Debatte um Karl-May-Werke

Umstrittener Kinderfilm: Warum „Winnetou“ das Prädikat „Besonders wertvoll“ bekam

Der Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ wurde mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet.

Der Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ wurde mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet.

Hannover. Seit Tagen streitet die Kulturbranche um Winnetou: Erst nahm der Verlag Ravensburger nach Kritik zwei Kinderbücher aus dem Programm – inzwischen ist ein Kulturkampf um die Werke von Karl May entbrannt. Und auch zum Grundstein der Aufregung, einem neuen Winnetou-Film mit deutschen Jung­schau­spielern, mehrt sich inzwischen die Kritik.

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„Der junge Häuptling Winnetou“ ist am 11. August in den Kinos gestartet, der Verlag Ravensburger hatte aus diesem Grund mehrere Winnetou-Kinderbücher aufgelegt. Mika Ullritz spielt in dem Film den zwölfjährigem Häuptlings­sohn Winnetou. Der Fokus des Films sind die Jugendjahre des Apachen, der während der Sechzigerjahre zuletzt von Pierre Brice in zahlreichen erfolgreichen Filmen verkörpert worden war.

Schon beim Kinostart sorgte der Film bei Rezensenten nicht gerade für überschwängliches Lob. „Zeit“-Autor Matthias Dell kritisierte, dass der Film „in Deutschland ausgedachte Apachen“ in die Gegenwart holt, ohne zu beachten, wie sich der Diskurs über das Thema seit den letzten Filmen verändert habe. Claudius Seidl beschrieb die Klischeebilder des Films in der „FAZ“ als „dumm, provinziell, ignorant“. Auch auf Film­bewertungs­portalen im Netz erhält der Film allenfalls durchschnittliche Bewertungen, in den sozialen Netzwerken mehreren sich zahlreiche kritische Stimmen.

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Ganz anders allerdings sieht die Bewertung einer ganz offiziellen Stelle aus: Die Deutsche Film- und Medien­bewertung (FBW) hatte den „Jungen Häuptling Winnetou“ mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ gekennzeichnet – eine enorm wichtige Auszeichnung, die mindestens für Verwunderung, inzwischen aber auch für kontroverse Diskussionen in der Filmbranche sorgt. Wie ist es dazu gekommen?

Film als „besonders wertvoll“ ausgezeichnet

Die FBW ist eine Art Behörde, die nach Auftrag durch Filme­macherinnen und ‑macher deren Produktionen eine Art Gütesiegel verleiht. Die Bewertungen „wertvoll“ oder „besonders wertvoll“ sind dabei nicht nur ein Richtwert für das Kinopublikum, sondern haben auch direkte finanzielle Auswirkungen: Prädikatsfilme genießen Vergnügungs­steuer­ermäßigungen und können durch die Referenz­förderung besonders gefördert werden.

Im Falle des neuen „Winnetou“-Films schreibt die Jury in ihrer Begründung: „Der märchenhafte Abenteuerfilm ist dank seiner spannenden und kindgerecht erzählten Geschichte und den großen Bildern aus einer fremden Welt ein großes Kinder­film­vergnügen.“ Mit „Der junge Häuptling Winneou“ hätten Regisseur Mike Marzuk und seine Co‑Autorin Gesa Scheibner einen „Abenteuerfilm geschaffen, der mit seiner märchenhaften Erzählung das kindliche Publikum gut unterhalten wird.“

Grund für die Bewertung sei mitunter die Botschaft eines friedlichen Miteinanders, die der Film mit seinen beiden Hauptfiguren, Winnetou und dem Waisenjungen Tom, transportiere. „Eine Botschaft, die aktueller und positiver nicht sein kann.“ Auch die moderne Erzählweise in Bezug auf Gleich­berechtigung beeindruckte die Jury offenbar: Die in den traditionellen Karl-May-Verfilmungen immer im Schatten stehende kleine Schwester von Winnetou, Nscho-tschi, sei den Jungs in Mut und Gewitztheit „mindestens ebenbürtig“.

Wie kam es zu der Entscheidung?

Eine Bewertung, die angesichts der massiven Kritik nun ziemlich aus der Reihe fällt. Die FBW hatte allerdings schon in ihrer Jury­begründung deutlich gemacht, dass die Auszeichnung nicht ohne größere Diskussionen zustande gekommen sei.

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Die Jury sei „absolut gespalten“ gewesen, heißt es da etwa. Ein Teil der Jury habe den Film vehement abgelehnt. „Nach ihrer Meinung ist es in unserer Zeit nicht mehr zulässig, einen Film und im Besonderen einen Kinder- und Jugendfilm im Geist der mythisch aufgeladenen und sehr klischeehaft darstellenden Karl-May-‚Folklore‘ zu realisieren“, so die Behörde.

So sei der Film ein „kitschiges rückwärts­gewandtes Theaterstück, das nichts mit der Realität zu tun“ habe, sollen die Kritikerinnen und Kritiker beklagt haben. Karl Mays literarische Idylle im Herkunftsland der indigenen Völker Nordamerikas sei, so die Aussage der Jurymitglieder, eine Lüge, welche den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas und das ihnen zugefügte Unrecht der Landnahme der weißen Siedler und der Zerstörung ihres natürlichen Lebensraumes vollkommen ausblenden würde.

„Gelungener Kinderfilm“

Die Mehrheit der Jury sei jedoch zu einer anderen Entscheidung gekommen, erklärt die Film­bewertungs­stelle. Es sei „allseits bekannt“, dass Karl May seine Erzählungen im von ihm so genannten „Indianerland“ und auch im „Orient“ aus seiner Fantasie geschrieben habe und selbst nie vor Ort der von ihm erdachten Abenteuer gewesen sei. Man könne ihn daher ruhigen Gewissens als „Märchenonkel“ bezeichnen.

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„Und auch die Verfilmungen seiner bekanntesten Romane in den 1960er-Jahren waren Märchen, welche die Welt der indigenen Völker im absolut klischeehaften Bild darstellten.“ Dies in einen Kinderfilm von heute märchenhaft und mit liebevollen Zitaten zu diesen Filmen einzubringen, sei, so die Jurymitglieder, „durchaus legitim“.

Das Drehbuch übertrage die Geschichte „stimmig von der Erwachsen­ebene auf die Kinderebene“, was für seine Qualität spreche. Botschaften wie „Frieden zwischen Menschen, egal welcher Herkunft“ und „Waffen sind keine Lösung“ machten den Film darüber hinaus wertvoll. „Insgesamt sieht die Mehrheit der Jury ‚Der junge Häuptling Winnetou‘ als gelungenen Kinderfilm, der einem großen Familien­publikum sicher viel Freude bereit wird.“

Kritik lässt sich „nur schwer abbilden“

Das Prädikat „Besonders wertvoll“ allerdings spiegelt diese kontroverse Debatte kaum wider. Wäre eine differenzierte Kennzeichnung des Films da nicht angebrachter gewesen?

Bettina Buchler, Direktorin der Film­bewertungs­stelle, sieht das offenbar nicht so. Gegenüber dem „Spiegel“ sagt sie: „Wir haben unsere Öffentlichkeits­arbeit auf verschiedenen Ebenen erheblich ausgeweitet und stellen für jede Entscheidung eine für alle einsehbare Begründung bei. Es lässt sich letztlich in einem einzigen Zeichen nur schwer abbilden, was an Erwägungen in eine solche Entscheidung eingeflossen sein mag. Die Begründungen machen dies nachvollziehbar und schaffen Transparenz.“

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Die Jury habe, wie in allen anderen Fällen, aus fünf Jurymitgliedern bestanden, am Ende habe es schlichtweg „drei zu zwei“ gestanden.

Filmemacher wittern „Skandal“

In der Branche sorgt die Entscheidung offenbar für Unmut. In einem Schreiben an das Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) beklagen Filmemacherinnen und ‑macher, die ihre Namen nicht nennen wollen, die Bewertung des Films als den „wirklichen Skandal“ in der gesamten Winnetou-Debatte. Auch die Jugendfilmjury hatte den Film mit 4,5 Sternen bewertet, was die Autoren des Briefes ebenfalls bemängeln.

„In beiden Beurteilungen wird mit keiner Silbe erwähnt, dass der Film nicht der Realität, der Historie und der Lebensweise der indigenen Bevölkerung gerecht wird. Hier wird das Komplett­versagen unserer Film­institutionen einmal mehr als deutlich“, heißt es in dem Schreiben.

Bei der Bewertung gehe es ohnehin „keineswegs um das Wohl der Zuschauer oder unserer Kinder“, beklagen die Verfasserinnen und Verfasser, „sondern um bares Geld“. Filme, die mit einem Prädikat ausgezeichnet sind, erhielten schließlich eine höhere Referenz­geld­förderung von der Film­förderungs­anstalt (FFA). Im weiteren Verlauf sprechen die Autorinnen und Autoren von einem „Fördersumpf“ und suggerieren, bei der Auszeichnung würden Eigeninteressen eine Rolle spielen.

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„Qualifizierter Beitrag zur Diskussions­kultur“

Beide Stellen, sowohl die FBW als auch die FFA weisen dies auf Anfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) zurück. „Die Entscheidung über die Vergabe eines Prädikats obliegt ausschließlich den unabhängigen und ehrenamtlich tätigen Jurys, die den Film innerhalb seines Genres nach rein inhaltlichen und filmischen Kriterien bewerten“, sagt eine Sprecherin der FBW. Das sei gesetzlich so festgelegt.

„Gerade bei polarisierenden Filmen, die – wie im aktuellen Fall von ‚Der junge Häuptling Winnetou‘ – unterschiedlich bewertet werden, stellt das Gutachten der Jury eine wichtige versachlichende Stimme dar“, so die Sprecherin weiter. „Das Gutachten bildet als eine Art Protokoll Kernpunkte der in der Jury erfolgten Diskussion ab. Mit der unmittelbaren Veröffentlichung des Gutachtens schafft die FBW Transparenz über den demokratischen Prozess, zu dem der Austausch und die Gewichtung von Argumenten und eine abschließende offen abgestimmte Mehrheits­entscheidung dazugehören.“

Die Auszeichnung eines Films mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ oder „Wertvoll“ sei immer auch „ein qualifizierter Beitrag zur Diskussions­kultur über Film und Medien“.

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