Bewertung von Lebensentwürfen

Alleine und glücklich, geht das? Warum mit dem Single Shaming Schluss sein muss

Wer bewusst und freiwillig alleine ist, ist häufig glücklicher mit seinem Singleleben.

Freiheit, Einsamkeit, Unabhängigkeit – Rechtfertigung: Noch immer versuchen Menschen für das Singledasein die „richtige Beschreibung“ zu finden. Keine davon trifft es so recht auf den Punkt, alle aber haben eines gemein: Sie stecken Singles in eine Schublade. „Wer Single ist, muss unglücklich sein“ lautet die vorherrschende Meinung. Ihren Beziehungsstatus zu kommentieren, nennt man „Single Shaming“. Singles haben in unserer Gesellschaft einen anderen Stellenwert, sie werden belächelt, bemitleidet – manchmal im Stillen aber vielleicht sogar beneidet.

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Die Nostalgie der Zweierbeziehung

Das ist zum Teil sogar historisch begründet, erklärt Eric Hegmann. Er ist Singlecoach sowie Paartherapeut. „Menschen sind soziale Wesen und suchen Verbindungen und Nähe. Dies wird heute nahezu immer mit Zweierbeziehungen gleichgesetzt.“ Das sei aber nur Nostalgie, betont der Experte. Beziehungen auf Augenhöhe gibt es laut Hegmann erst seit gut 50 Jahren. In den Jahrhunderten davor verlief das Leben von Frauen und Männern meist sehr getrennt und ohne viele Überscheidungen. „Das waren Zweckgemeinschaften, Vernunftehen – aber keine romantische Liebesheirat, wie sie heute als Ziel meist genannt wird“, so Hegmann.

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Für Menschen, die in einer Partnerschaft leben, ist es häufig nicht nachvollziehbar, wie es ist, allein zu sein. Und noch weniger, wie es ist, alleine glücklich zu sein. Dabei sind mehr Menschen als je zuvor in Deutschland ledig. Im Jahr 2020 waren es einer Studie zufolge etwa 16,8 Millionen Menschen – und damit jeder und jede Dritte zwischen 18 und 65 Jahren. Für manche sind solche „Alles mit einem für immer“, die sogenannte „AMEFI“-Partnerschaft, jedoch gar nicht interessant. „Und das sollte respektiert werden“, meint Eric Hegmann.

Wer Singles verurteilt, ist häufig selbst nicht glücklich

Dass Menschen sich nach Verbindungen zu anderen sehnen, steht nach Hegmann nicht zur Disposition. Wie konkret diese Verbindung aber aussehen kann, sei vielfältig und nicht auf die Liebesbeziehung beschränkt. „Das Bedürfnis nach einer Zweierbeziehung steckt ganz tief in vielen Menschen – aus unterschiedlichsten Gründen und wegen verschiedener Prägungen“, erklärt der Single- und Beziehungscoach.

Auf der anderen Seite gebe es aber auch Abwehrmechanismen wie Leugnung, Verdrängung oder Projektion, mit denen unsere Psyche Stress verhindern will. „Jemand, der vielleicht selbst aus seiner Zweierbeziehung insgeheim gerne mal ausbrechen würde, der baut sich als Abwehrmechanismus eine Erklärung auf, weshalb ausschließlich die Zweierbeziehung gut sein muss“, meint Hegmann. Es sei auch möglich, dass man dadurch die eigenen Ängste auf andere projiziert, indem deren Bedürfnis nach Autonomie, Freiraum und Selbstbestimmung, wofür das Singleleben ja steht, als Zeichen von Bindungsangst abgewertet oder manchmal sogar regelrecht bekämpft wird.

Im Einzelfall könne Bindungsangst, also die Furcht vor neuen, schmerzhaften Trennungs- und Verlusterfahrungen, laut Hegmann aber auch ein Grund für eine erfolglose Partnersuche oder ein Leben als Single sein. „Aber das rechtfertigt ja keine Pathologisierung oder Verurteilung, wie dies durch solche Abwehrreaktionen viel zu häufig auftritt“, betont er.

Eric Hegmann ist Paartherapeut, Singlecoach und Autor.

Eric Hegmann ist Paartherapeut, Singlecoach und Autor.

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Wie geht man als Single mit Anfeindungen um?

Nicht selten werden Singles mit Situationen konfrontiert, in denen sich jemand zu ihrem Beziehungsstatus äußert. Ob frustriert, genervt oder wütend: Wichtig ist es in diesem Augenblick, möglichst ruhig zu reagieren und sich nicht triggern zu lassen. „Sinnvoll ist immer, sich zunächst für die Fürsorge zu bedanken“, rät Single- und Beziehungscoach Eric Hegmann.

Allerdings sei auch nicht verkehrt, dem Gedanken einmal prüfend und wohlwollend nachzugehen. Eine Antwort könnte dann laut Hegmann so aussehen: „Vielen Dank für den Gedanken. Mit dem habe ich mich auch bereits beschäftigt. Ich bin aber zu dem Schluss gekommen, dass das auf mich nicht zutrifft.“

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„Honjok“: ein kurzes Wort mit großer Bedeutung

Nicht alle Singles sind unglücklich, so viel steht also fest. Ein neuartiges „Glücksmodell“ für ledige Frauen und Männer aus Südkorea findet derzeit großen Anklang: „Honjok“. Der Begriff bedeutet übersetzt „Einpersonenstamm“ und beschreibt einen Lebensstil, in dem Singles bewusst allein leben und damit erfüllt und glücklich sind. Es ist damit eine Gegenkultur zu den gesellschaftlichen Erwartungen, die vielerorts insbesondere an junge Frauen, aber natürlich auch an Männer und Frauen in jedem Alter gestellt werden.

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Das Prinzip ist recht einfach: Als sogenannte Honjokerin oder Honjoker genießt man eben die Zeit allein. Man unternimmt auf eigene Faust Dinge und lernt, die Zeit mit sich selbst wertzuschätzen. Fühlt man sich doch mal einsam, können enge Freundschaften oder auch die Familie diese „Lücke“ füllen. Sie entscheiden sich also bewusst dafür, ihre Leben nicht mit einem Partner oder einer Partnerin zu teilen.

Doch warum leben Singles nach „Honjok“ ausgerechnet glücklicher? Eric Hegmann hat dafür eine Erklärung: „Alles, was ich freiwillig mache, bereitet mir mehr Freude als etwas, das ich aus Druck oder aus Mangel von Alternativen machen muss“, meint er. Den Gedanken zuzulassen, gerne alleine zu leben und den Freiraum zu nutzen, sich etwas Gutes zu tun und selbstbestimmt zu leben, hilft, die eigne Situation zu akzeptieren und in ihr aufzugehen.

Gleichzeitig ist es laut Hegmann jedoch auch ratsam, andere Gedanken zuzulassen. „Das Glücksmodell passt ganz sicher für einige, für viele kann es aber auch Zweckoptimismus darstellen“, betont Hegmann.

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