"Tante Minchen"

Älteste Kneipe Hannovers feiert Neueröffnung

Gute Stube, gute Idee: Thomas Althaus und Julia Werner haben „Minchen’s“ renoviert – und dabei den nostalgischen Charme bewahrt.

Gute Stube, gute Idee: Thomas Althaus und Julia Werner haben „Minchen’s“ renoviert – und dabei den nostalgischen Charme bewahrt.

Hannover. Viele Geschichten ranken sich um das schmucke Backsteinhaus Nummer 135 in der Hildesheimer Straße. Vor allem eine hält sich wacker: Dass es von der gegenüberliegenden Gilde-Brauerei eine direkte unterirdische Bierleitung in die im Erdgeschoss ansässige Gastwirtschaft gibt. Hauseigentümer Rolf Lüpke ist 83 Jahre alt, und er lacht gern darüber. Aber: „Die Leitung hat natürlich nie existiert.“

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Macht nichts. Die Eckkneipe „Tante Minchen’s Gute Stube“ ist auch ohne Leitung Legende genug. 1872 eröffnet, ist sie eine der Kneipen Hannovers, die am längsten am gleichen Ort stehen - und für viele Stammgäste eine Institution. Nur in den jüngsten Jahren, da ging es dem „Tante Minchen“ nicht so gut. Das hat Pächter Thomas Althaus bei der wochenlangen Renovierung zu spüren bekommen, als der Putz von der Decke bröselte und sich der Holzwurm aus den Möbeln windete. „Es war ein Abenteuer“, resümiert der gelernte Tischler. Althaus und seine Freundin Julia Werner sind die neuen Betreiber der alten Schankwirtschaft. Heller und offener ist der Gastraum geworden, aber die dunklen Balken, der Kachelofen und die alten Holzstühle sind geblieben. „Wir haben modernisiert, wollen aber den alten Charakter des Lokals beibehalten“, sagt der 46-jährige Neuwirt. „Das ,Minchen‘ bleibt das ,Minchen‘.“

Ja, das „Minchen“, auch so eine Legende. An Hermine Krüger, nach der die Kneipe in den sechziger Jahren benannt wurde, ranken sich viele Anekdoten. Hauseigentümer Rolf Lüpke erinnert sich an eine „patente Frau, die den Laden schon frühmorgens aufgemacht hat, um ihren Gästen Brötchen zu schmieren“. Allerdings soll die Wirtin auch schon mittags so besäuselt gewesen sein, dass die Gäste sich irgendwann ihr Bier selbst zapften - und das Geld dafür in die Kasse legten. „Alle waren ehrlich - es war wie in einer großen Familie“, sagt Lüpke. So entstand der neue Name. Anfangs hieß die Schankwirtschaft „Gilde Bräu Quelle“, weil ihre Entstehung mit dem Bau der städtischen Lagerbierbrauerei auf der anderen Straßenseite verknüpft war. Lüpkes Großeltern betrieben die Kneipe anfangs selbst; der Enkel erinnert sich heute noch an die Kutscher von außerhalb, die nach dem Zoll am Döhrener Turm hier in die erste Gaststätte einkehrten und ihre Pferde zum „Ausspann“ an großen Metallketten festmachten. „Die Pferde kannten den Weg schon von alleine. Das war immer peinlich, wenn mal ein Fremder auf dem Kutschbock saß.“

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Generationen von Südstädtern, meist gut situierte Bürger, die sich was leisten konnten, haben sich im „Minchen“ getroffen. Später auch die Schüler der nahe gelegenen Waldorfschule, als diese entdeckte hatten, dass man in den Nischen des Gastraums unbemerkt Bier trinken und knutschen konnte. Die Kneipe hat die Verbreiterung der Hildesheimer Straße - und mit ihr die Verkleinerung des Biergartens - ebenso überlebt wie häufige Betreiberwechsel. Da gab es anfangs die Wirtsfamilie Denecke, die das Bier noch in Fünf-Liter-Siphonflaschen ausschenkte. Oder Alfred und Helga Schimbold, die sich den Spitzenkoch Arno Lange in die gute Stube holten, um außer Schmalzbrote auch Garnelen, Steaks und Pilzragouts auf die Karte setzen zu können. Irgendwann, erinnert sich Lüpke, wollte ein Herr aus Kuwait das „Minchen“ zu einer von 14 Nostalgiekneipen machen - und stattete es mit alten Kirchenbänken aus. In den vergangenen Jahren erlebte der Hauseigentümer nur noch kurze Gastspiele von Wirten, die dem „Tante Minchen“ neues Leben einhauchen wollten - den meisten fehlte jedoch das Geld, um durchzuhalten. „Früher war man noch geselliger“, sagt Lüpke. „Heute gibt es billiges Bier in den Discountern und einen Fernseher zu Hause.“

Thomas Althaus freut sich, dass schon viele frühere Stammgäste vorbeigekommen sind. „Einige waren positiv überrascht, dass sie nicht mehr um das Haus rumlaufen müssen, wenn sie zur Toilette wollen.“ Auch Qualitätsweine und kleine Speisen bietet das Betreiberpaar jetzt an, Livemusik soll es so oft wie möglich geben. Eine Neuerung dürfte der gegenüberliegenden Brauerei nicht so gut schmecken. Statt Gilde gibt es im „Tante Minchen“ künftig Herrenhäuser als Stammmarke. Und so ist wohl auch endgültig Schluss mit der Sage von der unterirdischen Bierleitung.

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