Tierärztliche Hochschule

Ärzte der TiHo behandeln häufiger exotische Tiere

Für einen kurzen Moment könnte man neidisch auf Miss Marple werden. Einfach den Kopf einziehen und in einem Panzer verschwinden, wenn der Arzt mit der Spritze kommt. Doch die Flucht ist nicht von Dauer. Beherzt greift Tierärztin Pascale Günther zu, zieht vorsichtig den Schwanz der griechischen Landschildkröte unter dem harten Schutzschild hervor und piekst mit der Nadel zu. Alltag in der Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel der Stiftung Tierärztliche Hochschule. Mister Stringer, der Schildkrötenmann, wird ebenfalls Blut lassen müssen. Nur das gemeinsame Baby namens Quasi muss noch nicht zur Blutabnahme.

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Die Schildkrötenfamilie aus Munster nutzt den Termin für einen umfassenden Gesundheitscheck – wenn auch Jürgen Wulf vor zwei Wochen eigentlich nur wegen Mister Stringer in die TiHo gefahren ist. Mister Stringer hatte sich den Unterkiefer gebrochen. „Wahrscheinlich bei einer Fressattacke“, glaubt sein Besitzer. „Das kann schon einmal vorkommen, wenn sie etwas besonders Leckeres bekommen“, sagt die Tierärztin und nickt. Beim Fressen versuchen Schildkröten nämlich, einander das Futter aus dem Maul zu reißen – „und dann geht es knack, Kiefer ab.“ Mit Kleber, wie er in der Zahnmedizin verwendet wird, hat die Tierärztin Mister Stringers Kiefer geschient. „Sieht gut aus“, sagt sie. Das hat schon sein Tierarzt daheim in Munster gemeint, bei dem Mister Stringer zuvor in Behandlung war. Als die Schildkröte anschließend aber überhaupt nicht mehr fressen wollte, sind ihre Besitzer mit ihr zur TiHo gefahren.

Seit vier Jahren verarztet Tierärztin Günther dort Reptilien. Früher waren es tatsächlich meist Schildkröten, die sie auf den Behandlungstisch bekam. Heute hat sie es immer häufiger mit Bartagamen zu tun, also mit mittelgroßen Echsen, die ursprünglich in Australien zu Hause sind, zunehmend aber auch in Hannover ein neues Heim finden.

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„Bartagamen sind in“, hat die Tierärztin beobachtet, auch weil sie verhältnismäßig einfach zu halten seien: „Sie sterben keinen Stresstod, sie werfen keine Schwänze ab, und sie lassen sich gut züchten: Es gibt sehr viele davon, sodass die Tiere inzwischen zu besonders günstigen Preisen zu haben sind.“

Den Echsen gereicht dies nicht immer zum Vorteil. Zwar gönnen sich viele Menschen ein bisschen Exotik im Wohnzimmer, wissen aber nicht, mit den Tieren richtig umzugehen. „Der größte Anteil meiner Patienten ist krank, weil er nicht artgerecht gehalten wurde“, sagt Günther – oder aber, weil die Besitzer ihre Tiere nicht genau genug beobachtet und zu spät ein Leiden erkannt haben: „Viele Echsen sind Beutetiere. Sie zeigen erst sehr, sehr spät, wenn es ihnen nicht gut geht.“ Denn in der freien Wildbahn ist ein schwaches Tier leichte Beute. Und wenn dann beispielsweise eine Schlange – die ja nicht unbedingt tägliche Kuscheleinheiten benötigt – zwei Wochen lang in ihrem Terrarium liegt und nicht herausgenommen wird, könne es schon vorkommen, dass eine Krankheit nicht erkannt wird.

Zum Beispiel Rodney. Wie es dazu kommen konnte, dass sich der kleine Königspython derart den Bauch verbrannt hat, ist Rodneys Besitzerin ein Rätsel. „Viele Schlangen legen sich auf Wärmesteine oder wickeln sich um Lampen und merken einfach nicht, wie sie sich verbrennen“, sagt Tierärztin Günther. Woran das liegt, kann auch sie nicht beantworten. Dass sich dann die Haut entzünde, sei nicht selten.

Königspython Rodney kringelt sich auf dem Behandlungstisch zusammen. Ganz klein macht er sich, so als wollte er unbedingt vermeiden, von der Ärztin gesehen zu werden. Die Schuppen unter seinem Bauch sind stark entzündet. Das Antibiotikum, das ihm die Tierärztin vor 14 Tagen verordnet hatte, hat keine Wirkung gezeigt.

Die Schlange windet sich. „Süßer, mach doch nicht so einen Knoten aus dir!“ Tierärztin Maike Prütz und Studentin Angela Mnich halten Rodney fest, während ihre Kollegin Günther die Schuppen säubert und desinfiziert. „Das sieht nicht gut aus“, sagt Günther. Rodneys Besitzerin guckt betroffen. „Bitte weiterhin einmal täglich mit der Lösung baden und ihm das neue Antibiotikum geben.“

Für den großen Uhu, der zwei Stockwerke höher auf dem Operationstisch der Abteilung der Zier- und Wildvögel liegt, sieht es hingegen sehr gut aus. Tierarzt Marko Legler zieht ihm gerade die Fäden. Die Wunde am Flügel ist gut verheilt. „Der Uhu hatte ein Anflugtrauma“, sagt der Mediziner. Der große Vogel ist also irgendwo gegengeflogen. Aber heißt es nicht, Eulen könnten besonders gut sehen? „Wenn es stockdunkel ist, sehen auch Uhus nichts“, erklärt Legler lächelnd, während die Großeule auf seinem Arm ihre orangefarbenen Augen aufleuchten lässt. Bei ihrem Anblick muss man an Errol denken, die tollpatschige Eule der Familie Weasley aus den Harry-Potter-Büchern – Errol legt auch immer Bruchlandungen hin. Spaziergänger hatten den verletzten Uhu im Deister gefunden und im Wisentgehege in Springe abgegeben. Dort hatte man die Spezialisten der TiHo informiert. Nun ist die Eule genesen und soll bald in der Auswilderungsstation in Sachsenhagen betreut werden, bevor sie in den Deister zurückkehren wird.

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Wer für die Behandlungskosten aufkommen wird? „Das ist immer ein Problem“, sagt Klinikleiter Prof. Norbert Kummerfeld. Für Wildtiere fühle sich häufig niemand zuständig. Da lässt die Großeule noch mal die Augen leuchten. Sie zwinkert nicht. Sie guckt nur. Wüsste man nicht, dass das Blinzeln von Eulen kaum wahrnehmbar ist, weil ein zellophandünnes, drittes Lid blitzschnell über das Auge fährt, könnte man in diesem Moment meinen: Der Uhu ist empört.

Heike Schmidt

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