Alles kann, nichts muss

Tantra: Was diese Berührungskunst mit unserer Sexualität zu tun hat

Beim Tantra geht es unter anderem darum, sich vollständig fallen zu lassen. Der Partner oder die Partnerin sollte dabei eine Stütze sein.

Beim Begriff „Tantra“ denken viele Menschen mitunter an eine schlichte Erotikmassage oder gar eine religiöse Sexualtechnik. Tatsächlich entspringt sie aber einer Jahrtausende alten spirituellen Massagepraxis, die weitaus mehr Intimität und Vertrauen erfordert, als man zunächst vielleicht vermuten würde.

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Der Ursprung: Die Tantramassage

Besonders in westlichen Ländern wird der Begriff Tantra unmittelbar mit einer Sexualpraktik gleichgesetzt. Tatsächlich hat sich der bei vielen bekannte „Tantra-Sex“ allerdings aus der Tantramassage entwickelt – eine ganzheitliche Massage, die zunächst einmal absichtslos ist, wie Tantramasseurin und Traumatherapeutin Daria Koch im RND-Podcast „Ach, komm!“ erklärt. „Das bedeutet, ich möchte dem Menschen nichts machen – sondern ich lasse ihn in dem, was gerade da ist, sein.“

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Bei einer tantrischen Massage handelt es sich um eine sehr energetische Massage, sie kann aber auch friedlich ablaufen, sehr emotional oder auch sehr still. „Die Tantramassage ist ein Berührungskunstwerk,“ betont Koch. Sie findet daher auch auf allen Ebenen statt: Auf der körperlichen, sinnlichen, emotionalen, geistigen und eben auch sexuellen Ebene. „Der Mensch fällt in einer Tantramassage komplett auf sich zurück – und das ist auch der Sinn dieser Massage.“

Besonders der therapeutische Aspekt spielt bei der Tantramassage für Koch eine entscheidende Rolle. Nicht zuletzt deswegen nehmen besonders Menschen mit Traumata das Angebot wahr. „Es ist eine Kombination aus ganzheitlicher tantrischer, absichtsloser, liebevoller, achtsamer Berührung und dem Therapeutischen“, so Koch.

Beim Tantra steht das Wohlbefinden im Vordergrund

Doch wie hat man sich eine solche Massage überhaupt vorzustellen? Nachdem der Empfangende und der oder die Massierende in einem Begrüßungs- und Kennenlerngespräch das Setting und die Grenzen besprochen haben – zum Beispiel, inwieweit der Massierende auch berührt werden darf oder ob die Massage nackt praktiziert wird oder nicht – geht es zum Frischmachen und Waschen. „Die Waschung ist in der Tantramassage ein Ritual für sich. Und eine solche rituelle Waschung geschenkt zu bekommen, kann wahnsinnig viel bewegen – gerade bei Frauen und Männern, die sexuellen Missbrauch erlebt haben“, erklärt Koch.

„Nach einer Dusche oder ähnlichem fühlt man sich erleichtert, sauber, clean. Ich glaube, viele Menschen schämen sich auch, wenn sie beispielsweise im Genitalbereich oder unter den Armen riechen. Und wenn man vor einer Tantrabehandlung sauber ist, braucht man über so etwas nicht mehr nachdenken und man fühlt sich bereit“, betont auch Paar- und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning im RND-Podcast.

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Mit Musik untermalt

Untermalt wird die Massage je nach Vorliebe mit ausgewählter Musik, die der Entspannung dienen soll. „Außerdem ist es sehr warm im Raum, es duftet gut und es sieht ästhetisch und schön aus, die Farben sind in meiner Praxis in Erdtönen gehalten, was laut Feng Shui ebenfalls beruhigend auf unser Nervensystem wirkt“, so Tantramasseurin Daria Koch. Auch das Licht spielt eine große Rolle: Die Menschen sollen so mit ihrer Scham, an bestimmten Körperstellen gesehen zu werden, konfrontiert werden. Das funktioniert allerdings nicht für jede und jeden, weswegen Koch individuell auf jeden Menschen eingeht. „Die meisten können so nämlich nicht in ihrem Körper bleiben und driften gedanklich ab“, so Koch.

In der Tantramassage wird alles massiert. Das bedeutet: Die Massierten werden überall gesehen und berührt. „Und dann wundern sich die Menschen auch, wenn ich auf einmal den Mund von innen massiere oder die Nase“, so Koch. Die eigentliche Tantramassage findet auf dem Boden statt, da die Massierten dabei viel bewegt und gedreht werden und daher eine Menge Platz benötigt wird. Begonnen wird die tantrische Massage in der Regel allerdings im Stehen, zum Beispiel durch eine intensive Umarmung von hinten.

Was versteht man unter Tantra-Sex?

„Natürlich kann eine Tantramassage durch entsprechende Berührungen auch eine erotische Komponente haben – aber in erster Linie geht es um Körperwahrnehmung und um das Fühlen“, betont Daria Koch. Beim Tantra geht es vor allem darum, Vertrauen zu entwickeln und sich einfach fallen zu lassen – ein Faktor, der auch für Paare beim Geschlechtsverkehr relevant ist. „Denn auch bevor Leute Sex haben, sollten sie sich daher selbst finden und bei sich ankommen und sich spüren – und sich auch mit dem Thema Scham beschäftigen“, empfiehlt Ann-Marlene Henning.

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Als ein Bestandteil der Tantramassage gilt auch die Intimmassage der „Yoni“ – das weibliche Genital – und des „Lingam“ – die Massage der männlichen Genitalien. Ein wichtiger Aspekt dabei ist im Vergleich zur „einfachen Penetration“, dass eine solche Massage Zeit braucht. „Es geht eben nicht um eine schnelle, oberflächliche Lustgewinnung“, betont Koch. Vielmehr seien es langsame und kleine Annäherungen. Tantrischer Sex ist daher eine Möglichkeit, wieder Zugang zu seinem eigenen Körper zu finden und sich zu spüren. „Die Menschen müssen sich auf einer ganz anderen Ebene mit ihrem Körper auseinandersetzen und lernen ihren Körper neu kennen“, so Koch.

Sie fügt hinzu: „Sexualität und Sinnlichkeit haben ja nicht nur etwas mit Hingabe, sondern auch mit Genuss zu tun.“ Das Ergebnis ist laut Ann-Marlene Henning „das volle Programm an körpereigenen Drogen“ Denn beim Tantra werden Stoffe wie Dopamin, Oxytocin oder Serotonin ausgeschüttet. „Man kann davon richtig high werden.“

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Wie praktiziert man Tantra?

All solche Umschreibungen scheinen für den einen oder die andere noch immer sehr abstrakt. Wie funktioniert Tantra also in der Praxis? „Es gilt, ein breites Spektrum anzubieten. Die Tantramassage lebt von diesen verschiedenen Berührungsqualitäten“, betont Koch. Das bedeutet, das beispielsweise mit unterschiedlichem Druck massiert und gestreichelt wird oder auch mit Tüchern oder Federn. „Wir haben so viele Möglichkeiten, einander zu berühren – zum Beispiel auch mit unseren Augen durch einen intensiven, achtsamen Augenkontakt“, betont Koch.

Zudem sei wichtig zu erwähnen, dass beim Tantra der ganze Körper berührt werden kann und soll. „Es gibt Menschen, die haben nicht gewusst, dass sie in ihrer Körperlichkeit und ihrem Wesen so zusammenhängen, auch in ihrer Sinnlichkeit. Zum Beispiel, dass sie durch eine tiefe Massage ihres Ohrs oder ihres Mundes zu einem Höhepunkt kommen können.“

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Ein weiterer wichtiger Aspekt beim Tantra ist auch der Zugang zum eigenen Körper. „Wir sensibilisieren die Yoni und unterstützen Frauen dabei, die Yoni zu erkunden und herauszufinden, wie sie sich anfühlt“, so Koch. Auch die Verbindung zwischen Herz und Genitalien und im Endeffekt Herz und Sexualität sollen gestärkt werden. „Paaren empfehle ich, es mal auszuprobieren, zum Beispiel beim Vorspiel und wenn man sich gegenseitig massiert, mit der Innenhand die Yoni zu halten und mit der anderen Hand den Herzraum zu halten – und dann minutenlang so liegen zu bleiben.“ Das gleiche gilt natürlich auch für Männer und ihren Zugang zum Lingam.

Auch die offene Kommunikation über Scham und Ängste ist wichtig. „Wenn die Scham Raum bekommt und der Mensch sich sicher und geschützt fühlt, darf sich die Scham auch verändern“, meint Daria Koch. Nach einer tantrischen Einheit sei es wichtig, sich Ruhe zu gönnen und ganz viel zu trinken. „Also nicht zum nächsten Termin zu hetzen, sondern sich Zeit zu nehmen und die Berührung nachwirken zu lassen.“

Welche Vorteile kann Tantra für die Sexualität bringen?

Besonders für Menschen, die Traumata erlebt haben, eine Erektionsstörung haben oder unter Vaginismus leiden, kann Tantra helfen, wieder einen Zugang zu sich, aber auch zum Partner oder der Partnerin zu finden. Denn erst, wenn man seinen eigenen Körper akzeptieren und wahrnehmen kann, kann man auch andere Menschen wieder an sich heranlassen, so die Expertinnen.

Wer angespannt ist, könne durch Tantra wieder lernen, zarte Berührungen anzunehmen und in Entspannungszustände reinzukommen. „Diese Berührungskunst, die jedes mal neu entsteht, auch mit dem selben Menschen, ist jedes mal ein auf den Menschen zugeschnittenes Berührungskunstwerk auf allen Ebenen“ betont Koch.

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Tantra bietet also sowohl für Paare, als auch für Einzelpersonen die Chance, einen neuartigen Zugang zur eigenen Sexualität zu erlangen. Viele Menschen, so bekommen wir es immer wieder zurückgemeldet, trennen sich nach einer Tantramassage auch generell von schneller, oberflächlicher Begegnung und Sexualität, so Koch.

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