Thema des Tages/ Bauernhäuser

Alles unter einem Dach

Dieses Bauernhaus steht in Lauenhagen. Das Gebäude wurde am ursprünglichen Standort abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Heute wird es als „Kulturscheune“ genutzt. 

Dieses Bauernhaus steht in Lauenhagen. Das Gebäude wurde am ursprünglichen Standort abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Heute wird es als „Kulturscheune“ genutzt. 

Als der Hausforscher und Architekt Ulrich von Damaros vor etwa 15 Jahren über alte Bauernhäuser im Weserbergland geschrieben hat, wusste er noch von keinem Anwesen, dass vor 1550 errichtet worden wäre. „Inzwischen glaube ich, weiß ich, dass es hier wesentlich mehr Bauernhäuser aus dem 16. Jahrhundert gibt“, sagt er. „Solche alten Bauten haben sich natürlich ständig verändert. Von Außen sieht man ihnen ihr wirkliches Alter meistens nicht an.“

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Von Damaros, der schon als Jugendlicher mit dem Rad über die Dörfer fuhr, nach Fachwerkhäusern suchte, sie gar abzeichnete, will es aber ganz genau wissen. Aus allerlei guten Gründen.

Zunächst – dieser Umstand fasziniert ihn immer noch – lässt sich an der Architektur der Bauernhäuser ablesen, wie deren Bewohner ihr Alltagsleben organisierten. Wie fast überall sonst in Niedersachsen auch, handelt es sich bei den Gebäuden, die zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert gebaut wurden, um sogenannte „Hallenhäuser“, auch „Einhäuser“ genannt. Ihr Baustil gehorchte der Maxime: „Alles unter einem Dach“. Menschen, Tiere, Vorräte und Arbeitsplätze, sie teilten sich einen großen gemeinsamen Raum.  Privatsphäre, dieser Begriff existierte damals für die Bauern nicht. Weder für die eher Wohlhabenden, noch für die „Kleinkötter“, die so wenig Land besaßen, dass sie nebenbei noch anderen Tätigkeiten nachgehen mussten.

Rechts und links von der hohen Diele dieser Hallenhäuser, die groß genung für Kutschen und Erntewagen sein musste, befanden sich die offenen Viehställe und die Futterrinnen, in die Kühe, Schafe, Ziegen oder Pferde ihre Köpfe steckten. Nur die zu sehr stinkenden Schweine wurden möglichst in einem Koben außerhalb des Hauses untergebracht. Knechte und Mägde schliefen gleich neben den Ställen, während die Besitzer meistens seitlich oder hinter der großen Herdstelle ihre Alkoven besaßen.
"Mit Bauernromantik hat das nichts zu tun"
Mittelpunkt des Einhauses bildete der Flett, die offene Herdstelle, deren Feuer zum Kochen und zum notdürftigen Heizen diente, deren Rauch zwar das gesamte Gebäude erfüllte, dafür aber half, Würste, Schinken und Kräuter zu trocknen sowie das auf dem Dachboden lagernde Getreide.

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 „Mit Bauernromantik hat das alles nichts zu tun“, erklärt von Damaros. „Es waren Gebäude, dafür ausgelegt, ein einfaches, arbeitsreiches Leben lebbar zu machen. So etwas wie eine rauchfreie Stube, mit Tisch und Stuhl bestückt, in die sich jemand zurückziehen konnte, die gab es damals auf dem Dorfe nur sehr selten, und wenn, dann bei Amtspersonen, dem Pfarrer, vielleicht noch einem zugezogenen Handwerker.“

Die Bauern seien sehr konservativ gewesen. Zwar gäbe es kein einziges erhaltenes Haus, das nicht im Laufe der Jahrhunderte umgebaut worden wäre. „Aber lange hatte das rein pragmatische Gründe, etwa, dass man mehr Platz für Vieh, Vorräte und Personal brauchte, oder weil zusätzlich zur Landwirtschaft auch noch ein Handwerk dazukam, für dessen Ausübung man sich entschloss, das Gebäude zu erweitern, neue Decken einzuziehen oder das Dach umzugestalten.“

Die Tatsache, dass er, bei allem Spürsinn, den er für sehr alte Bauten entwickelte, kein Bauernhaus findet, dass vor Beginn des 16. Jahrhundert gebaut wurde, sie liegt, meint er, unter anderem in der Neugestaltung des Erbrechtes um 1500 begründet. „Welcher Bauer baut schon ein solides Haus, wenn der Großgrundbesitzer ihn jederzeit daraus vertreiben kann?“ Erst als es möglich war, seinen Besitz an Kinder und Enkelkinder zu vererben, entstanden Gebäude, deren Grundstrukturen über Generationen hinweg bestehen blieben. Meistens seien das Gebäude aus der bäuerlichen Mittelschicht, also weder die ganz einfachen Häuser, die irgendwann in sich zusammenfielen, noch die Häuser von Großbauern, die einfach irgendwann ein neues Haus bauten, statt sich mit den eher unkomfortablen Gegebenheiten des alten Hauses weiter einzurichten.

„Die Erfahrung, wie unpraktisch alte Bauernhäuser für moderne Bewohner sind, machen ja auch die Leute, welche sich so ein Haus, übrigens auch ein städtisches ,Ackerbürgerhaus‘, kaufen wollen“, sagt Ulrich von Damaros. „Meistens stellen sie fest, dass sie das Innere entkernen müssen, weil es all zu chaotisch darin zugeht.“

Die meterhohe Diele einerseits, dafür lauter winzige, dunkle Räume mit niedrigen Decken und seltsamen Zwischentreppen – man muss schon sehr viel investieren, diese Innenarchitektur für heutige Ansprüche umzubauen und dann auch noch energetisch zu sanieren. Kein Wunder also, dass auch schon viel früher alte Häuser aufgegeben wurden. Gerade in den Gegenden mit guten Bedingungen für die Landwirtschaft, wo die Bauern zu Geld kamen.
In Städten wie Hameln, Rinteln und Stadthagen entstanden im 16. Jahrhundert der Weserrenaissance viele neue, durchaus prächtige Gebäude, an deren Fassadenschmuck und vor allem den Inschriften man relativ unproblematisch das jeweilige Alter ablesen kann. Dass man sein Haus mit Inschriften schmückte und hervorhob, diese Idee fand erst mit Verzögerung Nachahmer auf den Dörfern.
Besitzer sind stolz auf Geschichte der Häuser
"Wenn ich heute mit Besitzern alter Häuser spreche, so lassen sie mich meistens gern hinein, weil sie stolz sind auf die Geschichte des Hauses und mehr darüber wissen wollen", erzählt von Damaros. "Früher aber waren die Häuser nur selten äußerer Ausdruck einer individuellen Persönlichkeit." Inschriften finden sich erst nach 1600 vereinzelt auf den Torbögen.

So kann man oft nur im Inneren eines Bauernhauses erkennen, ob es vielleicht in Wirklichkeit viel älter ist, als es bis dahin eingeordnet wurde. In Scheie bei Bückeburg etwa konnte der Hausforscher einen Hof um ganze 250 Jahre älter machen. Das Gebäude war immer ins Jahr 1813 datiert worden, bis sich bei der Begutachtung von Um- und Anbauten herausstellte, dass es bereits 1563 erbaut wurde. Oftmals finden sich auf dem Dachboden Reste eines alten Walmdaches oder mitten im Haus noch die Bögen eines alten Dielentores, vor dem man einen Anbau errichtet hatte.

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Es war in den Achtziger Jahren, als von Damaros damit begann, sich erst als Schüler und Zivildienstleistender, dann als Architekturstudent für die alten Bauernhäuser im Weserbergland zu interessieren. Damals war das noch ein recht exotisches Interesse, auch wenn das Freilichtmuseum in Detmold immerhin schon 1971 entstand und die ersten Museen, die historische Gebäude im Freiland zeigten, kurz nach der Jahrhundertwende eröffneten. „Man konnte nur wenig nachlesen über die ländliche Baulandschaft im Weserbergland, und studieren konnte man das Fach Hausforschung schon gar nicht“, sagt er. „Meine Kommilitonen wunderten sich immer nur, was ich Komisches zeichnete.“

Immerhin wurde ihm damals zum Beispiel klar, dass Bauernhäuser, deren Strohdach sich fast bis zum Erdboden hinunterzog und dabei Abseiten zur Lagerung von Gerätschaft bildete, aus der Frühzeit der erhaltenen Gehöfte stammen mussten.

Im Moment arbeitet Ulrich von Damaros an einem Buch über die Schaumburger Bauernhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert, unterstützt vom Staatsarchiv und von der „Schaumburger Landschaft“. Es soll jede Menge historische Abbildungen enthalten und auch anhand alter und neuer Grundrisse die Veränderungen dokumentieren. Die meisten Beispiele werden aus den „Hagen-Dörfern“ rund um Stadthagen kommen. Je weiter man sich an die historischen Grenzen Schaumburgs Richtung Hameln bewegt, desto häufiger stammen die Hallenhäuser aus jüngerer Zeit: Die Landwirte dort mit ihren besseren Ernteerträgen konnten sich umstandsloser Neubauten leisten. Oft sind Gebäude, auf die der Hausforscher aufmerksam wird, sowieso nicht mehr bewohnt.

„Gerade die vielen Abbildungen werden auf großes Interesse stoßen“, sagt er. „Es wird nicht nur für Spezialisten gedacht sein, sondern für alle, die sich für die Hauslandschaften im Weserbergland die Augen öffnen lassen wollen.“ In Hameln hatte die Denkmalpflege in den fünfziger Jahren alte Bausubstanz erfasst und ein entsprechendes Buch veröffentlicht, auch im Lippischen wurde zur selben Zeit ein Buch über die alten Bauernhäuser herausgebracht. „Es wird also Zeit, dass auch dasselbe auch für Schaumburg geleistet wird.“

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