Bundespräsident in der Kritik

Brot aus Hannover bringt Christian Wulff Ärger in Berlin

„Der Bäcker vom Bundespräsidenten“ steht auf seinem T-Shirt. Wenn Joachim Gaues seine Waren ausliefert, zeigt er dies seinen Kunden gern in weißen Lettern auf schwarzem Leinen. Und nicht nur denen: Auch die Fernsehzuschauer des NDR konnten den Schriftzug schon sehen – während der Bäcker aus Hannover den Bundespräsidenten in Berlin mit seinen Waren belieferte. Vor gut einem Jahr war dies, am 9. Juli.

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Das Staatsoberhaupt beliefert der 44-jährige Bäckermeister schon länger; bereits Roman Herzog bekam während seiner Amtszeit zwischen 1994 und 1999 Brötchen und Brot aus Ledeburg ins Schloss Bellevue gebracht. Das Präsidial-amt erklärt die Affinität zu Hannovers Gebackenem damit, dass es derartige Produkte in Berlin nicht gebe. Und der in Hannover Backende sagt stolz: „Es gibt nur einen Bundespräsidenten, und der hat einen Bäcker aus Hannover.“ Ein so prominenter Kunde bedeutet eben mehr als Umsatz, so etwas spricht sich herum.

Gestört hatte dies die Berliner Konkurrenz bislang nicht. Erst seit der Bundespräsident Christian Wulff heißt und aus Niedersachsen kommt, sind die Hauptstadtbäcker verärgert und fordern Schrippen von der Spree. Sie könnten genauso gut backen wie die Kollegen, haben sie jetzt betont: Und wie Gaues beherrschten zahlreiche Bäcker ihr Handwerk nach alter Tradition, sagte Wolfgang Rink von der Handwerkskammer Berlin der „Berliner Zeitung“: „An der Qualität der Berliner Brötchen kann es nicht liegen.“

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Die Geschichte liest sich ja auch zu schön: Nach dem jüngsten, trotz privat bezahlter Rechnung kritisierten Mallorca-Urlaub in der Villa von Freund und AWD-Gründer Carsten Maschmeyer lässt Wulff nun auch noch seine Frühstücksbrötchen aus der Heimat kommen! Was für guten Geschmack spricht, könnte erneut ein „Geschmäckle“ enthalten.

Tatsächlich aber fahren die Transporter des Traditionsbäckers fünfmal in der Woche aus Hannover nach Berlin. Das Hotel Adlon zählt ebenso zu Gaues regelmäßigen Abnehmern wie das Grand Elysee in Hamburg; das Schloss Bellevue beliefert der 44-Jährige hingegen zweimal im Monat – wobei Wulff fast nur Brötchen und Vollkornbrot bekommt. Gaues nennt den monatlichen Umsatz von 400 Euro „nicht so hoch“.

Trotzdem hat die rund 300 Kilometer lange Anfahrt auch die Umweltschützer auf den Plan gerufen. Die Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling bezeichnete den Lieferweg als „verrückt“. Und die Sprecherin des BUND in Berlin, Carmen Schultze, sieht es als umweltpolitisch nicht korrekt an, sich Waren liefern zu lassen, die vor Ort produziert werden könnten: Gerade „qualitativ hochwertige“ Häuser setzen zunehmend auf regionale Produkte. Dieser Meinung schließt sich Rink an: „Natürlich wäre es schön, wenn die Brötchen für den Bundespräsidenten aus Berlin kämen“, sagt der Mann von der Handwerkskammer.

Dass die Berliner ihren eigenen Schrippen nicht trauen, sagt er nicht. 50 Prozent aller in der Hauptstadt verkauften Brötchen werden laut Bäckerinnung im Ausland produziert; die meisten kommen als Teiglinge aus Polen. Was für diese Brötchen spricht? Der Preis geht vor Genuss – Gaues-Kunden rümpfen über solche Qualität wohl eher die Nase. Nicht nur der Bundespräsident.

Tatjana Riegler

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