Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow: „Einsamkeit ein ganz großes Thema unserer Zeit“

Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic.

Dirk von Lowtzow, Sänger der Band Tocotronic.

Hamburg. Ein Interview per Videoschaltung will Dirk von Lowtzow nicht geben. Er will telefonieren, teilt der Promoter mit und findet das „schön oldschool“. Wir können uns also nicht sehen während des Gesprächs. Ob der Sänger und Songschreiber von Tocotronic wohl Trainingsjacke und Cordhose trägt? So hat man ihn vor Augen. Die 1993 in Hamburg gegründete Band hat diese Kluft einst zu einer Art Indie-Uniform kultiviert. Sie kombinierte damit, wenn man in Klischees denkt, Bolzplatz und Belesenheit.

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Zwischen Fragen und Antworten meint man das Ziehen an einer Zigarette zu hören. Oder sind es von Lowtzows Seufzer? Gründe dafür gäbe es genug. Das neue, 13. Studioalbum „Nie wieder Krieg“ zählt einige auf.

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„Nie wieder Krieg, keine Verletzung mehr, nie wieder Krieg, das ist doch nicht so schwer, nie wieder Krieg, keine Verhetzung mehr, nie wieder Krieg, in dir, in uns, in mir“, singt der 50-Jährige im Titelsong. Er beschreibt darin einen Knirps, der diese Parole an Wände schreibt. Ist er dieser Junge? Sehnt er sich nach ein bisschen Ruhe in einer Welt, die immer kriegerischer, immer egoistischer wirkt? Sehnt er sich vielleicht zurück in die vermeintliche Unkompliziertheit der Kindheit? „Da ich der Songwriter der Band bin, ist es schon so, dass alle Protagonisten auch Anteile von mir und aus meinem Seelenleben in sich gespeichert haben“, sagt er.

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Viele Protagonisten kommen sich auf „Nie wieder Krieg“ verlassen und verloren vor. Über Einsamkeit zu singen oder „Vereinzelung“, wie von Lowtzow den Weg in diese Tristesse nennt, ist ein zentrales Anliegen von ihm. Schon früher war es das. „Es ist nicht schön, allein zu sein, zum Beispiel hier im Freizeitheim“, reimte er 1999 – tragisch und komisch zugleich. „Ich glaube, dass Einsamkeit ein ganz großes Thema unserer Zeit ist und auch in Zukunft noch sein wird“, sagt er. Er beobachte dies bei Menschen, die ihm im Alltag auf der Straße oder im Supermarkt begegnen, und manchmal habe er selbst das Gefühl, unglaublich einsam zu sein.

Ein skeptischer, poetischer Herr Mond

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, verkündete er 1995. Sehnten sich diese jungen Trainingsjackentypen tatsächlich danach, irgendwo dazuzugehören? Oder beklagten sie das schmerzhafte Ende von jugendlicher Unbeschwertheit?

Dieser wohl bekannteste Slogan-Song der Band, deren Ruhm auf Slogan-Songs fußt, steht wie kein zweiter für ihre Lust auf Uneindeutigkeit. „Unsere Texte sind immer mehrdeutig. Wir können es nicht anders. Sonst fänden wir es, glaube ich, auch ein bisschen langweilig.“ Man kann sich gut vorstellen, dass von Low­tzow, dieser skeptische, poetische Herr Mond, es ablehnen würde, auch nur Teil einer Whatsapp-Gruppe zu sein. Schließlich singt er auch: „Im Zweifel gegen Zweisamkeit und Normativität.“

Sich abzugrenzen, ist Teil der Tocotronic-DNA. Doch wenn sich mehrere Gleichgesinnte abgrenzen, sehen manche darin sofort eine neue Gemeinschaft. Wie ihre Weggefährten Blumfeld und Die Sterne müssen Tocotronic deshalb das Etikett „Hamburger Schule“ ertragen. Die drei Bands prägten einst einen neuartigen deutschen Popsound. In ihren manchmal anstrengend klugen, oft melancholiefreien Songs beleuchteten sie das Verhältnis des Einzelnen zu dem System, in dem er lebt: Staat, Gesellschaft, Familie, Freunde, bestimmte Umstände, denen man nicht entrinnen kann.

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„Man muss nur offen sein“

Muss man besonders gebildet sein, um Tocotronic-Songs zu verstehen? „Ich glaube, unsere Musik ist nicht besonders voraussetzungsvoll. Dagegen würden wir uns sehr stark verwehren. Das fände ich elitär oder aristokratisch oder irgendwie autoritär. Man muss kein Vorwissen haben, um unsere Musik zu hören, man kann sich einfach reinfallen lassen“, sagt von Lowtzow. „Man muss nur offen sein.“

Für einen Tocotronic-Crashkurs eignet sich bestens die Anthologie „Sag alles ab – The Best of 1994 – 2020″. Dort kann man nachvollziehen, wie der Sänger anfangs seine Stimme suchte und später fand, wie er sich irgendwann traute, tiefer zu singen, und wie die Liebe zu Neil Young and Crazy Horse, diese Liebe zum Soghaften, zur introvertierten Verzerrung, immer tiefer in den Tocotronic-Sound sickerte.

Mischung aus halbstarker Empörung und Humor

Man kann die Spontaneität der Anfangszeit hören und sich über frühe Punkzeilen freuen, die von Lowtzow mit einer Mischung aus halbstarker Empörung und Humor vortrug: „Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“ oder „Gitarrenhändler, ihr seid Schweine“. Die schallendste Provokation war wohl „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“.

Im Nirvana-Lärm sang er „Drüben auf dem Hügel möchte ich sein“. Solche Abhaufantasien formulieren von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail, alle Anfang 50, bis heute. Auf „Nie wieder Krieg“ zum Beispiel: „Monster, bring mich fort von hier, Monster, ich folge dir durch die Schranktür für immer.“

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Was verbirgt sich hinter dieser Schranktür? Wohin will er? Wo kann man überhaupt noch hin im globalisierten Chaos? „Flucht einerseits und Ungehorsam andererseits bilden zwei Fixpunkte dessen, was wir von Anfang an machen“, antwortet von Lowtzow. Zufluchtsorte könnten sich hinter Schranktüren verbergen, und auch der Schlund im Song „Ich tauche auf“ könnte ein Versteck sein oder einen Ausweg bieten. „Das ist ja bei uns nicht immer eindeutig positiv oder negativ besetzt – so wie es ja im wahren Leben auch ist. Abgründe, die sich auftun, können Paradiese sein, und Paradiese können vergiftet sein.“

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Vielleicht verbirgt sich hinter der Schranktür wahre Liebe. „Ich fliege durch die Nacht, die Stadt unter mir, und wenn ich lande, lande ich sanft bei dir“, singt von Lowtzow im Lied „Nachtflug“. „Ich bin bestimmt romantischer veranlagt, als ich es meistens zugeben würde“, sagt er von sich.

Mit dem Song „Liebe“ stellt die Band die Frage, wie sich die Sehnsucht nach Nähe und Umarmung und die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit, zwei vermeintlich konträre Bedürfnisse, miteinander vereinbaren lassen.

Die Leisen werden leiser, die Lauten werden lauter

Die Antwort geben Tocotronic mit dem Song „Komm mit in meine freie Welt“. „Eigentlich geht es da um einen Menschen, der erkennt, dass er nur in Abhängigkeit von anderen Menschen wirklich frei sein kann“, sagt von Lowtzow. „Diese Dialektik muss man aushalten, glaube ich. Das ist der Kern.“ Befreiung durch Liebe ist möglich, lautet wohl die Erkenntnis, aber nur für diejenigen, die nicht nur selbst lieben, sondern sich auch lieben lassen.

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Mit dem Song „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ rufen Tocotronic in Zeiten, in denen die Leisen immer leiser und Lauten immer lauter werden, dazu auf, eine neue Protestbewegung zu gründen: gegen patriarchale, autoritäre Strukturen, gegen Demokratiefeinde und Unmenschen. Das dazugehörige Video zeigt zwei Skaterinnen im Schutz der Nacht. Anscheinend versuchen die beiden, in diesem Freiraum das Erwachsenwerden noch ein bisschen aufzuschieben. Die Gitarren glühen wunderbar siebzigerjahremäßig, die Drums kündigen Widerstand an.

Seit jeher macht sich die Band für Vielfalt und Menschlichkeit stark, engagiert sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass, indem sie zum Beispiel die Organisation Pro Asyl unterstützt.

Beim Idiotenfest

Für eine Impfkampagne änderten Tocotronic im vergangenen Jahr sogar den Refrain ihrer Hymne „Pure Vernunft darf niemals siegen“ aus dem Jahr 2005 in den Aufruf „Pure Vernunft muss diesmal siegen. Bitte lasst euch impfen! Eure Tocotronic“. „Der ursprüngliche Slogan ist in der heutigen Zeit höchst problematisch“, erklärt von Lowtzow. „Man kann das jetzt ironisch lesen und sagen, es sei ein bissiger Kommentar auf diese Kultur der alternativen Fakten, der hartnäckigen Leugnungen wissenschaftlicher Tatsachen. Aber, das Stück war damals nie so gemeint, es war eigentlich ein Aufruf zur kollektiven Ekstase im Club.“

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Eine letzte Frage, ein letzter Zigarettenseufzer. In dem alten Schranktürlied „Aber hier leben, nein danke“ zählt der Sänger auf, was er mag: „Ich mag den Weg, ich mag das Ziel, den Exzess, das Selbstexil / Ich mag die Engel kurz vor dem Fall, Diamanten aus dem All / Wenn meine Angst mich schnell verlässt, ich mag den Tanz, das Idiotenfest“. Wann war er denn zuletzt dort, beim Idiotenfest? „Das bin ich jeden Tag“, antwortet er, „das findet bei mir im Kopf statt.“

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