Uschi Brüning über Manfred Krug: „Er wusste, er ist hier der Löwe“

Ein unschlagbares Duo: Uschi Brüning und Manfred Krug.

Ein unschlagbares Duo: Uschi Brüning und Manfred Krug.

Frau Brüning, Sie sind 1971 bei einem berühmten Konzert im Dresdner Hygiene-Museum aufgetreten und Manfred Krug damals ebenfalls. Hatten Sie damals schon persönlichen Kontakt zueinander?

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Nein, wir kannten uns damals zwar schon, ich hatte schon ein paar Konzerte mit Klaus Lenz und Manne Krug gegeben. Aber von wahrem Kennen und Kennenlernen konnte damals noch nicht die Rede sein. Wir standen auf der Bühne, und jeder sang für sich. Aber ich mochte ihn schon damals sehr, weil er mein großes Vorbild war, mein Idol. Seine Stimme mochte ich auf Anhieb.

In Ihrer Autobiografie „So wie ich“ nennen Sie Manfred Krug mehrfach Ihr Idol und Ihren Helden und haben sogar eine Hommage an ihn verfasst. Warum war er denn Ihr Held?

Manfred war etwas ganz Großes, auch schon in der DDR. Er unterschied sich von so vielen anderen Schauspielern durch seine – auch wenn das heute komisch klingt – Männlichkeit und durch seine insgesamt runde Persönlichkeit. Er war groß, stark, er hat gewusst, was er will, und spielte immer auch sehr charaktervolle Rollen. Seine Stimme ging mir bis ins Herz, weil er auch sehr weich singen konnte. Den Klang und den Sound, den er hatte, kann man nicht erlernen. Dieser Sound seiner Stimme, der ihm quasi mitgegeben wurde, hat mich sehr fasziniert an ihm.

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„Seine Präsenz hat mich manchmal erschlagen“

Haben seine Berühmtheit und seine Bühnenpräsenz Sie manchmal auch ein bisschen zerdrückt?

Ja, das hat mich schon manchmal erschlagen. Ich habe etwa, ohne dass ich es bewusst getan hätte, immer ein Stück hinter ihm gestanden, nicht etwa neben ihm. Das war so ein Automatismus. Vielleicht drückte das meine Ehrfurcht aus und vielleicht auch ein bisschen Angst, die man ja naturgemäß auf der Bühne hat. Jedenfalls habe ich diese Angst. Er wusste, er ist hier der Löwe. Und daneben war nicht viel Platz.

Nun sind Sie aber auch damals schon eine große Sängerin gewesen, die mit den Jahren immer beliebter beim Publikum wurde. Wie kam Manfred Krug damit klar, dass da jetzt plötzlich jemand neben ihm steht, der ebenfalls großen Applaus bekommt?

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Begeistert war er nicht. Er war ja der beste Sänger der DDR, zumindest für mich. Für den Rest der DDR-Bevölkerung war er aber auch mindestens etwas sehr Besonderes. Aber an manchen Abenden erhielt ich plötzlich mehr Applaus als er, was er sehr wohl verfolgt hat. Da war er dann hinterher, sagen wir mal, etwas grantig zu mir. Na ja, aber ich denke, das ist menschlich: Er war der ungekrönte König, und dann kommt plötzlich ein Mädchen aus Leipzig und hat mehr Erfolg als er. Das musste ein Mann seiner Couleur erst mal verkraften.

In Ihrer Autobiografie wird deutlich, dass Sie Zweifel und Selbstzweifel sehr gut kennen und eher ein bescheidener Mensch sind. Damit bildeten Sie eher den Gegenpol zu Manfred Krug. War es für Ihr gemeinsames Singen gut, dass sich in Ihnen so gegenseitige Charaktere trafen?

Das war ja der Reiz. Das Anderssein hat eine Art von Adrenalin in uns beiden ausgelöst. Wir wurden mit der Zeit immer homogener und unsere Stimmen passten immer besser zusammen. Das machte oft mehr Spaß, als ein Solostück zu singen. Sich anpassen zu müssen oder sogar zu dürfen ist manchmal etwas ganz Besonderes, eine Heraus­forderung.

„Wir waren infiziert vom Westen und von der großen Welt“

Wenn man sich die Songs anschaut, die Sie, Manfred Krug und andere Sänger zu DDR-Zeiten gesungen haben, wie „When the Saints Go Marchin in“ oder „Let me Sing a Song“ oder „Son of a Preacher Man“: Wie sehr haben diese Songs und Konzerte damals die weite Welt in die DDR gelassen?

Wie Sie schon sagen, das gelang durch die Musik, die wir hier hörten. Wir haben uns redlich bemüht, Schallplatten zu besorgen. Wenn es uns dann gelang, uns die Songs anzueignen, haben wir quasi in Vertretung die große, weite Welt in die DDR getragen. Und das hat dem Publikum sehr, sehr gefallen. Wir haben nach Amerika geschielt und waren infiziert vom Westen und von der großen Welt. Wir waren dann irgendwann sogar eher „die von da“ als „die von uns“.

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Hat es Mut bedeutet, solche Lieder zu arrangieren und zu singen?

Man musste sie gut dosieren. Es gab ja diese Vereinbarung 60 zu 40: 60 Prozent eigene Musik, das konnte man gut auch mit Instrumental­stücken abdecken. Und 40 Prozent durften Westsongs sein. Diese Vorgabe musste man ordentlich einhalten, denn es gab ja in der DDR auch Leute, die ihre Kollegen im Falle des Falles anschwärzten.

Manfred Krug hat sich in seinen Ansagen bei Konzerten oder mit Lesungen von Stücken wie der berühmten „Kuh im Propeller“ mit kritischen Worten nicht zurückgehalten. War er ein besonders mutiger Mensch?

Ja! Er war schon ein mutiger Mensch. Er hat nicht direkt die Regierung angegriffen, aber lotete auch das bis zu einer bestimmten Grenze aus. In seiner Spontaneität äußerte er sich oft sehr kritisch. Ich denke, er konnte oft gar nicht anders. Denn er war überhaupt kein Duckmäuser, nicht im Politischen, nicht im Persönlichen. Was er auf dem Herzen hatte, das hat er auch geäußert. Ich halte ihn für einen mutigen Menschen. Nichtsdestotrotz war er dann sehr erschrocken, dass er nicht mehr auftreten durfte, nachdem er 1976 die Petition gegen Wolf Biermanns Ausbürgerung unterschrieben und einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Das hat ihn tief getroffen. Schließlich brauchte er das Publikum wie wir alle. Das hat ihn wirklich fast in die Knie gezwungen. Und damit es nicht dazu kommt, ist er dann ausgereist.

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Haben Sie sich ein bisschen von ihm verlassen gefühlt?

Ich habe mich von jedem verlassen gefühlt, der aus dem Land fortging, auch von Nina Hagen, auch von Angelika Mann. Wir waren so eine wunderbare Truppe, das hat mir persönlich wehgetan. Ja, ich habe mich verlassen gefühlt, aber ich habe es all diesen Menschen nicht übelgenommen, denn sie mussten ja ihr Leben weiterleben. Da kann man niemandem reinreden. Aber mein Mann (Ernst-Ludwig „Luten“ Petrowsky, Anm. d. Red.) und ich haben uns schon manchmal gefragt: Sind wir denn blöd, sollten wir nicht auch die DDR verlassen?

Und warum haben Sie nicht?

Wir hatten alle eine solche Bindung an das, was uns geprägt hat. Wir hatten auch unsere Eltern hier, so dass wir es eben nicht übers Herz gebracht haben und geblieben sind.

„Es gab keinen Wettkampf auf der Bühne“

Dann fiel die Mauer und Manfred Krug und Sie haben wieder zusammengefunden.

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Ja, Manfred Krug hat damals schnell verstanden, dass ich eine Künstler­persönlichkeit bin, die ihm überhaupt nicht in die Quere kommt. Er musste keine Angst vor mir haben. Es gab keinen Wettkampf auf der Bühne, er konnte sich zurücklehnen. Das war sicherlich die Voraussetzung für das gute Klima zwischen uns – und es wurde immer besser.

Das letzte Konzert, das Manfred Krug gegeben hat, war gemeinsam mit Ihnen. Was sind Ihre Erinnerungen an diesen Abend im August 2016 auf der Burg Storkow?

Der Abend war sehr bedrückend. Manfred Krug war vorher schon krank und ist bei diesem Konzert wieder aufgetreten. An diesem Abend ist er dann auch noch auf der Bühne gefallen. Das hat uns alle entsetzt. Er hat dann trotzdem weiter­gesungen. Nach dem Konzert saßen wir noch einige Minuten mit den Musikern und dem Management zusammen. Irgendwie lag da bereits ein Hauch von großem Abschied über allem. Und das war ja dann auch tatsächlich der Fall.

Hatten Sie zuletzt zu Manfred Krug eine rein professionelle Beziehung oder eine freundschaftliche?

Eine professionelle Beziehung mit wachsenden Anteilen der Freundschaft. Man muss sich ja, um befreundet zu sein, nicht andauernd sehen. Er lud meinen Mann und mich zu Festen ein, die er gab, und das wurde immer selbst­verständlicher. Vor allem aber auf der Bühne bestand eine Verbindung, die immer mehr in Richtung Freundschaft wuchs.

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Auf Ihrem gemeinsamen Album „Auserwählt“ ist neben vielen wunderbaren Stücken ein ganz zauberhaftes Duett von Ihnen beiden, nämlich „Mach’s gut, ich muss gehen“ („Baby it’s Cold Outside“). Da herrscht eine so hörbare Nähe, ein so hörbares Miteinander, das man niemals proben oder inszenieren kann.

Ja, man hat schon gehört, dass wir gern zusammen singen und nach den Jahren auch zusammen­gehören.

„Angela Merkel hat gleich fast wie ein kleines Mädchen mitgesungen“

Frau Brüning, Ihnen ist gelungen, Angela Merkel auf einer ihrer Wahlkampfveranstaltungen zum Singen zu bringen. Wie haben Sie das denn geschafft?

Das war der Übermut, der einem das Adrenalin bei einem Auftritt manchmal verleiht. Schon, als sie an dem Abend ankam, war sie eine ganz normale, witzige Frau. Als ich dann sang, saß sie natürlich in der ersten Reihe. Und bei dem Stück „Strange Things Happen Every Day“, von dem ich wusste, dass da sowieso immer alle mitsingen, bin ich einfach auf sie zugegangen und habe ihr das Mikrofon hingehalten. Sie hat gleich fast wie ein kleines Mädchen mitgesungen und sich der Begeisterung und dem Spaß hingegeben. Das war ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergesse. Wir haben uns dann per Whatsapp immer mal wieder geschrieben.

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Hat Sie gefreut, dass sich Angela Merkel zu ihrem Abschieds­zapfenstreich ein Lied Ihrer sehr guten Freundin Nina Hagen gewünscht hat?

Ja, das hat mich sehr gefreut, weil ich Nina sehr mag und wir zusammen wirklich viel erlebt haben. „Du hast den Farbfilm vergessen“ ist ein tolles Lied. Und es zeigt doch den Bogen, den die Kanzlerin zu schlagen wusste. Mit Nina Hagen und Hildegard Knef hatte sie sich Lieder gewünscht, die auch ganz normale Leute wählen könnten. Zudem hat sie aber auch gezeigt, wie sehr ihr die Klassik am Herzen liegt.

Manfred Krug wäre in wenigen Tagen 85 Jahre alt geworden. Wenn es noch ginge, was würden Sie ihm schenken?

Was würde ich ihm schenken? Ich würde ihm seine Treue einfach mit einem festen Händedruck zurückgeben und mich bedanken für das, was ich an ihm hatte. Für die großen Säle, die großen Häuser, die wir zusammen bespielt haben, und dafür, von ihm auch etwas gelernt zu haben: Angst wandelt sich manchmal um in Mut – auch das habe ich ihm zu verdanken.

Sie selbst werden einen Monat später 75 Jahre alt. Was haben Sie da geplant?

Es wird zwei Geburtstags­konzerte in Berlin und in Halle geben. Es werden Weggefährten aus vielen Jahrzehnten kommen. Zum Beispiel Angelika Mann. Günter Fischer wird mir mit seiner Band die Ehre erweisen und mich durch den Abend begleiten. Und nicht zuletzt wird mein Mann Ernst-Ludwig Petrowsky auf einem großen Foto auf der Bühne anwesend sein, der mir in Sachen Jazz wahnsinnig viel beigebracht hat. Leider ist er zu krank, um mit mir aufzutreten. Aber für mich ist er natürlich der wichtigste Gast an diesen Abenden, auch wenn er nicht persönlich dabei sein kann.

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Uschi Brüning wollte immer Sängerin werden. In ihrer sehr lesenswerten Autobiografie „So wie ich“ (Ullstein, 288 Seiten, 20 Euro) beschreibt sie ihren Weg zur erfolgreichen Jazzmusikerin und erzählt zudem eine kleine Geschichte des Jazz in der DDR. Die Konzerte zu ihrem 75. Geburtstag finden am 10. März in Berlin und am 12. März in Halle statt.

Einen ausführlichen Artikel über das neu veröffentlichte Tagebuch „Ich sammle mein Leben zusammen“ lesen Sie hier.

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