Wisentgehege Springe

Der mit den Wölfen lebt

Zwischen Matthias Vogelsang und den Timberwölfen im Wisentgehege besteht ein ganz spezielles Verhältnis.

Zwischen Matthias Vogelsang und den Timberwölfen im Wisentgehege besteht ein ganz spezielles Verhältnis.

Springe. Der Leumund des Wolfes ist kein guter. Habgierig soll er sein, heimtückisch und verschlagen – mit einem Wort: böse. So steht es in den Fabeln und Märchen, und wenn jetzt wieder wild lebende Wölfe in Niedersachsen auftauchen, beschleicht manche Menschen ein ungutes Gefühl. Kommt man einem Wolf ganz nahe und blickt ihm in die Augen, sieht man wenig von alldem. Nicht gleich Sanftmut oder Treue drücken sie aus, das wäre übertrieben. Aber Verschlagenheit auch nicht, eher eine Mischung aus Scheu, Neugier und Wachsamkeit. Die Sache ist bloß die, dass nur wenige Menschen die Gelegenheit haben (oder wahrnehmen wollen), einem Wolf auf diese Weise zu begegnen. Im Wisentgehege im Springer Saupark geht das. Dort lebt der 52-jährige Matthias Vogelsang seit vier Jahren unter Wölfen, als ranghohes Rudelmitglied.

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„Ich habe nie an den Rotkäppchen-Mythos geglaubt, schon als kleines Kind nicht“, sagt der kräftige, zupackende Mann mit den knapp schulterlangen Haaren. Früher besuchte er gezielt Tierparks, in denen Wölfe lebten, knüpfte auch Bande zu Wolfskennern, kam aber nie mit den Tieren selbst in Kontakt. Das änderte sich vor gut zwanzig Jahren. Damals erfuhr von dem Ungarn Zoltan Horkai, der in Not geratene Wölfe auf seinem Grundstück versorgte. Er rief ihn an und besuchte ihn. „Wir spürten sofort, dass es etwas gab, was uns beide verband – Wolfsliebe“, erzählt Vogelsang.

Die Floskel, wonach ein bestimmter Moment das Leben eines Menschen komplett verändert, wird oft bemüht und oft zu unrecht. Bei Vogelsang stimmt sie. Nach dem Besuch bei Horkai schmiss er seinen Beruf als Kraftfahrzeugmechaniker hin. Stattdessen zog er selbst Wölfe aus Ungarn auf, die krank waren, vom Rudel verstoßen wurden oder sonstwie nicht zurechtkamen. Mehr als 30 sind es im Laufe der Jahre gewesen, derzeit leben neun von ihnen auf seinem großen Grundstück in der Nähe von Einbeck. Seine Frau Birgit zieht voll mit – „sonst würde es nicht funktionieren“, sagt er.

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Vogelsang kann natürlich mit den Wölfen heulen. Wenn er sich im Wisentgehege an den Zaun stellt und zum Wolfsruf anhebt, antworten die Tiere oder kommen angelaufen. „Ich bin nicht der Leitwolf, dass würden sie nicht akzeptieren. Aber ich zähle zu den Alphatieren“, erklärt er. Leberwurst oder Trockenfutter fressen ihm seine Rudelgenossen aus der Hand. Besucher bleiben dann stehen, manche wollen es nicht glauben – zumal am Gehege ein Schild steht, auf dem davor gewarnt wird, die Finger an den oder durch den Zaun zu stecken: „Wölfe haben scharfe Zähne.“

Für die spezielle Form der Vertrautheit zwischen Homo sapiens und Canis lupus im Wisentgehege gibt es einen guten Grund. Vor vier Jahren übernahm Vogelsang erneut vier verwaiste Timberwolfwelpen aus Ungarn, um sie mit der Hand aufzuziehen. Gemeinsam mit Gehegeleiter Thomas Hennig startete er dann ein einmaliges Experiment. Hennig ließ auf dem Gelände ein neues Wolfsgatter bauen, obwohl in Springe eigentlich schon Wölfe leben, die sich ihre Anlage mit den Bären teilen. Die neue Behausung verfügt über ein weitläufiges Gehege für die Tiere und eine eher spartanische, aber zweckmäßige Hütte für Vogelsang – eine kleine Küchenzeile und gegenüber ein aufgeständertes Bett und ein Kühlschrank. Dort zog dieser in seiner Rolle als Wolfsvater zusammen mit den wenige Wochen alten Welpen ein, das Wisentgehege wurde sein erstes Zuhause. Das Bett brauchte er anfangs gar nicht. Er schlief auf einem Strohlager bei seinen Schützlingen.

Mittlerweile sind Akela, Tala, Yakima und der Rudelführer Nantan zu stattlichen Timberwölfen herangewachsen – mehr oder minder vor den Augen der Besucher im Wisentgehege. Als vor zwei Jahren fünf Polarwölfe aus einem Tierpark nach Springe kamen, wollten Vogelsang und Hennig die beiden Rudel eigentlich zusammenführen. „Das hat nicht funktioniert, sie haben sich nicht vertragen“, sagt Vogelsang. Seitdem kümmert er sich um zwei Rudel – und wird in beiden akzeptiert.

Die heimlichen Stars

Das Wisentgehege trägt seinen Namen, weil es 1928 mit dem einzigen Zweck eingerichtet wurde, Europas größtes Landtier vor dem Aussterben zu bewahren. Das ist gelungen, nicht zuletzt deshalb, weil im Laufe der Jahre mehr als 300 der Riesenviecher mit dem charakteristischen Kinnbart nachgezüchtet wurden. Springer Wisente leben heute in mehreren europäischen Ländern in Freiheit oder in Reservaten.

Insgesamt befinden sich rund 400 Tiere auf der 90 Hektar großen Anlage im Springer Saupark – keine Exoten, sondern heimische Arten wie Bären, Luchse, Vielfraße, Hirsche, Kraniche oder diverse Greifvogelarten. Zu den heimlichen Stars haben sich zuletzt die Wölfe gemausert. Das Projekt von Matthias Vogelsang hat dem Gehege überregional Aufmerksamkeit verschafft. Außerdem sind er und sein ungarischer Freund Zoltan Horkai mit ihren Tieren bei Filmproduktionen dabei, in denen Wölfe eine Rolle spielen – nicht nur bei Natur-, sondern auch bei aufwendig produzierten Spiel- und Werbefilmen.

Ein sechs Kilometer langer Rundwanderweg führt durch das Gehege. Geboten wird aber noch mehr. Ein Falkner bittet Greifvögel zur Flugschau, es gibt Unterrichtsgebäude für Schulklassen sowie diverse Sonderveranstaltungen im Jahresverlauf.

Ostern wird selbstverständlich auch im Wisentgehege gewürdigt. Am Sonntag und am Montag ist der Osterhase mit dem Bollerwagen unterwegs und verteilt Süßes. An der Köhlerhütte gibt es Spiele wie Eierangeln, Eierlaufen oder einen Sackhüpfparcours. Ganz unabhängig von den Feiertagen haben einige Tiere wie Wildschweine und Muffelwild Nachwuchs; andere wie etwa die Störche arbeiten dran.

Geöffnet ist das Gehege an der Kreisstraße 213 (ab Springe ausgeschildert) täglich von 8.30 Uhr an. Tageskarten kosten je nach Alter zwischen 7 und 11 Euro. Wichtig zu wissen: Hunde dürfen nicht mit auf das Gelände.

Was viele Experten umtreibt, beschäftigt auch Vogelsang, der zu den niedersächsischen Wolfsberatern zählt: „Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten gegen den Mythos des Bösen.“ In Springe hat er dafür ein fast perfektes Forum. Er bietet vom Frühling bis zum Herbst Präsentationen mit seinen Schützlingen an, in denen er den Besuchern alles und noch viel mehr über die Lebensweise und das (vor allem von Scheu geprägte) Verhältnis der Tiere zum Menschen erzählt. Es gibt Foto- oder auch Managerseminare, bei denen er die Teilnehmer mit in die Anlage nimmt. Als akzeptiertes Rudelmitglied darf er das. „Im Prinzip kann jeder zu den Wölfen, der älter als 18 Jahre ist und robuste Kleidung trägt.“ Die Einschränkung: Man sollte keine Angst oder Nervosität verspüren oder beides zumindest im Zaume zu halten wissen. Mit Vogelsang an der Seite klappt das ganz gut. Er strahlt die Sicherheit aus, die einer vermitteln kann, der weiß, wie die Tiere ticken. An Interesse mangelt es nicht. Spezielle monatliche Wolfsabende für bis zu 30 Teilnehmer sind, obwohl mit 119 Euro pro Person nicht gerade ein Schnäppchen, für 2014 ausgebucht.

Bleibt die Frage, ob einem dieses ungewöhnliche Leben nicht irgendwann einmal über ist. Vogelsang antwortet auf eine Art, die sonst gar nicht seine ist, nämlich fast entrüstet. „Niemals. Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu, mir wird nie langweilig.“ Und wenn Gäste, die mit ihm bei den Wölfen waren, die Tiere hinterher mit anderen Augen sehen, dann weiß er, dass sich die Sache lohnt.

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