Serie: Als der Frieden nach Hannover kam

Die Amerikaner brachten Kaugummis mit

Hannover. Kaugummi. Und Schokolade. Und ein dunkelhäutiger Soldat, der in seiner Uniform auf einem Panzer sitzt und die Süßigkeiten mit einem Lächeln an Kinder verteilt. Das ist das Bild, das unzählige Menschen in Hannover mit der größten Zäsur in der deutschen Geschichte verbinden; mit dem Ende des Dritten Reichs. Es ist ihre Erinnerung an den 10. April 1945 - an jenen Tag, an dem der Frieden nach Hannover kam, mitsamt Kaugummi, amerikanischer Schokolade und schwarzen Panzerschützen.

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Noch wenige Tage vor diesem Datum hatte NS-Gauleiter Hartmann Lauterbacher in der „Hannoverschen Zeitung“ sinnlose Durchhalteparolen verbreitet: „Wer weiße Fahnen hißt und sich kampflos ergibt, ist des Todes.“ Einen ganz ähnlichen Appell verlas er auch im Radio - dann setzte er sich selbst in den Harz ab. Ein paar Millionen Reemtsma-Zigaretten nahm er mit. Für die Versorgung der Truppen in der Harzfestung, wie er später sagte.

Zu dieser Zeit herrschte Chaos in der zerstörten Stadt: Die Versorgung war zusammengebrochen, im Bunker unter dem Bahnhof wurden Verwundete einquartiert. Wehrmachtssoldaten, die sich abgesetzt hatten, besorgten sich Zivilkleidung und versuchten unterzutauchen. In vielen der noch intakten Wohnstuben zeigten sich plötzlich Staubränder an den Wänden, wo zuvor Hitler-Bilder gehangen hatten.

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Am 2. April, Ostermontag, hatte Hitler im Führerbunker unter der Berliner Reichskanzlei dem Generaloberst Kurt Student befohlen, den Vormarsch der Amerikaner bei Hannover zu stoppen. Die Truppen, die dazu nötig gewesen wären, gab es allerdings gar nicht: In der Prinz-Albrecht-Kaserne standen gut 700 Mann bereit, außerdem waren Flak-Einheiten rund um die Stadt stationiert. Dazu sollte Hannover 25 Volkssturm-Bataillone stellen. Doch als diese zum Kampf antreten sollten, meldeten sich nur 248 Mann.

Gleichwohl befiehlt Student dem Stadtkommandanten Paul Wilhelm Loehning, der im Friederikenschlösschen sein Quartier hat, Hannover bis zum letzten Mann zu halten - während der kommissarische Oberbürgermeister Egon Bönner den Stadtkommandanten bereits bedrängt, Hannover kampflos zu übergeben.

Die Amerikaner rücken unterdessen unaufhaltsam auf die Stadt zu. In ihrem Quartier in Bad Nenndorf teilen die Militärs Hannover in Sektoren auf, die bestimmten Truppenteilen zugeordnet werden. Vom Norden und vom Westen her sollen die einzelnen Einheiten der 84. US-Division die Stadt einnehmen. Einen Spaziergang erwarten die G.I.s nicht, schließlich hat es um Hannover herum in den vergangenen Tagen immer wieder Gefechte mit deutschen Truppen gegeben. Aufhalten konnte das die Amerikaner allerdings nicht. Und so beginnt am 10. April um 5.30 Uhr, am nebligen Morgen eines Frühlingstages, ihr Einmarsch in die zerstörte Stadt.

An diesem Tag gibt es noch einmal Alarm. In Letter geht der damals zehnjährige Lothar Redlin in den Bunker. Wieder einmal. „Dann passierte lange nichts, es gab auch keine Entwarnung“, sagt er. Schließlich hält der Junge es im Bunker nicht mehr aus, läuft ins Freie auf seine Schaukel - und hört dort ein Geräusch: Panzer rollen auf der Autobahn in Stöcken. Die Amerikaner sind da. „Ich habe richtig hoch geschaukelt, voller Glücksgefühle“, sagt Redlin heute. Intuitiv hatte der Junge erfasst, dass es eine Epochewende gab, die auch sein eigenes Leben umkrempeln würde: „Ich musste nicht mehr zur Hitlerjugend - Angst hatte ich vor dem Verein!“

Die Amerikaner rücken am 10. April über die Schulenburger Landstraße und die Vahrenwalder Straße in die Stadt ein. Während es am Rand der Stadt noch Kämpfe gibt, treffen sie in der Innenstadt kaum auf Widerstand. Dicht an den Hauswänden entlang tasten sich die Soldaten durch die Trümmerwüsten ins Zentrum vor, die Waffen immer schussbereit auf Kellerfenster gerichtet. Jeeps und Panzer rollen über die Limmerstraße; überall hängen jetzt weiße Bettlaken aus den Fenstern. Und am Straßenrand versammeln sich die Deutschen. Schweigend und zerlumpt, mit einer Mischung aus Furcht und Erleichterung, sehen sie sich das Spektakel an.

In Ricklingen traut sich Klaus Wolandewitsch irgendwann an diesem Tag aus dem Bunker in der Nordfeldstraße. „Wir warteten ängstlich vor dem Bunker, als im Westen schwere amerikanische Lastwagen und Panzer auftauchten - mit freundlichen Soldaten darauf.“ Einer von ihnen winkte den Jungen zu sich heran: „Unter dem Raunen der umstehenden Mütter lief ich auf ihn zu“, sagt Wolandewitsch: Der schwarze Soldat strich dem sechsjährigen Jungen über dem Kopf und schenkte ihm eine große Tafel Schokolade: „Ich habe sie in ganz kleine Stücke zerbrochen, damit ich noch viele Tage davon zehren und mich an diesen aufregenden Augenblick erinnern konnte“, sagt er heute. Wie Klaus Wolandewitsch ahnen viele Hannoveraner in diesen Tagen, dass die Amerikaner ganz anders sind, als die NS-Propaganda sie gezeichnet hatte.

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Stadtkommandant Loehning stellt seinen Soldaten bei einem letzten Appell gegen 7.30 Uhr frei, sich auf eigene Faust nach Hause durchzuschlagen. Er selbst fährt zu Freunden nach Kleefeld, zieht die Uniform aus und erwartet in Zivil die Ankunft der Amerikaner. Ununterbrochen rollen nun US-Panzer über die Podbielskistraße, am Lister Platz regeln uniformierte Amerikaner den Verkehr. Ein pflichtbewusster Reichsbahner im Hauptbahnhof meldet einem Kollegen in Lehrte um 10.27 Uhr, dass das „Tausendjährige Reich“ in Hannover schon Geschichte ist: „Ich schalte jetzt die Leitung ab, die Amis sind soeben vor dem Hauptbahnhof eingetroffen.“ Eine offizielle Kapitulation gibt es nicht, doch Oberbürgermeister Bönner wird im Neuen Rathaus verhaftet.

Als der Abend heraufzieht, muss niemand mehr in den Bunker. Jetzt, da sie keinen Alarm mehr fürchten müssen, ziehen einige Frauen um ersten Mal seit Monaten fast feierlich wieder ein Nachthemd an. Und in Letter nimmt die junge Mutter Sophie Lütchens ihre dreijährige Tochter Edelgard auf den Schoß: „Der Krieg ist vorbei“, sagt sie erleichtert. „Ich habe als Kind keine Reaktion gezeigt“, sagt Edelgard Bochnick heute. Die Bomben, die Trümmer - das Mädchen hatte ja nie etwas anderes kennengelernt und folglich auch keine Vorstellung vom Frieden. Als ihre Mutter sie damals fragte, ob sie sich denn gar nicht freue, fragte sie irritiert zurück: „Was ist denn Krieg?“

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