Weltfrauentag

Ein Mittwoch wie jeder andere?

Nicht jede Frau hat das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen, wie ein Mann.

Nicht jede Frau hat das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen, wie ein Mann.

1922 ist die erste Frau zum Richteramt zugelassen worden. Und doch hat es bis zum Jahr 1989 gedauert, bis mit Helga Oltrogge erstmals eine Frau Präsidentin des Oberlandesgerichtes Celle wurde, erklärt Regina Benz, Direktorin des Amtsgerichts Stadthagen. Sie ist damit eine von zehn Direktorinnen, die es an den insgesamt 40 Amtsgerichten in Deutschland gibt. "Auch wenn die Justiz immer moderner wird, gibt es auf der Führungsebene noch Nachholbedarf", sagt die 52-Jährige.

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Denn auch das OLG in Celle hat heute wieder einen Präsidenten. Auch wenn heutzutage in der überwiegenden Zahl Richterinnen eingestellt würden, seien Frauen auf der Leitungsebene noch unterrepräsentiert. Von den sechs Präsidenten der Landesgerichte gibt es nur zwei Frauen – unter anderem Eike Höcker in Bückeburg. „Wir sind hier im Landkreis also sehr fortschrittlich.“

Als Referendarin Kaffee gekocht

Benz erinnert sich noch gut, wie sie als Referendarin noch Kaffee kochen musste. „Damals wurden doch sehr deutlich Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Referendaren gemacht. Während meiner Ausbildung hat tatsächlich noch das Vorurteil geherrscht, dass Frauen zu emotional seien, um zu richten.“ Deswegen hätten Frauen doppelt so viel leisten müssen, um sich zu beweisen und wahrgenommen zu werden.

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Heutzutage erlebe sie die Justiz als modern und familienfreundlich. „Die jungen Kollegen sind ja ganz anders erzogen worden und haben andere Erfahrungen gemacht“, sagt die Mutter zweier Kinder, die neun Jahre pausiert hat, um für die Familie da zu sein.

Und dafür sei sie damals bei anderen Frauen auf Unverständnis gestoßen. Ihr seien die Nachteile, schlechtere Versorgung im Alter und der Karriereknick, bewusst gewesen, „aber es war meine eigene Entscheidung. Meiner Laufbahn hat es nicht geschadet“.

Das Thema nicht aus den Augen verlieren

Während sie auf den Muttertag gut und gerne verzichten könne – „mich an einem Tag feiern zulassen, weil ich Mutter bin und Blumen geschenkt zu bekommen, finde ich merkwürdig“ – sei ihr der Weltfrauentag doch wichtig. Natürlich gebe es andere Länder, in denen Frauen viel weniger Rechte als Männer haben, aber auch in Deutschland dürfe man das Thema keinesfalls aus den Augen verlieren. Und sobald man in einem Kinderladen sei, werde man ja auf die Unterschiede gestoßen, blau für die Jungen, rosa für die Mädchen. „Warum?“, fragt Benz. Sie wolle gar nicht wegdiskutieren, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede gebe, aber diese äußerten sich sicherlich nicht in der Farbe des T-Shirts.

Regina Benz.

Regina Benz.

"Welches Rollenbild vermittelt diese Frau?"

Bei der Frage, ob Deutschland heute überhaupt noch einen Weltfrauentag braucht, fällt Silke Weibels mindestens ein Grund ein, warum dem so ist. Und dieser Grund heißt Heidi Klum. "Welches Rollenbild vermittelt diese Frau?", sagt die Kreis-Jugendfeuerwehrwartin kopfschüttelnd. Schließlich gehe es nicht um eine tolle Hülle oder "wie schick mein Make-up ist", sondern um Bildung und darum, "eine Meinung zu haben". Man müsse schon sehr aufpassen, dass die Medien hier kein falsches Bild vermittelten, wie es die Sendung "Germay's next Topmodel" tue.

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Weibels macht deutlich, welches Rollenverständnis sie ihren beiden Söhnen vermitteln möchte: „Sie müssen genauso wie mein Mann und ich Aufgaben im Haushalt übernehmen.“

Seit dem 16. Lebensjahr in der Feuerwehr aktiv

Bei der Feuerwehr, wo Weibels seit ihrem 16. Lebensjahr aktiv ist, habe sie jedoch nie Vorbehalte erfahren – außer von ihrem Vater, dem damaligen Ortsbrandmeister von Hülsede-Meinsen. „Als ich in die Jugendwehr eintreten wollte, sagte er ,als Ortsbrandmeister erlaube ich dir das, als Vater nicht‘“, erinnert sich die heute 50-Jährige lachend und fügt hinzu: „Dann hat meine Mutter die Eintrittserklärung unterschrieben. Ich war damals das erste Mädchen dort.“

Heutzutage liege der Anteil der Mädchen in Kinder- und Jugendwehren bei über 40 Prozent. Aber in der aktiven Wehr seien die Zahlen geringer. Dies liege, wie in vielen anderen Bereichen, daran, dass Frauen bei der Familiengründung häufig diejenigen seien, die zurückstecken müssten. Auch wenn sie nicht ausschließen wolle, dass auch bei der Feuerwehr Frauen gezielt ausgeschlossen würden, „ich persönlich habe das aber nie erlebt. Es kommt nicht auf das Geschlecht an, sondern die Fähigkeiten jedes Einzelnen“. Dass das noch nicht in allen Köpfen angekommen ist, habe sie vergangene Woche auf einer Veranstaltung erlebt, als die Rede von „Kinder-, Jugend- und Herrenfeuerwehr“ war. Tatsächlich wurden in der Berufsfeuerwehr bis 1995 keine Frauen aufgenommen.

Kein klassischer Weg

Nach mehr als zehn Jahren als Betreuerin und Kinderfeuerwehrwartin in Lauenau wurde Weibels 2009 Fachbereichsleiterin Kinderfeuerwehr der Kreis-Jugendfeuerwehr Schaumburg. Nach drei Jahren als stellvertretende Kreis-Jugendfeuerwehrwartin ist sie im April 2015 zur Kreis-Jugendfeuerwehrwartin gewählt worden. Auch wenn sie hier keinen klassischen Weg begangen hat, muss sie bei der Frage nach „typischen Frauenberufen“ lachen: „Ich bin gelernte Erzieherin und habe später Sozialarbeit studiert, klischeehafter geht es kaum.“ Heute arbeitet sie bei der Fachberatung für Kindertageseinrichtungen des Landkreises.

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Silke Weibels.

Silke Weibels.

Respekt vor der Aufgabe

Zwei Mitarbeiterinnen hat Nicole de Leve zur Zeit, die restlichen 31 Kollegen sind Männer. Für die 46-Jährige ist das kein Problem, hat sie doch bereits vor 20 Jahren ihre erste Straßenmeisterei, damals in Hermannsburg, geleitet. Seit neun Jahren führt sie die Meisterei in Stadthagen.

Natürlich habe sie damals, als sie frisch die Leitung übernommen hat – gerade einmal einen Tag nach ihrer Prüfung – Respekt gehabt vor der Aufgabe, aber ihr sei von keinem der Mitarbeiter Misstrauen entgegengeschlagen, ob sie kompetent genug sei. „Dabei waren das alles gestandene Straßenwärter, die meisten natürlich deutlich älter als ich damals“, erinnert sich die Bauingenieurin. Aber mit ihrem Fachwissen habe sie überzeugt.

Nie das Gefühl gehabt, sich mehr beweisen zu müssen

Wenn man für seine Aufgabe brenne, merkten das auch die Mitarbeiter. Die Anforderungen seien hoch, „aber da muss sich ein junger Kollege genauso erst beweisen. Deswegen habe ich mich eher immer geärgert, wenn es hieß: ,Das muss ja schwierig sein in solch einer Männerdomäne‘“. Nie habe sie das Gefühl gehabt, sich mehr beweisen zu müssen, als ein Mann.

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Aber im Privaten habe sie ungern über ihren Beruf gesprochen, „da wird man von Männern doch schnell als ,Karrierefrau’ in eine Schublade gesteckt“. Sie sei nun einmal nicht das „hilflose Weibchen“, sondern selbstständig und meistere ihren Alltag alleine. In der Gesellschaft sei es aber auch heute noch so, vielleicht noch mehr im ländlichen Bereich als in den Großstädten, dass es ein klassisches Rollenbild gibt. „Du bist doch eine Frau, warum bist du nicht verheiratet, warum hast du keine Kinder und warum arbeitest du so viel?“ Mit solchen Fragen sei sie konfrontiert worden.

„Ich glaube schon, dass es auch heutzutage noch viele Männer gibt, die von starken Frauen, die im Beruf erfolgreicher sind und vielleicht auch noch mehr Geld verdienen, verunsichert sind.“ Sie selbst ist seit vergangenem Jahr verheiratet – ihr Mann zeigt Verständnis für ihren Beruf, kommt er doch ebenfalls aus der Baubranche.

Nicole de Leve.

Nicole de Leve.

Wasch doch selbst!

Ich habe mich nie als Feministin gesehen, vielleicht einfach, weil ich es nicht als nötig empfunden habe. Schließlich haben die Frauenkämpferinnen im vergangenen Jahrhundert ganze Arbeit geleistet. Dennoch zucke ich zusammen, wenn jemand Mädels sagt – und eine Gruppe Frauen um die 30 Jahre meint. Und richtig sprachlos hat mich vor Kurzem ein Arzt gemacht. Ich hatte meinen Freund begleitet und war – um all den schniefenden und hustenden Menschen im Wartezimmer zu entkommen – ausnahmsweise mit ins Behandlungszimmer gegangen.

Mein Freund leidet unter Allergien und hatte eine Immunisierung machen lassen. Plötzlich wandte sich der Arzt dann demonstrativ mir zu, um zu erklären, wie wichtig es für einen Allergiker sei, dass die Bettwäsche regelmäßig gewaschen werde. Männliche Fähigkeiten mögen beschränkt sein, eine Waschmaschine können sie aber bedienen.

SN-Redakteurin
Mira Colic

Ran an den Mäher

Bislang hatte der Frauentag für mich keine Bedeutung. Mangelnde Gleichberechtigung schien mir in meiner Welt kein Thema zu sein – bis ich mit den Gepflogenheiten der Kleingärtner Bekanntschaft machte. Um einen Schrebergarten in Minden zu mieten, muss man leider auch Mitglied des Vereins werden. Und dort herrschen, wie ich erfahren musste, noch andere, arg verstaubte Regeln. „Die Frau“ kann hier nämlich keinen Rasenmäher bedienen, musste ich erfahren, als ich zu meinem ersten Gemeinschaftsdienst antrat, der alle paar Monate zu erfüllen ist.

Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich tatsächlich für meine Gleichberechtigung als Frau kämpfen. War es mir doch eigentlich völlig egal, ob ich Rasen mähen oder Beete säubern sollte, gab ich nicht eher Ruhe, bis man mir den Rasenmäher in die Hand gab – und dazu noch einen männlichen Gärtner, der mir zeigen sollte, „wie Mann das macht“.

SN-Redakteurin
Kirsten Elschner

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