Wiedersehen an der Leibnizschule

Der Abiturjahrgang mit den fünf Sternen

Foto: 20 von 28 Schülern aus dem Abschlussjahr 1962 trafen sich an der Leibnizschule mit ihrem alten Lehrer.

20 von 28 Schülern aus dem Abschlussjahr 1962 trafen sich an der Leibnizschule mit ihrem alten Lehrer.

Hannover. Die Reihenfolge soll genau so sein wie vor 50 Jahren. Die goldenen Abiturienten gehorchen aufs Wort – auch, wenn sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können. „Das hört sich ja an wie damals“, ruft einer lachend. Und auch die diesjährigen Abiturienten der Leibnizschule, die mit ihren Familien am Sonnabendvormittag zur Entlassungsfeier kamen und an der Seniorengruppe vorbei in die Aula strömten, blieben stehen und lächelten. Manch einer schien sich zu fragen: „Wo werde ich wohl in 50 Jahren sein?“

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In der Leibnizschule gehört es zur Tradition, dass beim feierlichen Überreichen der Hochschulreifezeugnisse der goldene Abiturjahrgang zugegen ist – und zwar auf den Ehrenplätzen in der ersten Reihe. In diesem Jahr kehrten 20 der insgesamt 28 Schüler zählenden Klasse 13b von 1962 in ihre alte Schule in der List zurück. Fünf sind inzwischen verstorben, nur drei waren verhindert. Mit dabei war ihr Klassenlehrer Gerhard Kollewe. 90 Jahre alt ist er mittlerweile.

Und es gab niemanden unter den ehemaligen Leibnizschülern, der sich darüber nicht von Herzen zu freuen schien. „Mit dem Boss, so haben wir ihn immer genannt, hatten wir Riesenglück“, sagt Rolf Andree, der aus Wiesbaden angereist ist: „Er war streng, aber immer fair und gerecht. Er hat jeden gleich behandelt. Er hatte Charisma, und wir haben ihm vertraut. Für Jungen in dem Alter war er einfach perfekt.“

Das Kompliment rührt Kollewe, und er gibt es ohne Zögern zurück. „Ich habe nie wieder so einen intelligenten und fleißigen Abiturjahrgang gehabt“, sagt der Mathematik- und Physiklehrer charmant: „Die bekommen von mir fünf Sterne.“ In der Tat können sich die Karrieren der Männer, wie sie Kollewe auch heute nach 50 Jahren noch nennt, sehen lassen. Allein 16 der heute 70- und 71-Jährigen haben Maschinenbau studiert. Elf tragen einen Doktortitel, vier haben es zum Professor gebracht. „Und das haben wir sicher zu einem ganz guten Stück unserem Lehrer Kollewe zu verdanken“, sagt Mathematiker Lohse. Seine Klassenkameraden nicken zustimmend.

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Doch ob Professor, Doktor oder Oberstudienrat – an diesem Vormittag ist der Abiturjahrgang 1962 so ausgelassen und mit Schalk im Nacken unterwegs wie damals, als die Schüler 18, 19 oder 20 Jahre alt waren. Im Foyer der Schule sitzen sie mit dem Boss zusammen und sprudeln über vor Anekdoten. „Wisst ihr noch, wie zwei von uns damals nach den Sommerferien mit Vollbärten in die Schule zurückkehrten?“, fragt der ehemalige Klassensprecher Dirk Riegel in die Runde. „Oh ja“, antwortet einer, „der Boss tat so, als sehe er das gar nicht, und sagte nur: ,Morgen sind die Bärte ab.‘ Und das waren sie dann auch.“

Oder die Abschlussfahrt nach Paris und Brüssel. „Der Boss gab uns immer den halben Tag frei. Das war ein ungeheurer Vertrauensbeweis“, erinnert sich Paul Tegtmeyer und ergänzt vielsagend: „Denn wir haben ordentlich Spaß gehabt.“ Kollewe hört sich das alles mit seinen gütigen Augen und einem leichten Lächeln im Gesicht an. „Ich war fünf Jahre im Krieg“, sagt der 90-Jährige, „das war eine Verantwortung, die viel, viel schwerer wog, als diese Buben in Paris flitzen zu sehen.“

Doch Kollewe erinnert sich auch daran, dass er manches Mal durchgreifen musste. Das tat er auf seine ihm eigene, unaufgeregte und niemals verletzende Art. „Ich erinnere mich, wie einer von Ihnen nach Erhalt einer Klausur die zu erledigenden Korrekturen nicht wie üblich am Tag drauf zurückgab“, erzählt Kollewe. „Ich sagte dann nur: ,So viele Tage später, wie Sie mir Ihre Verbesserungen zurückgeben, so viele Tage später bekommen Sie Ihre nächste Klausur zurück.‘ Die Korrekturen hielt ich noch am selben Nachmittag in den Händen.“

Dass sich Lehrer und Schüler nicht fremd geworden sind, liegt auch daran, dass sie über all die Jahre Kontakt gehalten haben. Sogar das schuleigene Landheim in Nienstedt haben sie noch einmal gemeinsam besucht. „Die ersten Jahrzehnte haben wir uns immer sehr regelmäßig getroffen“, berichtet Lohse, der die Fäden über die Jahre zusammengehalten hat, „doch dann kam die Berufs- und Familienbildungsphase. Da wäre unser Kontakt fast zum Erliegen gekommen. Jetzt aber sind wir in einem Alter, in dem wir wieder viel Zeit haben und loslegen können.“

Und das taten sie dann auch. Nach der offiziellen Abiturfeier 2012 in der frisch renovierten Leibnizschule in der Röntgenstraße ging es für die goldenen Abiturienten und ihre Ehefrauen in das Restaurant „Castello“ nach Herrenhausen. „Da machen wir ordentlich einen drauf“, zeigte sich Lohse überzeugt. An lustigen Anekdoten von früher wird es ihnen sicher nicht gemangelt haben.

Julia Pennigsdorf

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