33 Jahren mit den intensiven Liedern des belgischen Chansonniers Jacques Brel auf der Bühne.

Man kennt Sie seit Jahrzehnten als Jacques-Brel-Interpret. Wollten Sie damals, als Sie 1984 damit begannen, die Deutschen mit dem hierzulande fast unbekannten Chansonnier vertraut machen?

Überhaupt nicht. Völlig falsche Einschätzung (lacht) des Horwitz, der sich Gedanken über seine Karriere oder über große Kunstzusammenhänge macht. Ich greife Sachen auf, die mir der Zufall darbietet. Ich lebe diesen Begriff „Schauspiel“. Mein ganzes Leben ist ein großes Spiel, oft sehr anstrengend und ernsthaft – ohne Zweifel. Aber wo darf man sitzen und denken: Ich will „Eduards Traum“ mit einem Schlagwerker machen? Und dann macht man das. Dann spinnt man herum mit dem betreffenden Musiker und dann ist man erfüllt, beseelt, beglückt. Und so war das auch mit Brel. Das war ein Zufallsprodukt. Ich musste irgendetwas singen bei einem Theaterfest, also hab ich vier Lieder Brel gesungen. Das kam so gut an, dass das Haus mir anbot, einen gesamten Abend zu machen. Dann war es mehr als ganz gut, ziemlich gut sogar. Aber dann gings weiter, ich musste mich um meinen Schauspielweg kümmern, ich zog weg, dann waren keine Musiker mehr da, dann wurde meine erste Tochter geboren. Und ich ließ Brel zurück. Ich war nicht auf der Suche nach der Lücke, aus der ich heraus schillern darf.

Und doch ist Brel immer wieder zu Ihnen zurückgekehrt. Bis heute stehen Sie mit seinen Liedern auf der Bühne. 33 Jahre schon.

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Sie haben Recht. Ersteht ja für das, für was ich lebe. Er steht für die Verbindung von Leben und Theater.

Sie sagten mal: „Brel singen ist wie Boxen in der Schwergewichtsklasse“.

Ja, denn wenn ein Boxer in den Ring steigt, sieht er in der ersten Runde seinen Gegner und weiß, wie der tickt. Sie können sich im Ring nicht verstellen. In der Kunst dagegen ist die Verstellung ein bedeutender Aspekt, man kann sich hinter ihr verstecken und erfolgreich sein. Bei Brel aber gibt es kein Verstecken, da müssen Sie schon die Hosen runterlassen.

Brel liebte Intensität. Er hörte zu singen auf, als er merkte, alles wird Routine. Wäre das bei Ihnen ähnlich?

Naja, wenn man mal auf der Bühne stand, weiß man, was einem das abfordert. Man muss dann wissen, dass Brel über Jahre hinweg 300 Konzerte pro Jahr gab. Auch war sein Repertoire begrenzt, selbst wenn er viele Chansons geschrieben hat. Das ist wie bei einem Sternekoch, wenn der über Jahre tagtäglich das Gleiche kochen müsste. Brel hat das zwar anders ausgedrückt, aber ich glaube, er hatte einfach keine Lust mehr. Wenn man im Jahr 300 Mal vor Publikum „Ne me quitte pas“ („Verlass mich nicht“) singt – dann kann man es nur noch runterträllern. So etwas tun zu müssen, wäre das Schlimmste für mich. Grauenvoll. Das wäre die Hölle.

Wie hält man da gegen?

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Ich bin auch mit Brel auf Tour, aber mehr als zwei Wochen bin ich da nicht unterwegs. So bewahrt man sich die Lust und Leidenschaft.

Sie waren als Jugendlicher Led-Zeppelin-Fan. Stand es je für sie an, hauptberuflich ins Pop- oder Rockfach zu wechseln – zu Westernhagen oder Grönemeyer? Sie hätten da einen Sound aus Rock und Chanson erschaffen können.

Nein, denn ich bin sowohl als Schauspieler und Sänger Interpret, ich bin kein Songwriter. Mein Weg, ist es, die Momente zu erhaschen, wo aus der Interpretation Kunst wird, was einem zuweilen gelingt. Ich habe ganz große Demut, wenn ich mich mit dem Begriff Kunst auseinandersetze. Mein Streben ist es, so oft es mir gelingt, Künstler sein zu dürfen. Als Interpret ist man oft weit davon entfernt, weil der Rahmen dafür nicht taugt. Sehr sehr oft fühle ich mich also nicht als Künstler. Und ab und zu doch. Das sind dann die großen Glücksmomente.

Ich dachte, dieses Kunstgefühl wäre Ihr steter Begleiter.

Gewiss, ich strotze vor Selbstbewusstsein und empfinde Bescheidenheit nicht als Tugend. Wenn ich das Gefühl habe, mir ist was gelungen, dann flippe ich aus. Ich bin aber auch der erste, der einräumt: Es ist grottig, abgründig schlecht, wie ich dieses oder jenes gemacht habe. Auch wenn man eitel ist muss man wissen, wenn man nur mit seinem Handwerk gedient hat, zwar soviel Persönlichkeit wie möglich eingebracht hat, aber – Kunst ist was anderes. Kunst ist … Rachmaninow.

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Ein Beispiel?

Wir betreten nicht die Ebene des Versagens. Aber selbst eine herausragende Lesung wird immer mehr Handwerk sein als Kunst. Da kann man Otto Sander sein oder Christian Brückner – es bleibt Handwerk. Der Gegenstand entscheidet über den Freiraum für Kunst. Bei einem Theaterstück ist der Gestaltungsfreiraum immens.

Bei einem Rockkonzert wäre er klein?

Nicht unbedingt. Ich kann Lieder verwandeln. Bei meinem Abend „Me and the Devil“ etwa kombiniere ich die Oper „Der Freischütz“ mit Tom Waits und heraus kommt etwas Neues. Die Formation ist eine Rockband mit drei Bläsern, da können Sie sich vorstellen, wie der Freischütz (lacht) sich freischießt!

Aber das Leben als hauptberuflicher Sänger wäre Ihnen zu eng?

Gut, leicht gesagt, weil mir dieses Talent ja auch fehlt. Aber Sie können sich gar nicht vorstellen, wie glücklich ich über mein Leben bin und mich nicht für eine Richtung entscheiden muss. Ich sitze hier auf meiner Terrasse und erspinne mir mein Leben zurecht. Ich habe keinen Produktionsdruck. Mein zweiter Roman liegt in den letzten Zügen. Eigentlich sollte er schon zur Frankfurter Buchmesse fertig werden. Für einen Autor wäre das der Super-Gau. Für mich ist er einfach nur verschoben – so what? Dann kommt er eben ein halbes Jahr später zur Leipziger Buchmesse heraus. Mein Verleger sieht das mit Gelassenheit. Ich wechsle immer die Felder, das ist mein Leben, das ist aufregend.

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„Ich wechsle immer die Felder, das ist mein Leben“: Routine wäre Dominique Horwitz die „Hölle auf Erden“. Aber für eine Rolle als „Tatort“-Kommissar wäre er zu haben.

„Ich wechsle immer die Felder, das ist mein Leben“: Routine wäre Dominique Horwitz die „Hölle auf Erden“. Aber für eine Rolle als „Tatort“-Kommissar wäre er zu haben.

Wenn Kinder den Weg des Vaters einschlagen wie Ihre Tochter Miriam – freut man sich da?

Das ist mir wurst, ist mir egal im Sinne von egal, „gleich gültig. Mir ist alles gleich recht was meine Kinder machen. Ich kann nur für mich reden. Für mich ist das, was ich tue, ein reiner Segen. Für andere kann es der reine Horror sein – auch so zu leben wie ich, so viel unterwegs zu sein.

Als Sie Miriams Begeisterung für Ihren Beruf bemerkte, haben Sie sie nicht beflügelt, sie in die Richtung geschubst?

Überhaupt nicht. Das finde ich eine ganz große Vermessenheit. Das scheint jetzt leicht gesagt für einen Vater, der beruflich oft durch Abwesenheit geglänzt hat. Aber ich war immer präsent für meine Kinder, habe sie auch miterzogen. Ich habe sie aber auch laufen lassen. Und so ist mir alles, was meine Kinder machen, „gleich gültig“. Ich drücke Ihnen die Daumen, sie sollen sich alleine über ihre Erfolge freuen und alleine stolz sein. Und auch alleine leiden wenn es nicht funktioniert. So ist das Erwachsenenleben. Stolz für meine Kinder zu empfinden ist etwas, das ich überhaupt nicht zulasse. Bei dem einen läuft es gut, bei dem anderen schlecht, weil er auf der Suche ist oder halt einfach versagt auf einem bestimmten Weg. Muss ich mich dann entsprechend schämen? Oder so tun als ob? Gar nicht, alles ist richtig, auch das Versagen ist zu einem bestimmten Zeitpunkt immens wichtig. Man kann also nur entweder glücklich sein für seine Kinder oder traurig sein für sie.

Umgekehrt: Geben Sie Warnungen? Schauspieler ist ja ein Beruf, der im Alter den meisten Erinnerungen und Armut verspricht.

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Ich bin, glaube ich, ein sehr guter und auch sehr oft in Anspruch genommener Berater meiner Kinder. Weil sie wissen, dass alles für mich wirklich - ich strapaziere diesen Begriff – gleich gültig ist. Sie fragen mich, ich sage meine Meinung. Und mein Schlüssel zur guten Kommunikation ist: Ich frage nie nach. Nie. Wie die sich entschieden haben? Der Berater muss doch auch nicht noch im Nachgang der Richter darüber sein, ob das alles gut gelaufen ist. Der Berater berät. Und das mögen meine Kinder. Sie benutzen mich zum Nachdenken und ich sage wirklich meine Meinung - aus der Kenntnis ihrer Persönlichkeit oder aus meinen Erfahrungen heraus. Letztlich wissen sie, dass sie selbst gestalten müssen.

Liebeserklärungen geben Sie auch. Ihr erster Roman „Tod in Weimar“ scheint – neben einer Kriminalkomödie - ein großes „Ich liebe dich“ an Ihre Frau zu sein.

Auf jeden Fall. Die größte Begegnung meines Lebens war die mit meiner Frau, als ich an einem Drehtag zu „Verrückt nach Paris“ ihr Restaurant, das „anno 1900“, betrat.

Weimar hat Sie schwer erwischt?

Das könnte man so sagen. Das ist so. Wäre man woanders hingegangen an jenem Abend, wäre all das (er blickt um sich) vielleicht nie passiert. Unglaublich.

Wie lange trugen Sie sich schon mit dem Plan zu schreiben?

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Ganz, ganz, ganz lange. Ich habe es nie begriffen, wie man Weimar links liegen lassen kann. Diese Stadt ist ein nicht versiegender Brunnen, das geistige Zentrum des Landes – aber außer Touristik hat man damit nichts am Hut. Für mich nach wie vor unbegreiflich. Der Weimarer „Tatort“ ist eine schöne Sache, weil er die Stadt wieder ins Bewusstsein bringt, und klar macht, dass hier und heute auch noch ein paar echte Menschen dort leben. Mir ist das aber viel zu wenig. Ich wusste, ich muss was mit Weimar machen. Und die Hauptfigur des Romans – das war mir sofort klar, das muss ein Kutscher sein, weil der die Stadt repräsentiert, die vom Gestern lebt. Natürlich versucht er im Heute sein kompliziertes und finanziell nicht zu wuppendes Leben zu gestalten, zu überleben. Darf ich Ihnen übrigens eine Zigarre anbieten?

Danke. Darin habe ich überhaupt keine Übung.

(schmölkt, lehnt sich genießerisch zurück) Ich rauche Zigarren seit 45 Jahren (lacht). Mit 14 habe ich meine erste gehabt, mein Vater war Zigarrenraucher. Das war noch in Frankreich. Ein paar Monate später sind wir nach Deutschland gezogen.

„Diese Stadt ist auch eine Schillerstadt.“ Was Dominique Horwitz umtreibt ist, dass der Kulturtourismus fast nur auf Goethe setzt. Für das Doppel-Denkmal wurde der körperlich kleinere Goethe auf Schiller-Maß gebracht.

„Diese Stadt ist auch eine Schillerstadt.“ Was Dominique Horwitz umtreibt ist, dass der Kulturtourismus fast nur auf Goethe setzt. Für das Doppel-Denkmal wurde der körperlich kleinere Goethe auf Schiller-Maß gebracht.

Goethe kommt schlecht weg in Ihrem Buch. Er wurde für das Doppeldenkmal auf eine falsche Höhe gebracht, um neben dem größeren Schiller zu bestehen, eine Büste dient als Wurfgeschoss, woraufhin die Goethe-Nase abbricht, der Mörder zitiert immer Schiller, wenn er glaubt, Goethe zu zitieren. Mögen Sie den Dichterfürsten nicht?

Das ist weniger, dass ich mich jetzt gegen Goethe stemme. Ich stänkere nur einfach gern. Wäre ich der König von Weimar, ich würde auf alle Karten setzen, wo nicht Goethe draufsteht. Goethe ist sowieso Weimar, ist doch klar, ist allen klar. Ich darf nicht auf das setzen, was ohnehin da ist. Das ist pure Einfallslosigkeit. Mich nervt das. Diese Stadt ist auch eine Schillerstadt, DIE Schillerstadt – und nicht Mannheim. Sorry. Die habens nicht verstanden. Werden es auch nicht verstehen.

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Neigen Sie mehr zu Schiller, weil er gegen das Biedere stand, ein Rebell, Stürmer und Dränger war, zeitweise inhaftiert für seine Kunst?

Auf jeden Fall ist er die aufregendere Persönlichkeit. Aber das ist keine künstlerische Entscheidung. Es ist gegen mein Verständnis vom Leben, dass man nur auf eine Karte setzt und dann auf die offensichtliche. Das ist was für Bequeme, für Faule. Wir haben hier in Weimar auch die zweitälteste Literaturgesellschaft der Welt, die Shakespeare-Gesellschaft. Das ist auch eine Shakespeare-Stadt.

Horwitz steht plötzlich auf, mustert den Teichrand, schnappt sich einen Käscher und – Triumph! Ein kurzes Zucken der Hand nur und Kröte Quakhans ist im Käscher. „Geil! Geil! Geil! Geil!“ ruft Horwitz und tanzt über die Veranda. Während das Amphibium im Netz den Eindruck zu erwecken versucht, sie sei aus Holz oder Stein, freut sich sein Fänger über sein Petriheil: „Ich liebe das Leben!“. Kurzer Spaziergang runter zum Bach, wo sich die Kröte schleunigst davonmacht. Horwitz weist auf einen Feldweg: „Von hier aus kann man eigentlich die Gedenkstätte Buchenwald sehen.“ Heute nicht. Zuviel Grün ist im Weg.

Liest man Ihren Roman, könnte man meinen, das Konzentrationslager Buchenwald stünde im Schatten der Weimarer Klassik, die Touristen würden das NS-Unheil meiden.

Nein, überhaupt nicht. Es gibt nur unterschiedliche Tourismusformen. Das eine ist der Vergangenheitsaufbereitungstourismus – eine sehr gut besuchte, sehr erfolgreiche Gedenkstätte. Auf der andere Seite kann der Besucher sagen, ich will nur das Schöne, die Kultur. Was ich okay finde. Ich finde überhaupt nicht, dass – wenn man nach Weimar kommt, Buchenwald angucken muss.

Ihr Alter Ego, der Kutscher Kaminski, wirft aber zwei Touris aus der Kutsche, die nicht nach Buchenwald wollen.

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Diese zwei Paare in der Kutsche sind insgesamt einfach nur nervig. Es gibt ja diesen deutschen Kulturtourismus, der einfach nur dazu dient, dem Menschen das Gefühl zu geben, wie gebildet er schon ist. Und wie wenig er eigentlich noch zu lernen braucht. Solche Menschen sind das in der Kutsche, nicht die neugierigen Touristen. Deswegen habe ich ihnen eins reingewürgt. Aber ich habe damit überhaupt kein Problem, wenn jemand nicht zur Gedenkstätte möchte. Es ist zwar grauenvoll, aber der Umgang damit muss kein heiliger sein.

„Der Umgang muss kein heiliger sein“. Von Dominique Horwitz‘ Dorf aus kann man die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald sehen.

„Der Umgang muss kein heiliger sein“. Von Dominique Horwitz‘ Dorf aus kann man die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald sehen.

Ihr Held wird von Neonazis bedroht. Bis sie ins Licht treten, erscheinen sie als Gefahr im Dunkel. Dann sind sie nur noch lächerlich – jämmerliche Hakenkreuzbuben mit Rechtschreibschwäche.

Ich wollte ihnen in meinem Roman nicht den Raum geben, den sie in der Wirklichkeit haben. Ja, das hat mit Weglachen zu tun. Das Buch sollte keineswegs eine Aufarbeitung unserer Vergangenheit sein. Und so wollte ich darin auch keine Auseinandersetzung mit der NPD und Pegida. Das ernsthafte Problem von rechts gibt es natürlich leider auch hier in Weimar.

Sind Sie denn erschüttert, was ein AfD-Mann wie Björn Höcke so alles sagen darf bis zur 180-Grad-Kehrtwende in der Erinnerungspolitik, ohne dass daraufhin irgendetwas passiert, ja ohne dass die Partei von weniger Leuten gewählt würde? Hat sich etwas geändert in der Republik?

Also ich glaube, es hat sich schon was geändert, es geht den Leuten schlechter. Der Wohlstand, den wir haben, ist verglichen mit anderen Ländern immer noch hoch, aber es bleibt weniger übrig als vor zwei Jahrzehnten. Das erscheint manchem beängstigend. Noch vor 25 Jahren war die Welt in Ordnung, jeder hat gut verdient, keiner hatte große Existenzängste, also befanden sich alle mehr oder minder im bürgerlichen Lager. Jetzt gibt es viele Frustrierte und jetzt kommt des Menschen Spezialität zum Tragen, nämlich für die eigenen Versäumnisse andere zum Sündenbock zu machen. Früher waren es die Juden, dann waren es die Türken, jetzt sind es die Asylanten, die Lügenpresse. Und die demokratischen Politiker würde man am liebsten gleich aufhängen. Damit kommen auch die Proleten raus, nicht die im Sinn von Brecht, Weill und Dessau, sondern die miesen. Die AfD wäre ohne dieses ungebildete Pack nichts.

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Was einem Schamesröte ins Gesicht treibt.

Aber besser man sieht und hört sie, als dass alles im Dunkeln stattfindet. Ich will auch keinen Dialog mit solchen Leuten. Das ist unterirdisch, wie schnell die Jugend hier verblödet, weil sie einfach nichts will vom Leben. Und ich bin heilfroh über die ganzen Asylanten, die wollen was. Haben sie keine Ausbildung, machen sie eben eine. Bringen ihre Kraft ein, bringen ihr Wollen.

Wird diese Agressivität von rechts wieder weniger werden?

Ich glaube, dass es rückläufig werden wird, aber es wird immer vorhanden bleiben. Denn wenn da einer aus Afghanistan kommt und macht seinen Job auch noch gut, dann tritt aus dem deutschen Genom sofort der Neid hervor. Zuerst ärgert man sich oder hasst sogar, weil die auftauchen und uns was kosten. Wenn die aber auch noch erfolgreich sind, wird es ganz bitter. Und sie werden erfolgreich sein.

„Tod in Weimar“ war der erste Streich. Worum geht es in Ihrem zweiten Buch mit Roman Kaminski?

Ich habe mich entschieden, ein neues Genre anzugehen. Der zweite Roman wird ein echter Liebesroman.

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Kein Kommissar?

Nein, dafür zwei große Liebesgeschichten. Alles spielt wieder im Theatermilieu. Laura und Roman haben jetzt schon Probleme zu bewältigen. Man ist von Wolke 7 auf der unwirtlichen Welt gelandet.

Kaminski sortiert immer Sätze, die er in seine Memoiren einbauen könnte. Sitzen Sie schon an Ihrer Lebensbilanz?

Niemals. Wenn man Helmut Schmidt heißt oder Unfassbares erlebt hat, Auschwitz überlebt hat oder im Ghetto aufgewachsen ist, dann ja, dann kann man seine Lebenserinnerungen aufschreiben. Aber ich? Warum? Nein.

2003 haben Sie dem „Tagesspiegel“ etwas Merkwürdiges verraten. Sie fühlten den Tod bei Ihnen ganz „altägyptisch“ auf der Schulter sitzen und könnten jederzeit ohne Bedauern gehen. Damals waren Sie 46, sehen Sie das heute mit 60 auch noch so?

Geblieben ist das Dankbarkeitsgefühl für all das, was ich erleben durfte. Aber ich würde heute ungern meine Frau zurücklassen. Sie würde mir fehlen im Tod. Das ist der einzige Unterschied.

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Der Kaminski hat Sehnsucht nach Hamburg, den Landungsbrücken. Da waren Sie auch lange, eine sehr erfolgreiche Zeit, ihre „Black Rider“-Musical-Jahre. Sind Sie auch ein manchmal wehmütiger Ex-Hamburger?

Keine Sekunde. Ich habe auch durch das Leben, das ich jetzt führe, gemerkt, ich bin ein absoluter Landmensch. Ich liebe es hier zu sitzen, das ist meine Lebenszentrale. Nicht zum Ausruhen, denn das gibt es gar nicht, sondern zum Gestalten. Das findet hier auf meiner Terrasse statt.

Ist Weimar zum Zuhause geworden?

Das auf jeden Fall. Absolutes Zuhause. Heimat überhaupt nicht. Und trotzdem gibt es nichts Schöneres.

„Die größte Begegnung meines Lebens war die mit meiner Frau.“ Dominique Horwitz mit seiner Ehefrau Anna, der er am Ende eines Drehtags zu dem Film „Verrückt nach Paris“ in Weimar traf. Für ihn wars Liebe auf den ersten Blick.

„Die größte Begegnung meines Lebens war die mit meiner Frau.“ Dominique Horwitz mit seiner Ehefrau Anna, der er am Ende eines Drehtags zu dem Film „Verrückt nach Paris“ in Weimar traf. Für ihn wars Liebe auf den ersten Blick.

Sie kamen als Jugendlicher von Paris nach Berlin. Fühlte sich das fremd an? Frankreich war Lässigkeit, Deutschland hatte die Steifheit des Wirtschaftswunderlands.

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Damals war Berlin noch die Stadt des Viermächteabkommens und ich hatte das Glück, auf das Französische Gymnasium gehen zu können. Ich habe in einem französischen Umfeld weitergelebt, das war mein großes Glück. Deutschland war Anfang der Siebzigerjahre unerträglich spießig. Mich schüttelte es, so schlimm war dieses Land. Auf der anderen Seite hat dieses Spießertum eine spannende Subkultur hervorgebracht. Die war extrem aufregend, die blühte in Westberlin. Aber ich war zu jung, um mich da reinfallen zu lassen. Später aber war ich fassungslos, wie sich das Land zum Guten, Lockeren verändert hat.

Kannten Sie damals die Lebensgeschichte Ihrer Eltern? Die Tragödie zweier Menschen, die vor den Nazis flohen, sich in der Fremde kennenlernten. Ein Zufall, dem Sie ja ihr Dasein verdanken?

Darüber wurde ganz ganz wenig geredet. Das hat man ja oft, dass Menschen, die Schlimmes erlebt haben, das mit sich abhandeln und für sich behalten. Denn sie können kein Verständnis erwarten, weil kein Mensch das Unfassbare nachvollziehen kann. Mitgefühl erhält man wohl, aber niemand kann sich dieses Unrecht und diese Qual vorstellen. Dann kam bei mir hinzu, dass ich in dem Alter war, in dem man mit seinem eigenen Leben beschäftigt war. Ich pubertierte, da interessiert man sich für seine eigenen Hormone, aber nicht für das Leid seiner Eltern. Man ist irrsinnig ignorant. Das ist beschämend auf der einen Seite und doch ein Segen für die Menschheit. Nur so geht das Leben weiter.

War das ein beklemmendes Gefühl als Teenager ins Land der Mörder zu kommen?

Das war auch noch sehr zu spüren. 1971 kam ich nach Berlin, 26 Jahre nach Kriegsende und da waren eine Menge der Verbrecher noch am Leben. Für meinen Vater war es schwierig. Er war 68, als er in seine Heimatstadt zurückkam, zu alt, um noch einen eigenen Laden aufzumachen. Er hat als Obst- und Gemüseverkäufer im KaDeWe gearbeitet. Mein Vater war immer Kaufmann.

Sie haben auch im KaDeWe gearbeitet.

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Sämtliche Ferien, und da gibt es bei den Franzosen sehr viele, habe ich da gejobbt. Ich wollte immer ein Kaufmann sein. Ich finde Handel ist eine ganz aufregende Welt. Handel steht am Beginn der Menschheit – ohne Handel keine Zivilisation, ohne Handel keine Kultur.

Schauspieler haben Sie nie werden wollen, es war Zufall, eine Empfehlung Ihres Freundes, des Schauspielers Christian Berkel.

Und da merkte ich, dass ich anders ticke als die meisten. Mein Anderssein fühlte sich in dieser Welt des Schauspiels besser aufgehoben als in der normalen. Ich hätte als Kaufmann vermutlich nicht reüssiert, außer wenn ich mich selbstständig gemacht und die Regeln selber bestimmt hätte. Angestellt hätte ich nicht funktioniert, ich bin zu freiheitsliebend. Ich bin ein Freigeist. Ich mag keine mir von außen gesetzte Grenzen. Ich kann mich allerdings einfügen …

Sonst wäre keine Ensembleleistung möglich.

So ist es. Aber ich muss dahinter stehen können. Ich kann mich nicht unterwerfen, ohne die größeren Ziele mittragen zu können.

Der damalige Straßenmusiker Ulrich Tukur sah sie in einer Tübinger Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Und war anderntags ein zweites Mal begeistert vom Schauspielerberuf, als er sie auf der Freibadwiese mit vier jungen Frauen liegen sah. Er dachte: Das will ich auch. War der Schauspielberuf gut für die Hormone? War das wie im Rock’n’Roll – dass man damit die Mädels kriegen konnte?

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(lacht leise) Ich wäre froh, wenn ich das jetzt bejahen könnte. Hört sich jedenfalls gut an. Aber dem war nicht so. Mich hat an meinem Beruf immer nur das Spiel interessiert. Und ich habe mir da eine sehr kindliche Haltung bewahrt: Wenn das Spiel mir keinen Spaß macht, höre ich auf. Letztlich ist es eine große Fantasiewelt.

Sie haben mal gesagt: „Es gibt nur Rollen, die ich mir nicht zutraue“. Und „Da sei Gott vor“ sagten sie mal auf die Frage, ob sie mal selbst etwas inszenieren wollten. Inzwischen haben Sie sogar Oper inszeniert. Kommt am Ende immer das Zutrauen zu sich selbst?

Ich traue mich am Ende immer in den Ring zu steigen, aber ich will nie von Beginn an wissen, wie der Kampf ausgeht. Sehen Sie, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass man das anders machen könnte. Das wäre, wie wenn ich jetzt eine Frau kennenlernen würde, und ihr als allererstes sage: „Also wir kriegen drei Kinder, zwei davon sind Mädchen, die älteste heißt Isabelle, sie studieren alle Medizin und übrigens: Den Mülleimer trage ich nicht runter.“ So ist es auch mit der Kunst. Wenn ich weiß wo es langgeht, dann sollen es andere machen.

„Es gab keine Anfrage aus Hollywood damals“: In Joseph Vilsmaiers Antikriegsfilm „Stalingrad“ (1993) spielte Dominique Horwitz (rechts) die Hauptrolle.

„Es gab keine Anfrage aus Hollywood damals“: In Joseph Vilsmaiers Antikriegsfilm „Stalingrad“ (1993) spielte Dominique Horwitz (rechts) die Hauptrolle.

Mit Ihrer Hauptrolle im Film „Stalingrad“ hätte man 1993 erwartet, dass eine Kinokarriere ansteht. Vielleicht auch Hollywood.

Es gab keine Anfrage aus Hollywood damals. Aber ich gehöre auch nicht zu denen, die alles auf eine Karte setzen und sagen: Ich geh jetzt mal dahin. Nicht, weil es mir an Mut fehlt, sondern weil ich mit dem Klammerbeutel gepudert sein müsste und von großer Undankbarkeit erfüllt. Hier bei uns konnte und kann ich doch mitgestalten. „Eduards Traum“ ist meine Idee, meine, das beruht jetzt auf Erfahrung, so wie es damals ein Gefühl war. Deutschland war zu meinen Anfängen ein Eldorado. In jeder Stadt konnten Sie Theater spielen. Überall gab es Vakanzen, die Leute zogen herum. Heute bleibt im Theater jeder auf seiner Stelle, um nicht verloren zu gehen. Ich hatte jedenfalls immer das Gefühl, ich habe es gut. Warum sollte ich mich in Situationen begeben, wo man Sklave des Marktes ist. Für kein Geld der Welt würde ich mit Christoph Waltz tauschen.

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Tarantino. Polanski. Zwei Oscars.

Ich kenne ihn, ich schätze ihn sehr, ich habe mit ihm Theater gespielt. Wir trafen uns im Savoy, zwei Tage danach hatte er das Vorsprechen bei Tarantino, und er ist mit mir seine Textstellen auf Französisch durchgegangen. Ich mag ihn wahnsinnig, aber für kein Geld der Welt würde ich mit ihm tauschen. Was er macht ist schön, spaßig, herrlich. Und ich will jetzt nicht sagen: Hollywood – ich bitte dich! Oder: Tarantino – da sei Gott vor! Aber ich singe, spiele, inszeniere Theaterstücke, inszeniere Oper, arbeite mit kleinen Formationen, großen Orchestern. Ich wache auf und mir wird schon schwindelig vor Glücksgefühl, was ich erleben darf.

Würden Sie einen Kommissarsjob beim „Tatort“ annehmen?

Sofort. Ich hätte mit nichts ein Problem, was eine zusätzliche Facette bedeutet. Und das hieße ja nicht, dass man ab jetzt nur noch „Tatort“-Kommissar ist.

„Ich möchte mich irgendwann von innen ausfüllen“ Auch ein Zitat von 2003. Füllen Sie sich heute aus? Fühlen Sie heute, wer Sie sind? Waren Sie damals unbehaust?

Ja (lacht). Herrliche Frage. Sie haben völlig recht. Das große Thema eines jeden erfüllten Lebens ist die Suche und bleibt immer die Suche. Die fühlt sich sehr unterschiedlich an. Verglichen mit jetzt war meine Suche damals eine schmerzvollere und zuweilen auch verzweifelte. Jetzt ist es eine behaglichere und das hat natürlich sehr viel mit meiner Ehe zu tun, mit meiner geliebten Frau. Die die Welt ganz anders sieht als ich – gottlob. Die keine Künstlerin ist – gottlob. Und die immer viele Brillen für mich bereithält, und mir immer die Korrekturbrille verpasst, wenn ich auf die Welt einen nicht so entsprechenden Blick werfe.

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Was sind das für Reflektionsbrillen?

Diesen ganz primitiven Satz: „Wer weiß, wofür es gut ist“ (lacht). Wenn Ihnen einer ins Auto reinfährt. Die Polizei wird gerufen, man steht eine Dreiviertelstunde an dieser Kreuzung. Aber wäre das nicht passiert, wären sie womöglich über den Bahnübergang gefahren und ein Zug wäre gekommen. Meine Frau hat immer viele Reflektionsbrillen für mich dabei, die mir ermöglichen über mein Leben, über das was mir passiert, über meine Begegnungen und Projekte anders zu schauen, als ich das zuweilen tue.

Der „Black Rider“ Regisseur Robert Wilson hat jetzt den „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann inszeniert. Wären Sie mal wieder gern der Teufel für Wilson?

Man weiß es nie, ob es eine Wiederholung wird oder nicht? Ich habe auch kein Problem, dass ich nach „Stalingrad“ nicht mehr mit Vilsmaier gearbeitet habe. Ich habe überhaupt kein Problem, höchstens mit Sachen, die ich nicht gelöst habe. Wie „Eduards Traum“. Der hat mich verfolgt, den hatte ich seit 2008 immer im Gepäck.

„Mephisto ist im Grunde langweilig“. In Robert Wilsons Musical „Black Rider“ spielte Dominique Horwitz am Hamburger Thalia-Theater jahrelang den Teufel. Im „Faust“ würde er lieber die Titelrolle übernehmen.

„Mephisto ist im Grunde langweilig“. In Robert Wilsons Musical „Black Rider“ spielte Dominique Horwitz am Hamburger Thalia-Theater jahrelang den Teufel. Im „Faust“ würde er lieber die Titelrolle übernehmen.

Aber Ihre Revue „Me and the Devil“ lässt auf eine besondere Faszination an Beelzebub schließen. Vielleicht als Mephisto im „Faust“?

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Sehr guter Einwurf. Wenn der „Faust“ gemacht würde, und ich mir die Rolle aussuchen dürfte, würde ich den Faust selbst nehmen und nicht Mephisto. Mephisto ist auf den ersten Blick die vielversprechendere Figur, weil sie einen großen Unterhaltungswert hat. Aber im Grunde ist er langweilig. Die richtig spannende, schwere Figur, die von immenser philosophischer Tragweite, wäre der Faust. Das wäre eine Nuss die ich gerne knacken würde. Und was ich am Teufel faszinierend finde? Das ist die Auseinandersetzung damit, wofür wir unsere Seele opfern würden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mickrigkeit, mit dem Erbärmlichen in uns ,ist das Spannende an der Auseinandersetzung mit dem Teufel.

Wenn Dominique Horwitz mal ganz frei hat von Brel, Busch, Beelzebub und aller Kunst und sich dabei richtig frei fühlen will, was tut er dann?

Dann machen Sie jetzt mal Ihr Aufnahmegerät aus, und kommen Sie mit, ich zeige Ihnen meine Harley…

Der Wilhelm-Busch-Abend „Eduard’s Traum“ hat am 5. Juli bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern im Kaiserbädersaal von Heringsdorf auf Usedom Premiere.

Von Matthias Halbig / RND

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