Garbsen

Big Band Berenbostel trainiert die Jiggs-Whigham-Sprache

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel: „So ist es gut – yeah.“

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel: „So ist es gut – yeah.“

Berenbostel. Es ist etwa so, wie mit der Kunst des Vorlesens: Ein Rufus Beck macht das anders als eine Elke Heidenreich. Die Worte sind dieselben. Es kommt darauf an, ihnen Leben zu geben. Die Big Band Berenbostel (BBB) versteht sich perfekt auf die Sprache ihres Mentors Bodo Schmidt. Im Konzert am Sonntag in der Aula des Geschwister-Scholl-Gymnasiums hat sie anders „gesprochen“:  Sie sprach Whigham.

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Hingerissenes Publikum spendet tosenden Applaus 

Tosender Applaus schon vor der Pause: Die Big Band setzt zusammen mit Jiggs Whigham Glanzlichter an den Konzerthimmel – und das nicht zum ersten Mal. Rund 250 Zuhörer schnippen und klatschen, bis die Hände kribbeln.

Whigham und die Band spielen die Stücke, die sie im Workshop seit Freitag erarbeitet hatten. Das vielseitige Programm berührt unterschiedliche Epochen.  Whigham spornt Musiker und Solisten nicht nur zu Höchstleistungen an  – etwa bei dem nicht gerade einfachen Titel „Rough Riding“ –, sondern zieht die Zuschauer auch mit Witz und Charme in seinen Bann. „Sie können sich glücklich schätzen, eine so wunderbare Band hier in Berenbostel zu haben“, sagt er. Das wissen die Fans, das wissen aber nur wenige in der Region Hannover oder darüber hinaus. „Fantastisch, wie immer. Jiggs setzt noch einen drauf“, sagt Lennart Schmidt, selbst ein Kind der Big Band. Auf eine besondere Stimme der Big Band haben die Gäste allerdings verzichten müssen: Sängerin Lilly Karacay hatte die Stimme versagt.

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Die Big Band lernt in 18 Stunden eine andere Sprache

Jiggs Whigham, 74-jähriger Gastdirigent mehrerer Big Bands auf dieser Welt, Professor, Lehrer und am liebsten Posaunist, hatte an diesem Wochenende rund 18 Stunden Zeit, den Musikern zu zeigen, was für ihn Big-Band-Musik ist. Was steckt da drin in weltbekannten Kompositionen wie „Take the A Train“ und „My funny Valentine“? Was liest Whigham aus den Noten? Und wie will er es hören? Er hat 22 junge „Vorleser“ vor sich. Sie alle können hervorragend lesen, einige verdienen damit ihr Geld. Leben sie auch, was sie lesen?

Oliver Prahlow ist im Moment das herausragende Talent an der Trompete. Der 21-Jährige hat sein Solo einstudiert, er spielte es am Sonntag nicht zum ersten Mal. Whigham lässt ihn spielen, hört und sucht einen Weg, Prahlows Spiel authentischer klingen zu lassen. Er weiß, was Prahlow kann. Aber er will einen ganz bestimmten Effekt.

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel:

"Hast Du eine Freundin?", fragt ihn Whigham. Nein. "Dann spiel so, als hättest Du eine." Das Stück My funny Valentine von Chet Baker sei eine der berührendsten Liebesbaladen der Jazz-Literatur, sagt Whigham. Er rezitiert den Text und gesteht, dass ihn Bakers letztes Konzert mit der NDR Big Band in Hannover 1988 zum Weinen bringen kann. "Berühr mich, Oliver, spiel keine Noten. Wir brauchen als Publikum Deine Liebe für dieses Stück."

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Noten. Whigham spielt nie mit Notenblatt. Als Professor verlangte er von seinen Stundenten, 100 Jazz-Standards in allen Tonarten auswendig zu kennen. Noten lenken ab. Whigham will die Sprache hören, will den Fokus auf Liebe, Freude, Leidenschaft, Trauer und Sehnsucht. Das steht alles nicht in den Noten. „Feel it“ (fühlt es), sagt Whigham immer wieder. Und die Big Band fühlt es. Whigham benutzt einfache Bilder, um klar zu machen, um was es ihm geht.  Nicht um Technik. Es geht um das Mentale, um Kopf und Muse.

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel: Musik passiert im Kopf.

Plötzlich zückt Whigham einen 50-Euro-Schein. „Verschenke ich, wenn mir jemand wiederholt, was Elisa Armbrecht gerade in ihrem wundervollen Saxophon-Solo gespielt hat. Hat keiner gehört?“ Der Schein wandert zurück in die Tasche. Whigham ahnte das. Er hatte die Musiker in einem Moment erwischt, in dem jeder seinen Part spielte, aber das Gesamte nicht hörte. Das kurze Solo ging unter.

Whigham hat beim Rias dirigiert und bei der BBC. Er kennt alle namhaften Jazz-Orchester Europas. Sein Auftritt am Sonntag wird in der Szene nie den Nachklang haben, wie ein Konzert mit der BBC Big Band. BBC klingt nach etwas. Wonach klingt BBB? "Berenbostel", sagt Whigham, "kennt doch keiner. Aber Bodo Schmidt macht genau hier eine so hervorragende Arbeit. Ich kenne in Deutschland keine bessere Big Band aus Schülern und Ehemaligen. Es ist so ermutigend, aber auch so schade." Darum kommt Whigham immer wieder nach Garbsen – am Sonntag spielt er zum siebten Mal mit der BBB. Kein anderer Gastdirigent von Weltruf hat so oft vor den Musikern gestanden. Trotzdem ist es immer wieder ein erstes Mal, weil die Besetzung ständig wechselt.

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel:

NACHGEFRAGT 1

Mister Whigham, Sie haben mit so vielen Big Bands gearbeitet. Wollten Sie nie Ihre eigene Band haben, die nur Ihre Sprache spricht?

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Ja, früher vielleicht. Aber wie wird ein Musiker Millionär? You have to start as a billionaire. Das ist mal eine Geldfrage. Und es macht mich glücklich, mit so unterschiedlichen Bands Projekte zu machen. Ich habe Abwechselung und viele Bands – was will ich mehr?

Wie halten Sie sich so fit und frisch im Kopf ?

Nie drüber nachgedacht...Ich glaube, es ist letztlich die Musik und die Zeit mit solchen jungen Leuten hier. That’s quality livetime.

Was beim Proben auffällt: Sie lassen die Stücke nur drei, vier Mal spielen. Das scheint sehr wenig...

Vielleicht eine Wigham-Weisheit aus vielen Berufsjahren: Überprobe nicht! Das Orchester ist kein Spielmobil des Dirigenten. Dann wird’s für die Musiker langweilig, und manche werden ängstlich. Wozu? Ich brauche es frisch und unverbraucht. Dann kann ich nicht jedes Stück zehnmal durchspielen – lassen wir doch die Kirche im Dorf. Jeder hier ist gut. Ich kann aber mit ihnen so gut arbeiten, weil jeder exzellent sein will. Das zählt. Darum macht mir das hier so großen Spaß.

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Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel

Jiggs Whigham und die Big Band Berenbostel: Oliver Prahlow.

NACHGEFRAGT 2

Herr Prahlow, Jiggs Whigham hat Sie bei den Proben etwas herausgepickt und gefordert. Macht das Druck?

Ja und Nein. Der Druck ist vorher, wenn wir wissen, dass er kommt. Jeder übt noch ein bisschen mehr. Aber wenn er hier ist und wir arbeiten, ist es entspannt. Jeder Dirigent ist anders, jeder hat eine andere Auffassung. Das zu erleben, ist spannend. Druck ist eher kein Problem.

Sie haben das Solo in „Funny Valentine“. Verstehen Sie, worauf Jiggs Whigham hinaus will?

Sicher. Und es gut, wie er es transportiert. Ich weiß das ja. Aber wenn man ein Stück oft spielt, geht das manchmal mit der Leidenschaft und dem Feeling verloren.

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Haben Sie das Gefühl, Sie entwickeln sich bei diesem Workshop? Passiert da etwas mit Ihrem Spiel?

Auf jeden Fall. Wir sind motiviert, jeder will es besser machen. Letztlich bringt es uns alle voran.

Von Markus Holz und Anke Lütjens

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