Die Uhr wird umgestellt

Endlich duster: Warum die frühe Dunkelheit auch schöne Seiten hat

Auch schön: Viele Menschen wünschen sich, dass es nachts möglichst dunkel bleibt.

Auch schön: Viele Menschen wünschen sich, dass es nachts möglichst dunkel bleibt.

Hannover. Der Duden definiert die Nacht ganz unspektakulär als „Zeitraum etwa zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, zwischen Einbruch der Dunkelheit und Beginn der Morgendämmerung“.

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Für manche Dichter, Musiker und bildende Künstler hat dieser Zeitraum dagegen etwas Magisches, zumindest fielen ihnen betörende Sentenzen dazu ein. „Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?“, fragte Novalis. „Man muss die Nacht gesehen haben, bevor man den Tag begreift“, wusste die Lyrikerin Anne Sexton. Und die New Yorker Musikerin und Performancekünstlerin Laurie Anderson meint: „Wozu sind die Tage? Um uns aufzuwecken. Um die endlosen Nächte zu unterbrechen. Wozu dienen die Nächte? Um durch die Zeit in eine andere Welt zu fallen.“

In eine andere Welt fallen? Bei Nacht und Dunkelheit denken die meisten derzeit wohl eher an ihre Stromrechnung. Wer mittelmäßig umweltbewusst ist, hat in der Vergangenheit im Herbst und Winter einfach früher als im Sommer die Zimmerbeleuchtung angeknipst. In diesem Jahr – in Zeiten von Energiekrise und gestiegenen Strompreisen – dürfte jedoch so mancher und so manche überlegen, ob es tatsächlich immer die „Festbeleuchtung“ sein muss oder ob das Licht der Stehlampe nicht doch ausreicht, wenn es schummrig wird. Immerhin 71 Prozent der Deutschen wollen laut einer aktuellen Umfrage für das Portal Watson „auf das Ausschalten von Lichtern achten“, um Energie zu sparen.

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Umstellung: Am letzten Sonntag im Oktober beginnt die sogenannte Winterzeit. In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren von 3 auf 2 Uhr zurückgestellt.

Umstellung: Am letzten Sonntag im Oktober beginnt die sogenannte Winterzeit. In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren von 3 auf 2 Uhr zurückgestellt.

Wenn wir an diesem Wochenende in Deutschland von der Sommer- in die Winterzeit wechseln, geht die Sonne beispielsweise in Berlin in den kommenden Tagen bereits gegen 16.30 Uhr unter. Zudem wird es in den nächsten Monaten vielerorts dunkler als gewohnt sein: Nach der Verordnung zur Sicherung der Energie­versorgung über kurzfristig wirksame Maßnahmen (EnSikuMaV) sind seit dem 1. September die „Beleuchtung von öffentlichen Nichtwohngebäuden und Baudenkmälern von außen mit Ausnahme von Sicherheits- und Notbeleuchtung“ sowie „der Betrieb beleuchteter oder lichtemittierender Werbeanlagen … von 22 Uhr bis 16 Uhr des Folgetages untersagt“. Sprich: Rathäuser und Kirchen werden nachts nicht beleuchtet, Schaufenster und Reklametafeln bleiben dann dunkel.

Diese Maßnahmen behagen nicht allen – Einzelhändler fürchten um ihren Umsatz, manche Menschen sorgen sich um ihre Sicherheit, und wieder andere hätten es einfach gern so hell wie gewohnt.

Doch es gibt auch viele, die sich – aus unterschiedlichen Gründen – freuen: Endlich dunkel! Umwelt- und Naturschützer zum Beispiel sind froh, dass die „Lichtverschmutzung“, wie sie es nennen, nun zumindest ein bisschen eingedämmt ist. So verweist der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) auf die negativen Folgen der zu starken Beleuchtung für Mensch und Tier. Straßenlaternen zögen jährlich Milliarden von Insekten an, die an den Laternen sterben und so als wichtiger Teil der Nahrungskette und als Bestäuber ausfallen. Das nächtliche Kunstlicht irritiere zudem Zugvögel und wirke sich störend auf die Fortpflanzung auch von Säugetieren aus, erklärt der Nabu Hessen. „Das Verschwinden der Nacht“, wie ein gerade im Droemer-Verlag veröffentlichtes Buch des schwedischen Zoologen Johan Eklöf heißt, bringt die innere Uhr vieler Wildtiere und damit auch ihre Reproduktion aus dem Takt, kritisieren zahlreiche Biologen.

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In Deutschland hat man extra Gebiete eingerichtet, in denen es nachts dunkel bleibt, um Tiere und Natur zu schützen – und damit Menschen dort möglichst gut die Sterne beobachten können. Fünf solcher Sternenparks gibt es. Sabine Frank, Koordinatorin des Sternenparks Rhön, erklärte jüngst, dass sie sich mehr Bewusstsein für den Wert der natürlichen Dunkelheit wünsche. Die erlaube nicht nur einen besseren Blick auf den Sternenhimmel und fördere den gesunden Schlaf der Menschen, sondern sei für viele Tierarten überlebenswichtig.

Menschen schlafen im Dunkeln tatsächlich besser, weil dann die Produktion des schlaffördernden Hormons Melatonin angeregt ist. Die Idee, dass wir erst nach sieben, acht Stunden durchgängigen Schlafes erholt sind, ist jedoch relativ neu. „Zwar war die Nacht für die meisten Menschen die Phase der Ruhe und Erholung, dennoch waren die Schlafphasen oft anders strukturiert“, sagt der Berliner Kulturwissenschaftler Bernd Brunner, der im vergangenen Jahr „Das Buch der Nacht“ (Galiani-Verlag) veröffentlicht hat. „Für die vormoderne Zeit in Europa zum Beispiel war es üblich, in zwei Phasen zu schlafen. Das heißt: Die Menschen sind früh schlafen gegangen, um Mitternacht aufgestanden, um Feuer zu machen oder sich zu unterhalten, und haben sich dann wieder für eine zweite Phase schlafen gelegt – bis zum Sonnenaufgang.“ So sorgten sie dafür, dass es in den Räumen warm blieb, und sie schauten vielleicht auch mal nach den Nutztieren.

Bei aller Magie der Dunkelheit, die in Literatur und Film, Musik und bildender Kunst oft beschworen wird: Viele Menschen fühlen sich in nächtlichen Stunden weniger wohl. Das liegt sicherlich auch in der Historie begründet. Die nächtlichen Stunden waren von Angst begleitet, „wenn man in unsicherem Terrain weitgehend ungeschützt unterwegs war und nicht sehen konnte, ob sich feindlich gesinnte Menschen oder Tiere näherten“, sagt Brunner. Noch heute empfänden besonders Kinder die Nacht als unheimlich. Und Trauer und Einsamkeit könnten in der Zeit als besonders bedrückend empfunden werden.

Doch der Kulturwissenschaftler betont auch die „Freiräume“, die die Nacht biete: „Einerseits auf der individuellen, persönlichen Ebene: Die gewohnten Koordinaten der Wahrnehmung geraten in Bewegung, die Gedanken werden gelockert, man wird weniger von visuellen und akustischen Eindrücken abgelenkt, liefert sich der Nacht und den Träumen aus“, sagt er. Ein großer Teil der Umwelt­informationen – verschiedene Untersuchungen nennen Werte zwischen 60 und 80 Prozent – erhalten Menschen über die Augen. Sehen diese im Dunkeln nichts, müssen oder können wir uns anders orientieren und so neue Erfahrungen machen. Möglicherweise sogar angenehme.

Die Nacht bietet Freiräume

Autor Brunner hebt aber auch handfeste Freiräume hervor, die das Dunkel ermöglichte: „Verfolgten Gruppen bot die Nacht die Gelegenheit zu Treffen, bei denen sie unbeobachtet waren. Sklavenaufstände zum Beispiel wurden oft nachts vorbereitet. Ein anderes Beispiel aus der Geschichte sind verfolgte religiöse Gruppen, die sich nur während der Nacht zusammenfinden konnten.“

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Das Dunkel also als Schutzraum. Ein populärer Filmschlager aus dem Jahr 1938, den seitdem mehrere Sänger und Sängerinnen neu interpretiert haben, heißt „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“. In dem Lied geht es um Feierlust, aber auch um Ungehorsam gegen die Obrigkeit (der Film spielt im Frankreich des Jahres 1830). Oft werden die dunklen Stunden eben auch als jene begriffen oder sogar verklärt, in denen gesellschaftliche Konventionen und Alltags­gewohnheiten außer Kraft gesetzt sind, in denen vielleicht jeder und jede auch ein bisschen von seiner oder ihrer dunklen Seite ausleben kann. Manchmal in einer spärlich beleuchteten Bar oder einem schummrigen Musikclub.

Andere hingegen wünschen sich aus praktischen Erwägungen, dass die Nacht wieder Nacht und somit wie einst eine Zeit der Ruhe sein könnte. „Der Umgang der Menschen mit dem Unterschied von Tag und Nacht hat sich besonders seit der Industrialisierung sehr stark verändert. Die künstliche Beleuchtung erlaubt es, den Tag überall zu verlängern, natürlich auch um die Produktionsprozesse rund um die Uhr fortsetzen zu können“, sagt Brunner. Nachtschichten sind in vielen Berufen üblich, und wer länger im Schichtdienst oder regelmäßig nachts arbeitet, klagt meist irgendwann über Schlafprobleme oder gesundheitliche Folgen.

Bleibt es in der Nacht dunkel, lässt sich die gewohnte Umgebung ganz anders erleben. Der britische Stadtforscher Nick Dunn hat ein Buch über die Freude an nächtlichen Spaziergängen geschrieben, „Dark Matters: A Manifesto for the Nocturnal City“. Kulturwissenschaftler Brunner jedenfalls vermisst rein gar nichts, wenn es in deutschen Einkaufstraßen ab 22 Uhr dunkler ist. Und dass selbst beim Eiffelturm in Paris die Lichter derzeit früher ausgehen, ist für ihn unproblematisch – „der Touristenstrom wird deswegen nicht kleiner werden, zumal man den beleuchteten Eiffelturm von den Postkarten her schon kennt“.

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